Wie steht es um den Ausbau der Elektromobilität in Deutschland? Wir haben bei Virta-Geschäftsführer Nicolai Woyczechowski nachgefragt.
Herr Woyczechowski, Ihr Unternehmen wurde 2013 in Helsinki gegründet und stellt eine Ladeplattform für Elektrofahrzeuge zur Verfügung. Wie genau funktioniert Ihr Geschäftsmodell?
Nicolai Woyczechowski: Unsere All-in-One Ladelösung richtet sich ausschließlich an B2B Kunden, die das Laden von E-Fahrzeugen als Zusatzservice zu ihrem bestehenden Geschäft anbieten möchten. Unser Komplettservice übernimmt dabei alle Schritte, bis die Ladestationen in Betrieb gehen. Vom Standortcheck und der Überprüfen der technische Umsetzung bis hin zur Auswahl, Lieferung und Installation von Ladestationen und der Bereitstellung eines Backends. Auch im Anschluss übernehmen wir die Wartung, Firmware-Updates und Supportdienste für die Ladegäste an den Ladestationen.
Gerade in der Immobilienbranche gilt Mobilität als Werttreiber für ein Objekt. Die Erreichbarkeit und Infrastruktur vor Ort entscheiden künftig noch stärker darüber, wer Mieter im Objekt wird und wie hoch der Mietpreis sein kann. Arbeiten Sie derzeit bereits mit Immobilienbestandshaltern zusammen?
Nicolai Woyczechowski: Im Immobiliensektor gibt es derzeit viele positive Impulse hin zu mehr Lademöglichkeiten an und in Gebäuden. Das merken wir auch daran, dass wir vermehrt Anfragen von Immobilienbestandshaltern und -verwaltern erhalten. Daher arbeiten wir bei Virta bereits seit einiger Zeit mit Unternehmen sowohl aus der Bauwirtschaft als auch aus dem Immobiliensektor eng zusammen, um Teil dieser Entwicklung zu sein.
Welche Herausforderungen sehen Sie bei Immobilienbesitzern und -betreibern?
Nicolai Woyczechowski: Herausforderungen beim Ausbau von Ladeinfrastruktur im Immobiliensektor sehen wir vor allem bei der technischen Planung und ganz besonders bei der kosteneffizienten Umsetzung von E-Mobilität. Das Energiemanagement stellt ebenso eine Herausforderung dar wie die Gestaltung von einheitlichen und einfach zugänglichen Ladelösungen. Viele Immobilienbesitzer und -betreiber suchen jedoch genau das und schätzen daher die Vorteile der Virta All-in-One Lösung.
Wie kann das Tanken von Elektromobilität und Immobilie noch stärker miteinander verknüpft werden? Müssen Immobilien künftig anders gestalten werden, um Elektromobilität gerecht zu werden?
Nicolai Woyczechowski: Immobilien werden künftig nicht grundsätzlich anders gestaltet werden, um der Elektromobilität gerecht zu werden, jedoch muss der Strombedarf der E-Fahrzeuge bei der Planung einer neuen Immobilie mitgedacht werden. Wird in einer Immobilie Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge installiert, hat dies natürlich Auswirkung auf den Gesamtverbrauch des Gebäudes.
Immobilienentwickler müssen daher voraussehend planen und den zukünftigen Strombedarf von Gebäuden bereits in der Projektierungsphase richtig bemessen. Mit dem geeigneten Lastmanagement können TGA-Planer und -Planerinnen Kosten für einen teureren Netzanschluss sowie für aufwendige Netzwerkinstallationen reduzieren. Auch können nachträglich weitere Ladestationen hinzugefügt werden, ohne befürchten zu müssen, dass Netzkapazitäten überschritten werden. Ladestationen zusammen mit Lastmanagement machen die Energieversorgung von Gebäuden somit zukunftssicher und kosteneffizient, da teure Investitionen in den Netzausbau überflüssig werden. Gleichzeitig eignen sich Ladestationen für E-Fahrzeuge ideal in Kombination mit PV-Anlagen, die nun im Zuge der Energiekrise wieder vermehrt wieder Aufmerksamkeit erhalten. Mit Technologien wie Vehicle to Grid (V2G) kann die Stromüberproduktion von Gebäuden vorübergehend in Fahrzeugbatterien gespeichert werden und bei Bedarf wieder rückgeführt werden. Das ist keine ferne Zukunftsmusik, sondern bei einigen Virta Partnern bereits Realität.
Ist Elektromobilität langfristig die Zukunft der Fortbewegung? Immerhin ist für viele auch Elektromobilität in Sachen Nachhaltigkeit nicht unumstritten.
Nicolai Woyczechowski: Mittlerweile gehören E-Autos zum deutschen Straßenbild dazu und sind kaum wegzudenken. Der E-Boom hält trotz der schwächelnden Verkaufszahlen bei herkömmlichen Fahrzeugen weiterhin an, auch weil viele neue Modelle das Erzielen hoher Reichweiten endlich möglich machen.
