Porträtbild Roger Bollinger
Roger Bollinger ist geschäftsführender Gesellschafter von Bollinger + Fehlig Architekten. (Quelle: Bollinger + Fehlig Architekten GmbH)

Nachhaltigkeit & ESG 2023-11-06T07:31:43.489Z Ohne Gemeinwohl keine Nachhaltigkeit

Die Branche muss sich stärker ihrer Verantwortung für Mensch und Umwelt bewusst werden, appelliert Roger Bollinger in seinem Kommentar.

Im Zuge des Klimawandels und der damit verbundenen politischen Klimaschutzziele wurde der Begriff Nachhaltigkeit von der Immobilienbranche in den letzten Jahrzehnten meist ausschließlich ökologisch definiert: Wie können wir den Energieverbrauch unserer Gebäude senken? Wie die CO2-Emissionen reduzieren? Welche innovativen Technologien können uns dabei helfen, immer bessere – grünere – Neubauten zu entwickeln? Das alles sind selbstverständlich enorm wichtige Fragen, aber wer sich nur auf projektbezogene Machbarkeiten fokussiert, verliert leicht die ethische Perspektive aus dem Blick, die dem Begriff Nachhaltigkeit innewohnt: das Gemeinwohl.

Nicht von ungefähr wurden mit der EU-Taxonomieverordnung zusätzlich zur Ökologie auch soziale Verantwortung und gute Unternehmensführung als gleichrangige Nachhaltigkeitsfaktoren gesetzt. Darüber wurde klargestellt, dass auch das grünste Projekt nicht wirklich nachhaltig sein kann, wenn es keinen unmittelbaren Nutzen für die Stadtgesellschaft bringt und wenn in den an Entwicklung und Bau beteiligten Unternehmen keine Chancengleichheit herrscht oder Mitarbeiter schlecht bezahlt werden.

Kurz: Klimarettung ist kein Selbstzweck, sondern Teil des größeren Anspruchs, sich für das Wohlergehen der Menschen und somit für zukunftsfähige urbane Strukturen einzusetzen. Um diese Perspektive ganzheitlich in der Branche zu verankern, ist es allerdings nötig, sie mit den ökonomischen Anforderungen in Einklang zu bringen.

Zugewinn an Glaubwürdigkeit

Zunächst aber gilt es, sich an die eigene Nase zu fassen, Werte zu definieren und objektiv zu prüfen, wie gemeinwohlorientiert das eigene Unternehmen ist, beziehungsweise wo dringend nachgebessert werden sollte: Haben unsere Mitarbeiter tatsächlich gleiche Chancen, unabhängig von Herkunft oder Geschlecht? Woran erkenne ich Potential, ohne den perfekten Lebenslauf zu beachten? Wie gerecht ist die Entlohnung? Welche Maßstäbe und Werkzeuge brauchen wir, um uns hier (noch) besser aufzustellen? Der nächste Schritt ist es, die eigenen Projekte unter die Lupe zu nehmen: Stimmt die Balance zwischen Rendite einerseits und Nutzen für das Gemeinwohl andererseits? Anhand welcher Kriterien lässt sich das sinnvoll prüfen? Lassen sich gar prozentuale Anteile definieren? Und wie ist das ökonomisch zu rechtfertigen?

Ein sinnvoller Ansatz, um diese Fragen zu klären, biete der gezielte Austausch mit Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung – etwa in dem man bei jedem Projekt zu Beginn einen Runden Tisch initiiert. Das macht die Arbeit zwar auf den ersten Blick komplizierter, bringt der Branche aber in der öffentlichen Wahrnehmung einen Zugewinn an Glaubwürdigkeit, der mittelfristig dazu führt, dass man Projekte leichter und schneller umsetzen kann. Auch wäre dies der Rahmen, behördliche Vorgaben auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen und etwa durch die partielle Aufweitung des Regelkorsetts bei Themen wie Brandschutz, Schallschutz oder Denkmalschutz Kosten zu senken, um so das Budget für gemeinwohlorientierte Maßnahmen zu erhöhen.

Neues Mindset benötigt

Dies wäre umso wichtiger, weil es das Bauen im Bestand deutlich erleichtern würde, welches wiederum, ökologisch betrachtet, das Gebot der Stunde ist. Denn Bauen im Bestand setzt viel weniger CO2-Emissionen frei als Abriss und Neubau. Unser bestehendes Regelwerk, ausgelegt auf die Anwendung im Neubau, steht dem entgegen, wodurch der Abbruch und Neubau viel zu oft leider einfach nur billiger oder in seiner Umsetzung kalkulierbarer erscheint und somit Chancen für sinnvolle Um- oder Nachnutzungen vertan werden.

An diesem Beispiel wird klar, dass gemeinwohlorientiertes Bauen nicht von den Bauherren allein umgesetzt werden kann. Es braucht auch politische Weichenstellungen und ein neues Mindset – bei Investoren ebenso wie bei den Nutzern. Trotzdem ist es die Aufgabe der Branche, sich ihrer Verantwortung für Mensch und Umwelt bewusst zu werden und eigene Lösungsansätze zu erarbeiten. Denn letztlich sind wir alle Teil der Stadtgesellschaft. Es sollte also auch in unserem persönlichen Interesse liegen, den urbanen Raum so zu gestalten, dass er – nachhaltig – für alle Menschen lebenswert bleibt.

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zuletzt editiert am 06. November 2023
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