Porträt Hubert Rhomberg im grauen Sakko
Quelle: Rhomberg Gruppe

Unternehmen & Köpfe

8. November 2022 | Teilen auf:

"Auf uns kommt ein Tsunami zu"

Vor zehn Jahren stellte Hubert Rhomberg mit seinem Unternehmen Cree ein erstes Holz-Hybrid-Hochhaus fertig. Nachhaltigkeit ist ein Thema, das ihn schon lange bewegt. Wie er diese Überzeugung in konkretes Handeln übersetzt und was er mit Gleisbau zu tun hat, erzählt er im Gespräch mit immobilienmanager.

Herr Rhomberg, wenn man Sie oder die Rhomberg-Gruppe googelt, findet man unzählige Aktivitäten. Was macht Ihnen eigentlich keinen Spaß?

Hubert Rhomberg: Also keinen Spaß macht mir mittlerweile, was ich 20 Jahre lang gemacht habe, nämlich mit Partnern oder Menschen sprechen, die ich überzeugen muss, dass wir zukunftsfähig bauen müssen. Es ist offensichtlich, was zu tun ist. Dafür braucht es mich nicht mehr. Stattdessen beschäftige ich mich lieber damit, wie wir es gemeinsam schaffen können, die Nachhaltigkeitsziele schneller zu erreichen. Gemeinsamer Wissenstransfer und Austausch sind mir dabei besonders wichtig. Darum habe ich mit Cree auch ein Plattform-Modell geschaffen, mit dem wir unser gemeinsames Wissen aufbauen und miteinander teilen können.

Was ist Ihr Leitbild?

Hubert Rhomberg: Das wichtigste ist für mich, dass jeder Mitarbeitende das eigene Potenzial erkennt und auch ausleben kann. Nur mit Freude an der Arbeit lassen sich gute Leistungen erzielen. Das ist auch oberste Aufgabe jeder Führungskraft in meinen Unternehmen. Jede und jeder muss seine oder ihre Führungsaufgabe so wahrnehmen, dass jeder Mitarbeitende sein oder ihr Potenzial entfalten kann. Zu verstehen, wo dieser Mensch seine Freude, sein Potenzial und seine Möglichkeiten hat, ist oberstes Ziel. Was Sie nämlich am Ende als Unternehmen bekommen, ist Leistungsfreude, Kundenorientierung, Innovationskraft und Loyalität.

Hubert Rhomberg ist ein Vorreiter des nachhaltigen Bauens, was er unter anderem mit einem ersten Hochhausbau aus Holz bewiesen hat. Der achtstöckige Life Cycle Tower LCT One im österreichischen Dornbirn wurde 2012 fertiggestellt.

Seine Karriere begann der Diplom-Ingenieur im Bereich Tief- und Brückenbau bei der Strabag. Nach dem Einstieg in das elterliche Bauunternehmen im Jahr 1998 baute er dort den Bereich „Feste Fahrbahn im Gleisbau“ auf. Die Bahntechnik ist ein wichtiger Zweig des Unternehmens, das international – von Europa bis Australien – tätig ist.

Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1886 von Cornelius Rhomberg im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Die Rhomberg Gruppe beschäftigt heute rund 3.400 Menschen. Hubert Rhomberg leitet sie seit 2002 in der vierten Generation als einer von zwei Geschäftsführern.

Im Jahr 2010 setzte er die Cree GmbH „aufs Gleis“, deren Name für Creative Resource & Energy Efficiency steht. Partner waren damals die Signa Holding und die Privatstiftung des Unternehmers Richard Morscher. Seit 2018 ist die Zech Group Miteigentümer.

Sie haben ja nicht nur den Fokus auf dem Immobilienbau, sondern eben auch auf Bahn und Ressourcen. Wie kam es zu der Vielzahl an Engagements?