Bei der Evaluierung der Umweltbilanz eines Fahrzeuges spielen diverse Faktoren eine Rolle. Ein entscheidender Faktor ist, dass Elektroautos im Betrieb keine Emissionen ausstoßen. Diesel und Benziner hingegen stoßen im Betrieb eine beträchtliche Menge an Stickoxiden, Feinstaub und klimaschädlichen Emissionen, also CO2, aus. Über einen ganzen Lebensweg hin betrachtet, stoßt ein Elektroauto in Europa im Vergleich zu einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor (Benzin oder Diesel) im Schnitt nur 30 Prozent der Menge an CO2 aus.
Außerdem werden beim Betrieb eines Elektromotors 69 Prozent der zugeführten Energie tatsächlich für die Fortbewegung eingesetzt, vorausgesetzt, der Betrieb erfolgt zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien. Das macht sie nicht nur effizient, sondern auch deutlich umweltfreundlicher. Bei einem Benziner liegt der Wirkungsgrad gerade mal bei 20 Prozent. Hier geht der Großteil der Energie während des Transports und der Herstellung des Treibstoffs oder durch Abwärme beim Betrieb verloren.
Während der Vorteil eines Elektroautos bei klimaschädlichen Emissionen wie CO2 ganz deutlich gegeben ist, gibt es bei der rohstoffintensiven Produktion von E-Autos noch Entwicklungspotentiale. Allen voran die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien ist mit einem hohen Wasserverbrauch und ökologisch, sozial und ethisch problematischen Förderbedingungen bei Kupfer, Nickel und Kobalt verbunden. Hier ist allerdings davon auszugehen, dass neue Entwicklungen und Technologien in Zukunft die Effizienz und Umweltbilanz der Batterieproduktion deutlich verbessern werden.
Wie kann Elektromobilität unser Stadtbild beeinflussen? Welche Vision haben Sie dort?
Nicolai Woyczechowski: Elektromobilität kann unser Stadtbild in vielerlei Hinsicht positiv beeinflussen, zum Beispiel durch die Reduzierung von Emissionen und Luftverschmutzung, aber auch durch Lärmminderung. Die zunehmende Anzahl von Elektrofahrzeugen kann dazu beitragen, den Straßenlärm in städtischen Gebieten zu reduzieren und das städtische Umfeld leiser und angenehmer zu gestalten.
Im Stadtbild der Zukunft ist Elektromobilität Teil eines umfassenderen Konzepts für nachhaltige Mobilität. Dies schließt den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, Fahrradwege und Fußgängerzonen mit ein. Elektrofahrzeuge können in Kombination mit diesen Maßnahmen dazu beitragen, den Verkehr, die Lärmbelästigung und die klimaschädlichen Emissionen zu reduzieren. Unsere Vision ist es, die Welt nachhaltig in Bewegung zu halten und eine Symbiose von E-Mobilität und Stromnetz herbeizuführen.
Die bisher noch verhältnismäßig geringen Reichweiten von Fahrzeugen und die langen Ladezeiten schrecken bisher noch viele vor dem Kauf eines Elektrofahrzeugs ab. Welche Entwicklung werden wir hier künftig sehen?
Nicolai Woyczechowski: Die Entwicklung von Elektrofahrzeugen schreitet kontinuierlich voran, und es ist zu erwarten, dass in Zukunft bedeutende Fortschritte erzielt werden, um die bisherigen Herausforderungen wie geringe Reichweite und lange Ladezeiten zu überwinden. Die Weiterentwicklung der Batterietechnologie ist von zentraler Bedeutung, um die Reichweite von Elektrofahrzeugen zu erhöhen. Derzeit wird an Hochleistungsbatterien mit höherer Energiedichte geforscht, die mehr Kapazität bieten und längere Fahrstrecken ermöglichen. Zudem ist ein schneller Ausbau der Ladeinfrastruktur entscheidend, um ein dichtes Netzwerk von Ladestationen zu ermöglichen und so Reichweitenängste zu verringern.
Auch in Sachen Nachhaltigkeit bei der Herstellung und Wiederverwendung von Batterien wird an Lösungen gearbeitet. Abgenutzte Fahrzeugbatterien können beispielsweise nach ihrem Einsatz in Elektrofahrzeugen noch in anderen Anwendungen eingesetzt werden, zum Beispiel in stationären Energiespeichern oder als Speicherlösungen für erneuerbare Energien.
Fortschritte in der Ladeinfrastruktur werden die Ladezeiten erheblich reduzieren. Schnellladetechnologien wie High-Power-Charging (HPC) oder Ultra-Fast-Charging können die Ladezeit auf wenige Minuten verkürzen, sodass Elektrofahrzeuge ähnlich schnell betankt werden können wie herkömmliche Verbrennungsfahrzeuge.
Was wünschen Sie sich von Politik und Immobilienwirtschaft?
Nicolai Woyczechowski: Ganz grundsätzlich wünschen wir uns mehr Verbindlichkeit und ein klares Bekenntnis zur E-Mobilität. Von Seiten der Politik darf es keine Zweifel mehr an der E-Mobilität geben. Denn nur dann, wenn die Politik sich eindeutig für E-Mobilität einsetzt und diese mit Subventionen und entsprechenden politischen Rahmensetzungen fördert, wird sie auch von der Bevölkerung angenommen. Wir sind davon überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen der Politik, der Industrie, der Zivilgesellschaft und den Verbrauchern von entscheidender Bedeutung ist, um das gemeinsame Ziel einer nachhaltigen Mobilität zu erreichen.
Das Gespräch führte André Eberhard.
