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Investment

15. June 2022 | Teilen auf:

Investmentverhalten besser verstehen

Forscher der FH Münster nehmen unter die Lupe, welchen Einfluss die Investmentstrategie auf die Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei Immobilieninvestitionen hat. Von Professor Dr. Nico Clever und Jan Schröder

Aufgrund der hohen Investitionskosten und der langen Lebensdauer von Gebäuden – 85 bis 95 Prozent des heutigen Gebäudebestandes werden auch im Jahre 2050 noch stehen – besteht die Gefahr von Lock-in-Effekten für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele, beispielsweise der Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen. Folglich ist es unabdingbar, dass Immobilieninvestoren und -investorinnen bereits heute neben finanziellen Kriterien auch Nachhaltigkeitsthemen in ihre Investmententscheidungen einbeziehen.

Dabei hat sich unabhängig vom Investitionsobjekt gezeigt, dass Investoren mit einer langfristigen Investitionsstrategie Nachhaltigkeitskriterien häufiger in ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen als Investoren mit einem kurzfristigen Anlagehorizont. Obwohl die Sensibilität der Öffentlichkeit für Themen der Nachhaltigkeit zunehmend wächst und zugleich eine Vielzahl an gesetzlichen Vorschriften die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien bei Investitionen forciert, ist die tatsächliche Berücksichtigung von Kriterien zu Environment, Social und Governance bei Immobilieninvestitionen bisher nicht untersucht worden.

Untersuchung zur Berücksichtigung von ESG-Kriterien

Auf Basis der sozialpsychologischen Theorie des geplanten Verhaltens (Theory of Planned Behavior; TPB) von Ajzen haben die Autoren dieses Artikels eine wissenschaftliche Untersuchung zur Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei Immobilieninvestitionen durchgeführt. Die grundlegende Annahme der TPB ist, dass das tatsächliche Handeln einer Person mit ihrer Verhaltensabsicht erklärt werden kann. Diese wiederum ist abhängig von der Einstellung der Person und die auf sie wirkende subjektive Norm, die alle sozialen und normativen Einflüsse und somit die erwartete Reaktion des sozialen Umfelds auf das angestrebte Verhalten widerspiegelt.

Theorie des geplanten Verhaltens (Quelle: Ajzen/Autoren)

Überdies hat die wahrgenommene Verhaltenskontrolle einen Einfluss sowohl auf die Verhaltensabsicht als auch das tatsächliche Verhalten. Für die Verhaltensabsicht gilt, dass sie umso größer ist, a) je positiver die Einstellung der Person gegenüber dem geplanten Verhalten ist, b) je mehr die Person die Wahrnehmung hat, dass ihr soziales Umfeld das Verhalten befürwortet und c) je überzeugter die Person davon ist, die Handlung auch tatsächlich ausführen zu können (wahrgenommene Verhaltenskontrolle). Analog hierzu ist die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten größer, je größer die Verhaltensabsicht und die wahrgenommene Verhaltenskontrolle diesbezüglich ist.

Langfristig ESG im Blick

Die Umfrage, die zur Analyse des Einflusses der Investmentstrategie auf die Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei Immobilieninvestitionen erstellt wurde, fand in der zweiten Jahreshälfte 2021 statt. Umfrageteilnehmer und -teilnehmerinnen waren für Immobilieninvestitionen verantwortliche Personen, unabhängig von der Unternehmens- beziehungsweise Investitionsvehikelgröße. Nach der Bereinigung der Daten lagen 85 analysierbare Datensätze vor. Die Verteilung der Investitionsstrategien zeigt, dass der Großteil der antwortenden Personen im Bereich der langfristigen Strategien einzuordnen ist.

Für die Untersuchung wurden sieben Hypothesen aufgestellt, die im Anschluss an die Datensammlung statistisch untersucht wurden (die Hypothesen im Detail sowie weitere Grafiken finden Sie in unserem ePaper ). Es hat sich gezeigt, dass Immobilieninvestoren, die einen langfristigen Anlagehorizont verfolgen, eine größere Verhaltensabsicht zeigen, ESG-Kriterien bei ihren Investitionen tatsächlich zu berücksichtigen und diese häufiger in ihre Entscheidungen einbinden als Investoren mit einem kurzfristigen Anlagehorizont. Mit einem um etwa 33 Prozent höheren Mittelwert bei gleichzeitiger hoher Signifikanz ist dieser Unterschied enorm.

Es ist demnach insbesondere der große Unterschied zwischen den verschiedenen Anlagestrategien beim tatsächlichen Verhalten hervorzuheben. Während gegenwärtig nur rund 44,4 Prozent der Immobilieninvestoren mit einer kurzfristigen Investitionsstrategie ESG-Kriterien in ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen, tun dies 80,6 Prozent der langfristig orientierten Immobilieninvestoren. Diese Resultate spiegeln sich auch im Kaufverhalten von Gebäuden mit Nachhaltigkeitszertifikaten wider, deren Nutzung ein einfacher Weg zur Integration von ESG-Kriterien ist, da Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont gegenwärtig den höchsten relativen Anteil an Green Buildings in ihren Portfolios aufweisen.

Einstellung verbessern

Auf Basis der Ergebnisse der Studien lassen sich verschiedene Implikationen für die Praxis gewinnen. Zum einen haben Investoren, die nachhaltige Investitionen tätigen, auch eine positive Einstellung zu Nachhaltigkeitsthemen. Daraus lässt sich ableiten, dass eine Verbesserung der Einstellung zur Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei Immobilieninvestitionen großes Potenzial hat, das entsprechende Verhalten zu fördern.

Zur Verbesserung der Einstellung ist es besonders wichtig, ein Bewusstsein für die Relevanz von Nachhaltigkeit zu schaffen. Dies gelingt durch das Vermitteln von umfassendem Wissen. Zum anderen kann das tatsächliche Verhalten durch Maßnahmen zur Erhöhung der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle gefördert werden. Hierfür muss die unternehmensinterne Planung so angepasst werden, dass ausreichend zeitliche und finanzielle Ressourcen bereitstehen und entsprechend qualifiziertes Personal vorhanden ist. Es kann daher notwendig sein, zusätzliches Personal mit den erforderlichen Qualifikationen einzustellen.

Eine weitergehende Untersuchung der Motive kann helfen, Maßnahmen und Anreize zu verbessern. Darüber hinaus ist eine Untersuchung der von Investoren tatsächlich verwendeten ESG-Kriterien von großem Interesse. Sie kann Aufschluss darüber geben, ob Investitionsentscheidungen auf Basis des ganzheitlichen Ansatzes oder primär anhand ökologischer Faktoren getroffen werden.

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zuletzt editiert am 20.06.2022