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Marcel Sedlák (Quelle: HB Reavis)

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06. May 2022 | Teilen auf:

Neue Zeiten: Menschen vor Miete!

Ein Kommentar von Marcel Sedlák, Country CEO von HB Reavis Deutschland, zum Verhältnis von Büro-Vermieter und -Mietern.

Seien wir ehrlich: Was waren jahrelang die wichtigsten Parameter, wenn gewerbliche Mieter und Eigentümer über Büromietverträge diskutierten? Es waren die Quadratmeterzahl, die Miete und die Laufzeit. Und natürlich ist das nachvollziehbar: Der Mieter stand üblicherweise unter Druck des Finanzvorstands, Kosten zu sparen, und der Vermieter auf der anderen Seite stand unter Druck, mit der Immobilie einen attraktiven Cashflow zu liefern. Heute gibt es in diesem Spannungsfeld einen neuen Stakeholder: Es sind die Mitarbeiter des mietenden Unternehmens. Also all die Menschen, die später auf der Fläche arbeiten. Ihnen eine gesunde und ansprechende Bürolandschaft zu liefern, wird immer mehr zum neuen großen vierten Punkt neben der genannten Quadratmeterzahl, Miete und Laufzeit. 

Es lässt sich kaum ausreichend betonen, wie dramatisch dieser Paradigmenwechsel ist: Der Büroarbeitsplatz ist nicht mehr in erster Linie ein Kostenfaktor für den Arbeitgeber, sondern ist glasklar ein Produktivitäts- und HR-Faktor. Unternehmen setzen ihre Bürolandschaft gezielt als Anziehungs- und Bindungsinstrument ein, um die besten Talente auf dem Markt als Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Die Personalkosten sind in vielen Unternehmen sieben bis neunmal höher als die Büroflächenkosten. Und man hat erkannt, dass diese ohnehin vergleichsweise geringe Bürokostenposition langfristig einen erheblichen Mehrwert bietet, wenn sie auf gesunde und ansprechende Arbeitsräume einzahlt, wenn sie die Unternehmenskultur fördert und wenn sie die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöht. Der Paradigmenwechsel geht so weit, dass heute die HR-Abteilung in die Immobiliensuche involviert ist und mit am Tisch bei den Mietvertragsverhandlungen sitzt. Der Wandel hatte bereits vor der Pandemie begonnen. Die Covid-Disruption hat ihn nun noch einmal erheblich verstärkt. 

Was bedeutet das alles für die Vermieterseite? In der Vergangenheit genügte es, weitgehend generische Büroflächen anzubieten. Mit Copy-Paste-Grundrissen, die mehr oder weniger für alle potenziellen Mieter passen sollten, ungeachtet der Tatsache, dass jeder Mieter doch individuelle Bedürfnisse hat. Der Markt war einfach so. In der Post-Covid-Welt aber werden es Entwickler schwer haben, wenn sie sich nur auf die Wünsche von Investoren konzentrieren. Wir müssen uns auf neue Arbeitsräume einlassen, die den sich dramatisch entwickelnden Bedürfnissen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern entsprechen. Dafür müssen wir gut zuhören und das Unternehmen und seine Mitarbeiter tatsächlich verstehen und beraten. Als Mieter, der unser Kunde ist, und nicht nur als Miete. In der Praxis bedingt das eine dann oft das andere: Wenn der Kunde seine individuellen Anforderungen wirklich erfüllt sieht, lösen sich dadurch dann auch eventuelle Fragezeichen bei der Miete.

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zuletzt editiert am 06.05.2022