Seit April ist der Ex-HOWOGE Chef bei Techem am Ruder. Er will den Messdienstleister zum Systemanbieter weiterentwickeln - nicht ganz ohne vorher aufzuräumen.
Ulrich Schiller kennt Techem noch aus Kundensicht. Seit April verantwortet der frühere HOWOGE Geschäftsführer das Deutschlandgeschäft des Energiedienstleisters und führt seit Ende August als Co-CEO auch die gesamte Unternehmensgruppe. Im Gespräch mit immobilienmanager erklärt er, wie Techem vom klassischen Messdienstleister zum digitalen Systemanbieter werden soll, warum dafür die Beziehung mit bestehenden Montagedienstleistern intensiviert, parallel eigene Montagekapazitäten aufgebaut werden und weshalb die Wohnungswirtschaft bei der Wärmewende aus seiner Sicht zu Unrecht als Bremser gilt.
Ulrich Schiller kennt beide Seiten des Tisches. Rund 20 Jahre arbeitete er auf Eigentümerseite, zunächst bei Vonovia, später bei der HOWOGE. Techem kannte er dabei nicht nur als Dienstleister, sondern auch aus dem Kundenbeirat. Seit April 2026 verantwortet er das Deutschlandgeschäft von Techem.
Einen grundlegenden Perspektivwechsel will er trotzdem nicht erkennen. „Ich bin seit 20 Jahren in der Immobilienwirtschaft auf der Eigentümerseite gewesen und ich habe die Erwartungshaltung an Dienstleister und an Dienstleistungsversprechen“, sagt Schiller. Gerade dieser Blick von außen soll nun in die Weiterentwicklung von Techem einfließen.
Das Unternehmen betreut nach eigenen Angaben mehr als 13,5 Millionen Wohnungen und hat weltweit rund 59 Millionen Messgeräte im Einsatz. Doch Schillers Ambition geht über das klassische Geschäft mit Verbrauchserfassung und Heizkostenabrechnung hinaus. Immobilieneigentümer seien zunehmend auf der Suche nach „Systemanbietern“, die mehr könnten als Heizkostenabrechnung oder Smart Metering. „Wir haben eine breite Produktpalette und wir entwickeln mehr“, sagt Schiller.
Vom Kritiker zum Verantwortlichen
Bevor Techem neue Geschäftsfelder erschließt, soll allerdings das klassische Geschäft besser funktionieren. Schiller spricht ungewöhnlich offen über die Herausforderungen im Kundenservice. „Ich glaube, dass wir als Dienstleister unbedingt daran arbeiten müssen, dass wir die Kundenanliegen schneller bearbeiten.“ Er sei auch deshalb geholt worden, weil er zuvor als Kunde Kritik an Techem geäußert habe. Ziel sei es, „Dinge zu verändern und zu verbessern“.
„Ich glaube, im Moment ist es ein wenig hausgemacht. Wir haben an der einen oder anderen Stelle Kritik unserer Kunden an unserem Serviceversprechen ein bisschen liegen lassen“, resümiert Schiller.
Die Konsequenz soll nicht nur mehr Digitalisierung sein. Techem überprüft Dienstleisterbeziehungen und baut eigene Kapazitäten auf. „Das darf nicht auf Kosten unserer Kunden passieren und deswegen haben wir an der einen oder anderen Stelle auch Geschäftsbeziehungen beendet oder verändert.“ Gleichzeitig sollen etwa Chatbots helfen, einfache Kundenanfragen schneller abzuarbeiten.
Neue Mitarbeiter für die Installation
Vor allem bei der Installation will Techem nicht nur die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern intensivieren, sondern auch stärker selbst tätig werden. Der Hintergrund ist ein Problem, das weit über das Unternehmen hinausgeht: Handwerker und Installationskapazitäten werden für die Energiewende zunehmend zum Engpass.