Hubert Rhomberg: Das kommt aus der familiären Geschichte und dem Generationswechsel über die Jahre. Jede Generation will schließlich etwas Eigenes machen. Ich war nach meinem Studium drei Jahre lang bei der Strabag als Ingenieur im Bereich Tief- und Brückenbau tätig und habe das genutzt, um die Bahntechnik als Projektgeschäft auszubauen, als ich im Familienbetrieb einstieg.
Das Unternehmen war damals deutlich kleiner und nur sehr lokal tätig. Mir war sehr schnell klar, dass man in der damaligen Konstellation das Thema nicht hätte voranbringen können. Unsere Gleisbauabteilung war damals auch sehr viel kleiner, und ich wollte unbedingt einen anderen Schwerpunkt setzen als mein Vater – einen eigenen. Also habe ich mit dem Thema „Feste Fahrbahn im Gleisbau“ begonnen. Das war mein Baby. Das habe ich 15 Jahre auf Wachstumskurs geführt und konnte so der Unternehmer im Unternehmen sein.

Gibt es da Synergien zwischen den Sparten?

Hubert Rhomberg: Ja, es ist schon heute sehr vieles ähnlich im Projektgeschäft. Ein Unterschied ist sicherlich, dass die Projekte im Brücken- und Gleisbau von der öffentlichen Hand beauftragt werden, im Gegensatz zu unseren Immobilienprojekten. Aber die Logik ist bei allen Projekten im Grunde die gleiche. Wir versuchen bei allen den gleichen technologischen Anspruch anzuwenden. So gibt es bei den größeren Projekten zum Beispiel einen digitalen Zwilling. Bevor wir eine Baustelle beginnen, fliegen wir mit einer Drohne das Gelände ab und realisieren mit Reality Capture einen fotorealistischen Zwilling des Projekts. In diesem digitalen Projekt wird dann die Planung und zum Teil sogar eine Ablaufsimulation auf Basis einer Unity-Game-Engine durchgeführt.

Wie fassen Sie dann diese Informationen zusammen?

Hubert Rhomberg: In Zukunft wollen wir aus einem zentralen „Mission Control Center“ alle Baustellen verfolgen. Nicht nur, weil das sehr viel effektiver ist, sondern auch, weil wir gar nicht mehr genug Personal für unsere Bauaktivitäten bekommen. Hinzu kommt die eigene digitale Plattform, auf die alle Mitarbeitenden aus den unterschiedlichsten Bereichen zugreifen können. So kann zum Beispiel ein Gleisbaukollege in Belgien oder Frankreich die Daten der Kollegen in Australien oder Großbritannien einsehen und von den dort gemachten Erfahrungen profitieren.
Für uns ist essenziell, dass wir unser Wissen an die junge Generation weitergeben. Zu wenige junge Menschen kommen nach. Gleichzeitig gehen immer mehr erfahrene Poliere, Bauleiter und Ingenieure in Pension. Viel Wissen geht dadurch verloren, wenn wir es jetzt nicht professionell und für jeden zugänglich dokumentieren.

Damit sprechen Sie ein sensibles Thema an. Die Branche hat ein immer spürbareres Personalproblem.

Hubert Rhomberg: Da haben Sie Recht. Trotzdem ist die Branche gerade an genau dem Punkt, an dem sie äußerst attraktiv ist: Hier können Sie eine Branche mitgestalten, in der Technologie bisher noch eine untergeordnete Rolle spielt. Ich bin davon überzeugt, dass die Berufsbilder in der Immobilienbranche attraktiver werden. Das Problem ist natürlich, dass derzeit alle Branchen ein Personalproblem haben. Aber die Immobilienbranche kann zumindest aufschließen zu anderen, attraktiven Industriezweigen.

In Ihrem Lebenslauf ist Nachhaltigkeit sehr präsent, nicht nur bei Ihrem Lebenskonzept. War das eine aktive Entscheidung oder stand das schon immer im Vordergrund?

Hubert Rhomberg: Das liegt sicher in mir selbst, weil ich einfach davon überzeugt bin, dass ich mit allen Dingen verbunden bin auf dieser Welt. De facto koexistieren wir Menschen mit allem Anderen um uns herum und eben auch mit der Natur. Die Technik macht uns leider glauben, wir könnten völlig abgekoppelt von der Natur leben. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich jetzt herausstellen wird, dass das eben nicht funktioniert.

Welche Ideen haben Sie dabei geprägt?

