Dr. Martin Koch
Dr. Martin Koch ist Geschäftsführer von Immprinzip. (Quelle: Immprinzip)

Nachhaltigkeit & ESG

30. June 2022 | Teilen auf:

"Wo ist der Tesla der Immobranche?"

Forschung statt Ignoranz: Dr. Martin Koch fordert in seinem Kommentar mehr Bereitschaft, mit Newcomern und Start-ups neue Wege in puncto Klimaschutz zu gehen.

Am 12. Dezember 2015 wurde in Paris auf der internationalen Klimakonferenz COP 21 das heute oft zitierte Pariser Abkommen beschlossen. Nach vielen Jahren intensiver Verhandlungen hatten sich damals die teilnehmenden Staaten dazu verpflichtet, die Weltwirtschaft auf klimafreundliche Weise zu verändern. Das Hauptziel ist es, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu senken.

Doch nicht alle Player fühlten und fühlen sich seitdem verpflichtet, ihren Teil dazu beizutragen. Die deutsche Bau- und Immobilienbranche reagierte in den zurückliegenden Jahren vor allem mit Ignoranz.

Weiterhin wurde mit Beton, Stein und ölbasierten Wärmedämmverbundsystemen gebaut, so als hätte die Klimakonferenz nicht stattgefunden. Der Grund: Die Kaufpreis- und Mietpreisspirale drehte sich auch nach 2015 kontinuierlich nach oben. Käufer und Käuferinnen achteten nicht auf Bauweise oder CO2-Verbrauch der neuen Bauwerke.

ESG: angesagt und hip

Ein Denkfehler zieht sich von damals bis heute. Denn staatliche Förderungen zielten ausschließlich auf den Energieverbrauch im Gebäudebetrieb ab, nicht auf die Klimawirkung der Herstellung des Bauwerks. Dabei ist allein die  Zementherstellung für acht Prozent der weltweiten CO2-Emmissionen verantwortlich.

Immerhin: Die Zeiten haben sich durch EU-Vorgaben und auch durch den Regierungswechsel geändert. ESG ist in der Fondsbranche angesagt und hip.
Plötzlich fragen sogar Käufer und finanzierende Banken nach dem ökologischen und sozialen Fußabdruck. Die Förderung der KfW für Neubauten wird zudem zum nächsten Jahr eine vollkommen neue Grundlage erhalten und insbesondere den ökologischen Herstellungsprozess als Förderkriterium sehen. Kam das überraschend? Offenbar ja, denn viele Player haben nicht erwartet, dass auch die Immobilienbranche einen Beitrag zum Klimaschutz und sozialen Frieden leisten muss. Und auch die Bauwirtschaft hat bestenfalls im Einfamilienhausbereich ökologische Nischenprodukte entwickelt.

Angesichts der neuen Umstände erwachen viele Projektentwickler, wollen ökologischer bauen. Doch Lippenbekenntnisse oder Maßnahmen, die an „Greenwashing“ erinnern, reichen bei Weitem nicht.

Holz löst nicht das Klimaproblem

Oft wird bei einem Neubau Holz als Material hinzugefügt und anschließend stolz von einem Holzhybridbau gesprochen. Mal ist es nur die Fassadenverkleidung, mal die Außenwand und nur ausgesprochen selten  das gesamte Tragwerk. Viele Bauherren, die bisher meist im Massivbau tätig waren, stellen fest, dass kaum kompetente und erfahrene Planer und Gutachter zu finden sind, deren Expertise im Holzneubau liegt.

Es entwickelt sich neben der Massivbaufraktion mittlerweile eine Holzbaufraktion. Ist das ein Grund zur Freude? Nein. Holz ist sicher ein Baustoff, über den wir nachdenken müssen. Doch er ist nicht die Lösung unseres Klimaproblems.

Die Anzahl der Hersteller der Holzmaterialien (Brettsschichtholz, Konstruktionsvollholz, Baubuche etc.) ist sehr begrenzt, und schon eine vergleichsweise geringe Nachfragesteigerung führt schon heute zu einer Überforderung der Produzenten und insbesondere der Handwerker. Zudem führt das Absterben der Fichtenbestände und der in Hessen politisch verordnete Einschlagstopp für ältere Buchenbestände zu einer zunehmenden Rohstoffverknappung. Die Folgen: Preissteigerungen mit zweistelligen Prozentsätzen im Wochenrhythmus und untragbare und unvorhersehbare Lieferzeiten.

Holz kann daher nicht die einzige Lösung sein, um den Klimafußabdruck unserer Neubauten zu verbessern. Das sollte auch der Bundesregierung bewusst sein, die viel zu sehr auf diese eine Karte setzt. Was wir brauchen, sind neue, innovative Ansätze und vor allem Forschung.

Vorstoß in Öko-Nischen

Warum wird in Holland und den USA schon seit Jahren über Hanf und Flachs als Baustoff (und nicht nur als Dämmstoff) geforscht, während sich in Deutschland seit Jahrzehnten fast ausschließlich darum bemüht wird, den Beton ein bisschen ökologischer (RC-Beton) oder dünner (Kohlefaserbewährung) zu bekommen? Die Branche sah bisher nicht die Notwendigkeit zu forschen, da es ihr Jahrzehnte sehr gut ging. Dabei wurden viele Chancen verschlafen; diesen Vorwurf müssen wir uns alle machen. 

Wo ist der Tesla der Immobranche, der in Öko-Nischen vorstößt, die andere noch nicht erkannt haben? Wir sollten bereit sein, mit Newcomern und Start-ups neue Wege zu gehen.
Doch wie können junge Start-ups mit innovativen Ideen von der Privatwirtschaft gefördert und nicht nur müde belächelt werden? Wie können wir Produktforschungen an den Universitäten zielgerichtet und praxisorientiert durch private Mittel vorantreiben? Wie schaffen wir hierzu die richtigen Netzwerke?

Wenn in der Immobilienbranche die Digitalisierung schon als Herausforderung verstanden wird, darf es nicht verwundern, dass Forschungs- und Entwicklungsabteilungen oder Innovationsbeauftragte kaum zu finden sind. Wir müssen aufwachen und mutiger werden. Selbstverständlich ist gerade unsere Branche überreguliert und sind die Widerstände durch antiquierte Landesbauordnungen, nicht mehr zeitgemäße Normen und falsch verstandenen angeblichen Verbraucherschutz enorm.

Dennoch: Die Zeitenwende ist eingeläutet. Unser Ideenreichtum in der maximalen Ausnutzung der staatlichen Fördermittel sollte nun endlich auch auf die immobilienwirtschaftliche Produktinnovation übertragen werden, damit auch wir unseren Beitrag zu den Pariser Klimaschutzzielen leisten.

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zuletzt editiert am 30.06.2022