„Wir wollen, wenn wir unseren Kunden versprechen, dass wir Geräte installieren, das auch einhalten können. Dafür brauchen wir Installationskapazität und die bauen wir auch selber auf“, sagt Schiller. Er spricht von „ neuen Mitarbeitern“, die in relativ kurzer Zeit hinzukommen sollen. Mehr als 300 eigene Beschäftigte habe Techem bereits zuvor im Reparaturbereich gehabt.
Schiller sieht darin auch eine Voraussetzung für weiteres Wachstum. Denn mit der Transformation der Gebäude steigt die Zahl der technischen Komponenten, die installiert, vernetzt und abgerechnet werden müssen.
320 Millionen Euro für Smart Metering
Parallel baut Techem sein Geschäft mit intelligenten Messsystemen aus. Mit der Mehrheitsübernahme des Smart Meter Spezialisten inexogy kündigte das Unternehmen Investitionen von 320 Millionen Euro innerhalb von fünf Jahren an. Perspektivisch sollen bis zu 1,5 Millionen intelligente Messsysteme erreicht werden.
Schiller sieht den bislang schleppenden Smart Meter Rollout allerdings nicht nur als technisches oder regulatorisches Problem. „Ich glaube, es ist ein Fehlen der Use Cases an der einen oder anderen Stelle.“ Anwendungen wie Mieterstrom, gemeinschaftliche Gebäudeversorgung, Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und flexible Stromtarife müssten erst in größerem Umfang entstehen.
Gerade bei der Elektromobilität sieht er ein Henne Ei Problem. „Noch zu wenige Mieterinnen und Mieter fragen Ladeinfrastruktur nach.“ Ohne Nachfrage werde Infrastruktur zurückhaltend aufgebaut, ohne Infrastruktur wiederum bleibe die Nachfrage begrenzt.
Vom Messdienstleister zum Systemanbieter
Strategisch soll Techem deshalb über die klassische Heizkostenabrechnung hinauswachsen. „Aus der Historie heraus sind wir Messdienstleister“, sagt Schiller. Doch Gebäude entwickeln sich zunehmend zu kleinen Energiesystemen: PV-Anlagen produzieren Strom, in Batterien wird er zwischengespeichert, Wärmepumpen verbrauchen ihn, Elektroautos werden geladen, Mieterstrommodelle und flexible Tarife kommen hinzu.
Techem will die Anlagen dabei nicht unbedingt selbst besitzen. Die PV-Anlage sei ebenso wie die Wärmepumpe Bestandteil des Gebäudes. Die Rolle von Techem sieht er vielmehr darin, die unterschiedlichen Energieflüsse über intelligente Messsysteme zu erfassen und sauber abzurechnen.
Dazu passt auch der Verkauf des Contracting Geschäfts. „Wir konzentrieren und fokussieren uns gerade auf unsere Kernkompetenzen“, sagt Schiller. Die Strategie folgt damit einer klaren Abgrenzung: weniger Eigentum an Energieanlagen, dafür mehr Messung, Steuerung und Abrechnung.
„Es geht nicht darum, ein Datensammler zu sein“
Eine zentrale Rolle spielen dabei Daten. Bei rund 59 Millionen Messgeräten ist deren Menge erheblich. Schiller warnt allerdings davor, Daten bereits für sich genommen als Geschäftsmodell zu betrachten.
„Daten stellen nur für diejenigen einen Mehrwert dar, der damit umzugehen weiß und für den sie einen Wert erzeugen“, sagt er. Techem wolle deshalb nicht einfach möglichst viele Informationen sammeln. „Es geht nicht darum, nur ein Datensammler zu sein.“
Interessanter wird aus seiner Sicht, was sich mit den Daten im Gebäude tatsächlich verändern lässt. Techem beziffert die durchschnittliche Energieeinsparung durch seinen digitalen Heizungskeller, der den Anlagenbetrieb überwacht und optimiert, auf rund 15 Prozent. Bei einem untersuchten Wärmepumpenportfolio lag die Reduktion nach Unternehmensangaben bei durchschnittlich 29 Prozent.
