Deutschland debattiert über den Bauturbo und übersieht, worauf es wirklich ankommt; Tempo ist eine strategische Entscheidung. Von Václav Matoušek
Manche fordern inzwischen die Kettensäge à la Musk oder Milei, um die deutsche Regelwut zu bändigen. Ich halte das für den falschen Reflex, denn Deutschland scheitert gar nicht an zu vielen Regeln, sondern an einem System, das nicht aufs Liefern ausgelegt ist. Meine These nach zwanzig Jahren Projektentwicklung in Mittel- und Osteuropa, Großbritannien und Deutschland lautet: Tempo ist keine Frage der Deregulierung, sondern eine Haltung und eine strategische Entscheidung, die andere Länder längst getroffen haben. Wann trifft sie Deutschland?
Zwei Städte, ein Startpunkt
Warschau und Berlin begannen 1945 am selben Nullpunkt. Warschau war auf 37 Prozent seiner Vorkriegsbevölkerung zurückgeworfen, Berlin auf 65 Prozent. Heute liegt Warschau bei 143 Prozent des Vorkriegsniveaus, während Berlin erst wieder 90 Prozent erreicht hat. Ein Großteil der Warschauer Skyline ist allein in den vergangenen zwanzig Jahren entstanden. Das ist keine Kritik an Berlin, aber es zeigt, wie sehr das Tempo, mit dem eine Stadt planen, entscheiden und bauen kann, über Jahrzehnte prägt, was aus ihr wird.
Zeit ist der teuerste Baustoff
Was das konkret bedeutet, erleben wir derzeit in Berlin. An der Jannowitzbrücke entwickeln wir das erste Hochhaus nach dem neuen Berliner Hochhausleitbild, ein Projekt im Volumen von 350 bis 400 Millionen Euro. Allein zwischen Ankauf und Aufstellungsbeschluss sind drei Jahre vergangen. Diese Zeit fließt nicht in bessere Architektur, mehr Nachhaltigkeit oder höhere Aufenthaltsqualität, sondern in Interpretation, Klärung und Anpassungsschleifen mit einer Vielzahl von Beteiligten, die oft unterschiedliche, teils widersprüchliche Anforderungen stellen. Jedes zusätzliche Jahr kostet Millionen, und dieses Geld fehlt anschließend genau dort, wo es der Stadt nützen würde: bei Innovation, Nachhaltigkeit und öffentlichem Raum. Es ist unwiederbringlich verloren. Zeit ist in der Projektentwicklung der teuerste Baustoff.
Dabei mangelt es nicht an Engagement: Verwaltung, Politik und Entwickler arbeiten mit großem Einsatz, aber eben zum Teil gegeneinander. Auch fehlt es an einer gemeinsamen Einstellung, schnell zu agieren und die Regeln im Sinne der Zukunft auszulegen.
Was andere anders machen
Nehmen wir das Beispiel Polen: Manche Städte warten nicht auf Wachstum, sie konkurrieren aktiv darum. Wrocław etwa tritt auf der Expo Real und der MIPIM gezielt an Investoren heran. Wer sich für den Standort entscheidet, bekommt ein eigenes Team der Stadt an die Seite, das Türen öffnet, Behörden koordiniert und Konflikte löst. Das Ergebnis ist sichtbar: starke Universitäten, internationale Unternehmen, hohe Lebensqualität.
Großbritannien: In London sind Planungs- und Denkmalschutzregeln oft strenger als in Deutschland, aber sie sind klar, stabil und von Anfang an bekannt. Als Entwickler weiß man früh, welches Potenzial ein Grundstück hat und welche Bedingungen daran geknüpft sind. Hinzu kommt ein entscheidender Mechanismus: Die Boroughs profitieren über Steuern und Arbeitsplätze langfristig von erfolgreichen Projekten und haben deshalb ein eigenes Interesse daran, dass das Potenzial eines Grundstücks ausgeschöpft wird. Anreize und Interessen zeigen in dieselbe Richtung.
Tschechien: Dort war das System der Autobahnplanung so weit kollabiert, dass im Jahr 2014 kein einziger neuer Autobahnkilometer eröffnet wurde. Der Schock erzwang eine Reform: klare Leistungskennzahlen für die Behörden, zentralisierte Genehmigungen für große Infrastruktur, parteiübergreifende Kontinuität über Regierungswechsel hinweg. Heute sind erstmals seit Jahrzehnten mehr Autobahnkilometer genehmigt, als der Haushalt finanzieren kann.
Alle drei Länder zeigen das gleiche Bild: Es ging gar nicht so sehr um Deregulierung, sondern vielmehr darum, Zuständigkeiten zu klären, Anreize zu schaffen und das System aufs Liefern zu verpflichten.
Woran sich der Bauturbo messen lassen muss
Genau das ist der Maßstab für den Bauturbo. Neue Paragrafen allein beschleunigen nichts, solange Zuständigkeiten fragmentiert bleiben und niemand am Ergebnis gemessen wird. Es geht dabei nicht darum, öffentliche Beteiligung oder Qualitätsstandards infrage zu stellen, im Gegenteil: Gute Regulierung und zügige Verfahren schließen sich nicht aus, sie bedingen einander. Denn nur berechenbare Verfahren schaffen Vertrauen und machen Investitionen planbar.
Berlin hat alles, was eine großartige Stadt braucht: Kapital, Talente, Kreativität und eine starke Ingenieurtradition. Die Frage ist nicht, ob sich die Stadt verändert. Die Frage ist, wie schnell. Großartige Städte messen, richten Anreize aus und handeln entschlossen. Tempo ist eine strategische Entscheidung. Deutschland muss sie nur treffen.

Václav Matoušek ist CEO Germany bei HB Reavis.