Hubert Rhomberg: Auslöser dafür, das Nachhaltigkeitsthema aktiv in meiner Arbeit anzugehen, waren sicherlich die Übernahme der Verantwortung in der Firma vor über 20 Jahren sowie ein Treffen mit Friedrich Schmidt-Bleek, der sich schon sehr lange mit den Ressourcenfragen beschäftigt hat. Schmidt-Bleek hat mir erklärt, wie unsere Ressourcenströme funktionieren, was unser metabolischer Kreislauf in der Wirtschaft ist und dass jede Art von Aktivität einen Ressourcenstrom auslöst. Wenn einem das klar wird, sieht man alles um sich herum anders.
Wenn man also weiß, dass der ökologische Rucksack von einem Produkt oder einem Material sehr unterschiedlich sein kann, beginnt man, sein Handeln zu überdenken. Für die Produktion von Stahl etwa müssen acht Tonnen Natur bewegt werden. Für Kupfer sogar 500. Bei Holz hingegen liegt der Faktor bei 0,2. Der Fokus auf die Holz-Hybrid-Bauweise und letztlich auch den Hochhausbau mit Holz war dann eine logische Konsequenz.

Merken Sie, dass immer mehr Menschen dazu bereit sind, diesen Schritt zu gehen?

Hubert Rhomberg: Ja. Weil auch die Greenwasher langfristig entlarvt werden. Da draußen gibt es mittlerweile zu viele junge und gebildete Menschen, die recherchieren und Fakten checken und eben nicht mehr alles glauben. Zweite treibende Kraft sind die Finanzinstitute, die immer mehr Druck vom Gesetzgeber bekommen. Sicherlich muss man hier aufpassen, dass es nicht totalitär wird, da bin ich schon ein Freund von Anreizsystemen. Langsam wacht hier auch die Immobilienbranche auf, die mir jedoch noch sehr verunsichert erscheint, weil keiner genau weiß, was die Konsequenzen sein werden.

Welche Dimension hat das Thema Nachhaltigkeit?

Hubert Rhomberg: Zurzeit haben bestimmt 90 Prozent noch nicht verstanden, dass ein Tsunami auf uns zukommt. Das Erdbeben hat schon stattgefunden, aber die Welle ist noch nicht da. Wenn Großkonzerne bis 2030 klimaneutral sein wollen, heißt das für alle Niederlassungen nichts anderes, als dass sie zum frühestmöglichen Zeitpunkt den Mietvertrag kündigen und in ein nachhaltiges Gebäude umziehen müssen. Das wird enormen Einfluss auf die Mieten gerade dieser Gebäude haben und könnte die Immobilienbranche nachhaltig beeinflussen.
Ich prophezeie, dass jeder, der zukünftig eine Immobilie entwickelt oder erwirbt, sich absolut sicher sein muss, dass die Immobilie auch wirklich „grün“ ist. Ansonsten wird er ein Problem bekommen. Wir werden in Zukunft Stranded Assets sehen, die nicht älter als zehn Jahre sind.

Aber woher sollen die ganzen „grünen“ Immobilien kommen?

Hubert Rhomberg: Wir allein können sicher nicht so viele Gebäude bauen. Aber mit unserer Plattform Cree haben auch andere Bauherren, Planer und Unternehmen die Möglichkeit, von unseren umfassenden Umsetzungserfahrungen zu profitieren. Derzeit sind 14 Partner dabei, die auf unser Know-how zugreifen, um für ihre Kunden in ihren Märkten ressourceneffizient zu bauen.

Jeder klagt über Baustoffmangel. Woher beziehen Sie eigentlich das Holz für Ihre Projekte?

Hubert Rhomberg: Holz ist derzeit sowohl als Baumaterial als auch in der Papierproduktion sowie als Verbrennungsmaterial sehr gefragt. Allerdings wäre es bei Papier kein Problem, auf Hanf umzustellen. Und allein mit dem, was in Deutschland nachwächst, könnte man den ganzen Wohnbau in Deutschland mit Holz bedienen.
Wir bringen mit unserer Holz-Hybrid-Bauweise eine wesentliche Lösung in den Markt. Das muss aber nicht die einzige Lösung bleiben. Vielmehr hoffen wir darauf, dass andere Industrien nachziehen. Die Zementindustrie beispielsweise steht gerade enorm unter Druck, endlich CO2-neutral zu werden.