Auch beim Verhalten der Bewohner sieht Schiller erhebliches Potenzial. Die einmal im Jahr eintreffende Heizkostenabrechnung komme dafür zu spät. „Ich glaube, dass der Weg nach vorne noch digitaler werden muss.“ Apps könnten Bewohner deutlich schneller darauf hinweisen, wenn ihr Verbrauch steigt.
Sein Beispiel ist bewusst alltäglich: Wer in den Winterurlaub fahre, frage sich häufig noch nach 20 Kilometern, ob der Herd ausgeschaltet sei. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur in jedem zehnten Auto die Frage gestellt wird: Habt ihr eigentlich alle Heizkörper ausgedreht?“
Dass Nutzerverhalten einen messbaren Einfluss hat, zeigte sich besonders während der Energiekrise. Nach Auswertungen von Techem sank der Endenergieverbrauch für Wärme 2022 gegenüber dem Vorjahr um rund 20 Prozent. Rund zwölf Prozentpunkte führte das Unternehmen auf die mildere Witterung zurück, etwa acht auf Nutzerverhalten und eine effizientere Betriebsführung.
Schiller verteidigt die Wohnungswirtschaft
Bei der Wärmewende nimmt der frühere HOWOGE Geschäftsführer die Immobilienbranche ausdrücklich in Schutz. Der Vorwurf, Eigentümer würden zu langsam modernisieren, greife zu kurz.
„Ich finde das bemerkenswert, wenn man der Immobilienwirtschaft vorwirft, dass sie nicht nach vorne prescht mit Gebäudemodernisierungen, wenn du gleichzeitig nicht weißt, ob vielleicht doch irgendwann noch mal ein Anschlusszwang um die Ecke kommt.“
Wer heute in eine Wärmepumpe investiere und wenige Jahre später erfahre, dass Fernwärme durch die Straße gelegt werde, könne falsch investiert haben. „Die Immobilienwirtschaft ist nicht untätig, sondern sie bereitet sich vor und plant.“
Seine Forderung an die Politik fällt entsprechend klar aus: „Wir brauchen in diesem Land nicht mehr Regulatorik.“ Entscheidend seien „Stabilität und Verlässlichkeit in der Gesetzgebung“.
Streit um die CO2 Kosten
Kritisch sieht Schiller auch die Aufteilung der CO2 Kosten zwischen Mietern und Vermietern. Seit 2023 richtet sich der Anteil des Vermieters grundsätzlich nach der energetischen Qualität des Gebäudes. Damit sollen Eigentümer einen stärkeren Anreiz zur energetischen Modernisierung erhalten.
Schiller hält diese Logik dort für problematisch, wo ein hoher Verbrauch wesentlich vom Verhalten der Bewohner verursacht wird. „Wenn ich CO2-Steuern für diejenigen bezahlen muss, die 20 Minuten unter der warmen Dusche stehen, dann kann ich so viel Dämmung ans Gebäude packen, wie ich will, das wird nicht funktionieren. Das finde ich nicht ausgewogen.“
Für ihn müssen deshalb beide Seiten der Gleichung betrachtet werden: die Effizienz des Gebäudes und das Verhalten seiner Nutzer. „Noch mehr Belastung verträgt die Wohnungswirtschaft nicht.“
Gleichzeitig warnt Schiller davor, die notwendigen Investitionen weiter aufzuschieben. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Gerade der Gebäudesektor bleibt dabei unter Druck. 2025 lagen dessen Treibhausgasemissionen nach Angaben des Umweltbundesamtes bei gut 103 Millionen Tonnen CO2.
Schiller sieht darin allerdings nicht nur eine milliardenschwere Sanierungsaufgabe. Ein Teil der Einsparungen könne bereits durch bessere Steuerung, mehr Transparenz und verändertes Nutzerverhalten erreicht werden. Zeit bleibt trotzdem nicht unbegrenzt.
„Jedes Jahr, das verstreicht, macht die Volumina, die nachher umgesetzt werden müssen, immer herausfordernder.“
Auch hörenswert:
