Grüne Origami-Frösche
Bei den Klimaschutz-Regelungen hat Deutschland nicht die Nase vorn. (Quelle: iStockphoto/Kenishirotie)

Nachhaltigkeit & ESG

29. June 2022 | Teilen auf:

Die Nase vorn

Beim Klimaschutz gehört Deutschland nicht unbedingt zu den Vorreitern. In manchen Punkten sind andere Länder weiter. Von Roswitha Loibl

Brüssel zeigt Dynamik in Sachen Klimaschutz, aber nicht alle Länder der Europäischen Union ziehen mit. „Deutschland ist aktuell eher der Bremser, der versucht, einen Sonderweg zu gehen“, stellt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), fest. Damit meint sie die Initiative Ecore, die einen Scoring-Standard entwickelt. „Es ist schwierig, von Deutschland aus etwas Eigenes zu machen, wo doch europaweit schon Ansätze da sind“, sagt sie. Die Erfahrung, aus einem deutschen System ein europäisches zu machen, habe die DGNB zwar erfolgreich gemeistert, „aber vor allem durch einen sehr kooperativen Ansatz mit europäischen Partnerorganisationen“.

Hermann Horster, Head of Sustainability von BNP Paribas Real Estate, sieht Deutschlands Position ähnlich: „Länder wie Frankreich, die Niederlande oder Großbritannien haben im Hinblick auf CO2 und Gebäude eine deutlich schärfere Gesetzgebung als wir.“

"Schluss mit lustig"

Vorreiter sind beispielsweise die Niederlande. Bürogebäude müssen dort bis zum 1. Januar 2023 mindestens ein Energielabel der Klasse C vorweisen, damit sie weiterhin als Bürogebäude genutzt werden dürfen. Dieser Standard entspricht einem Energieverbrauch von 66 bis 100 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. „Wer ein Bürogebäude ohne Energieausweis der Klasse C trotzdem als solches nutzt oder vermietet, riskiert ein Bußgeld“, berichtet Horster.

Eigentümer von großen Büroflächen haben die gesetzliche Verpflichtung, alle kostengünstigen Effizienzmaßnahmen zu ergreifen. Niederländische Banken begleiten ihre Kunden dabei und ermutigen sie aktiv, eine höhere Energieeffizienz als Klasse C anzustreben. Zudem gilt die Vorgabe, dass Unternehmen alle Energiesparmaßnahmen, die eine Amortisationszeit von fünf Jahren oder weniger haben, umsetzen müssen, wenn sie jährlich mehr als 50.000 Kilowattstunden Strom oder 25.000 Kubikmeter Erdgas verbrauchen.

In Deutschland kapriziere man sich auf das bezahlbare Wohnen und diskutiere zu viel darüber, dass strenge energetische Vorgaben dessen Kosten in problematische Höhen treiben, meint Lemaitre: „Bezahlbares Wohnen ist die Königsdisziplin. Wir dürfen hier die Vielfalt der gebauten Umwelt nicht aus dem Auge verlieren. Es ist viel wichtiger, spezifische Ansätze in der Breite zu verfolgen, um zu zeigen, dass Schluss mit lustig ist.“

Gesetzlicher Fahrplan in Frankreich

Frankreich hat einen gesetzlichen Fahrplan mit Zwang zur Senkung des Energieverbrauchs im Gewerbe-Bestand. Hermann Horster erläutert: „Alle gewerblich genutzten Gebäude mit mehr als 1.000 Quadratmetern müssen ihren Energieverbrauch bis 2030 um mindestens 40 Prozent, bis 2040 um 50 Prozent und bis 2050 um 60 Prozent im Vergleich zum Bezugsjahr senken und dem Staat ab dem Jahr 2021 jedes Jahr eine Aufstellung ihres Energieverbrauchs übermitteln.“

Auch beim den „eingebetteten“ CO2-Emissionen von Gebäuden geht Frankreich voran, auch wenn nicht mit einer europäischen Methode, sondern mit dem sogenannten Dynamic Life Cycle Assessment gerechnet wird.  Anfang 2022 ist eine entsprechende Verordnung zur Lebenszyklusbetrachtung in Kraft getreten. Sie verpflichtet zum Nachweis, wie hoch die Kohlenstoffemissionen aller verwendeten Materialien, beim Transport, beim Bau bis hin zum Abriss sind. Dass die graue Energie in Frankreich eine besondere Bedeutung hat, liegt daran, dass Gebäude in der Regel mit Strom beheizt werden. Dessen Emissionsfaktor ist gering, da er zum Großteil aus Atomkraftwerken stammt.

Schnellverfahren für unwillige Vermieter in England

In England und Wales gilt schon seit 2016 das „Minimum Energy Efficiency Standard Program“. Es verpflichtet Gebäudebesitzer, ihre Immobilien auf das Effizienzlevel E des Energieausweises zu bringen, was einem Energieverbrauch von 136 bis 170 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter entspricht. Mieter können die Maßnahmen verlangen, und wenn ein Vermieter der Aufforderung nicht nachkommt, wurde ein Schnellverfahren eingerichtet, das ihn zu solchen Maßnahmen zwingen kann.

In New York, genauer gesagt in Manhattan, müssen die Energieverbräuche aller Gebäude offengelegt und in einer Datenbank erfasst werden. Dieses Beispiel nennt Christine Lemaitre und berichtet andererseits von Nutzern in Deutschland, die von ihren Vermietern keine Auskunft über die Energieklasse ihrer Immobilie erhalten. Sie benennt das Problem: „In der Gesetzgebung ist vieles vorhanden, aber es gibt ein Defizit bei der Umsetzungskontrolle bei der Enev oder dem GEG. Nur beim Brandschutz wird das in der Regel immer geprüft.“

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zuletzt editiert am 29.06.2022