Viele Projektentwickler haben derzeit ein anderes Problem: Die Zinsen steigen, die Inflation gleich mit. Wir haben Ressourcen- und Personalsorgen – viele haben Probleme, ihre Objekte überhaupt noch stemmen zu können. Sehen Sie da eine ähnliche Entwicklung?

Hubert Rhomberg: Ja, absolut. Da kann ich nur empfehlen, rechtzeitig umzuplanen – je nachdem, in welchem Stadium das Projekt ist. Wir können derzeit in zwei Wochen ein Projekt mit Baurecht, das noch nicht bis ins Detail geplant ist, zum grünen Projekt machen. Das kostet im Bau momentan zwar noch etwas mehr, aber das hat sich über höhere Mieterlöse und extreme Verkaufspreise schnell amortisiert, und dann können Sie sogar Mehreinnahmen erzielen.

Wir haben vor allem ein Nachhaltigkeitsproblem im Bestand. Ist da für Sie Abriss und Neubau eine Lösung?

Hubert Rhomberg: Bestandsgebäude gilt es genau zu analysieren und zu schauen, welche Möglichkeiten es eventuell schon gibt, um die Immobilie nachhaltiger zu gestalten. Grundsätzlich plädiere ich dafür, so viel wie möglich von der Immobilie stehen zu lassen. Zumindest, was die Struktur betrifft. Wenn alles nicht hilft, muss es einen Plan geben, wie so viel Material wie möglich wieder eingesetzt oder weiterverwertet werden kann.

Verantwortliche und Gäste bei der offiziellen Enthüllung des Firmenlogos des neuen Joint-Ventures Renowate.
Hubert Rhomberg (dritter von links) bei der Gründung von Renowate, einem Gemeinschaftsunternehmen von Rhomberg Bau mit LEG Immobilien, im April 2022. (Quelle: Jochen Tack)

Wo setzen Sie bei Bestandsbauten an?

Hubert Rhomberg: Der Hauptbedarf ist dabei bei den thermischen Sanierungen von Bestandsgebäuden zu finden. Genau aus diesem Grund haben wir zusammen mit der LEG das Unternehmen Renowate gegründet, mit dem wir gezielt effiziente, weil industrielle Lösungen für die Dekarbonisierung von bestehenden Wohngebäuden anbieten. Das Potenzial ist dabei riesig, denn 80 Prozent der Gebäude, die 2040 stehen, sind heute schon gebaut. Die wenigsten davon allerdings CO2-neutral. Auch hier nutzen wir die Möglichkeiten des technologischen Fortschritts und der Digitalisierung: Zunächst erfassen wir alle relevanten Gebäudedaten mit einer Drohne, erstellen daraus einen digitalen Zwilling samt automatisierter Fassadenplanung und können so schnell und kostengünstig eine maschinell hergestellte Hülle produzieren, die dünner als 20 Zentimeter ist und dadurch keine Baugenehmigung benötigt.
In wenigen Wochen können wir das ganze Objekt samt neuem Dach, Wärmepumpe, Heizung und Fassade realisieren und niemand muss ausziehen. Das ist ein skalierbares Modell für uns.

Glauben Sie, dass der Immobilienboom der vergangenen zehn Jahre jetzt erstmal zu Ende ist?

Hubert Rhomberg: Ja, das glaube ich schon, denn Haupttreiber sind sicher nicht nur die gestiegenen Materialkosten, sondern eher die steigenden Zinsen, die schon den einen oder anderen Entwickler in die Insolvenz getrieben haben. Viele werden sicher versuchen, ihre Projekte umzuplanen, und auch der Wohnbau wird die geforderten 400.000 Wohnungen niemals umsetzen können.

Abschließend: Was wünschen Sie sich von Politik, Gesellschaft und der Immobilienbranche?

Hubert Rhomberg: Die Verantwortlichen müssen endlich aufwachen! Und sich mit Menschen umgeben, denen sie vertrauen können. Dann können wir alle gemeinsam wirklich etwas bewegen.

Das Gespräch führte André Eberhard.

zuletzt editiert am 08.11.2022