Städtischer Begegnungsraum zwischen modernen Wohngebäuden bei Abenddämmerung: Menschen unterhalten sich und sitzen an Außenplätzen von Cafés, Kinder spielen und malen mit Kreide, Fahrräder stehen an einem Abstellplatz, Lichterketten hängen über dem gepflasterten Weg. Fassaden mit Holz- und Ziegeldetails sowie vertikale Begrünung und Bäume schaffen eine nachhaltige, gemeinschaftliche Atmosphäre in diesem urbanen Wohnhof.
Das Neuland Neuss entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen Schraubenfabrik. (Quelle: P+B Group)

Projekte 2026-08-13T09:39:52.733Z Vom Industrieareal zum Klimaquartier

P+B transformiert in Neuss eine ehemalige Industriebrache in ein gemischt genutztes Stadtquartier. Wir stellen das Projekt als Best Practice vor und haben mit Gerd Hebebrand gesprochen. Von Thorsten Schnug

Auf dem Gelände der ehemaligen Rheinischen Schraubenfabrik Bauer & Schaurte entsteht mit „Neuland Neuss" ein neues Stadtquartier in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Die P+B Group entwickelt auf rund 50.000 Quadratmetern ein urbanes, gemischt genutztes Quartier mit etwa 650 Wohnungen, sozialen Einrichtungen, Nahversorgung, Co-Working-Angeboten, Gastronomie, Quartiersgarage und Hotel.

Dabei geht das Projekt bewusst über klassischen Wohnungsbau hinaus: Städtebau, Energie, Mobilität, Freiraum und soziale Infrastruktur werden von Beginn an integriert geplant. Ziel ist ein zukunftsfähiges Quartier, das ökologische, soziale und wirtschaftliche Anforderungen gleichermaßen erfüllt.

Die Ausgangslage

Die Industriebrache zwischen Further Straße, Josefstraße, Weißenberger Weg und Zufuhrstraße bietet aufgrund ihrer Lage ein hohes städtebauliches Potenzial. Nach Jahrzehnten industrieller Nutzung wurde das Gelände 2021 durch die P+B Group erworben und als Konversionsstandort neu gedacht.

Im Fokus stand früh die Transformation eines bestehenden Stadtraums – als bewusste Alternative zur Flächenneuinanspruchnahme. Die Entwicklung folgt damit den zwölf Leitgedanken der Quartiersmarke Neuland .

Das Ziel

Mit „Neuland Neuss" wird erstmals das eigene Quartierskonzept vollständig umgesetzt. Im Mittelpunkt steht ein urbanes Quartier der kurzen Wege mit einer hohen funktionalen und sozialen Durchmischung.

Gemeinschaftliche Angebote wie Dachterrassen, Community-Räume und flexible Zusatzflächen stärken die soziale Interaktion und Nutzungsmischung.

Parallel verfolgt das Projekt einen klar strukturierten ESG-Ansatz: klimaangepasste Freiraumgestaltung (Begrünung, Biodiversität), Schwammstadtprinzip für Regenwasser, autoarmes Mobilitätskonzept und CO₂-arme Energieversorgung.

Die Herausforderung

Die Entwicklung eines solchen Quartiers erfordert eine hohe planerische Integration und Abstimmung. Insbesondere die Verzahnung von Städtebau, Energieversorgung, Mobilität, Freiraum und sozialer Infrastruktur stellte eine zentrale Anforderung dar.

Gleichzeitig musste der Anspruch an Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit und Umsetzbarkeit in Einklang gebracht werden – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Baukosten und komplexer technischer Anforderungen.

Auch die Abstimmung mit Politik, Verwaltung und Gestaltungsbeirat spielte eine entscheidende Rolle. Das Projekt wurde daher in einem strukturierten Qualifizierungsverfahren weiterentwickelt.

Ein zusätzlicher Fokus lag auf der Reduktion grauer Energie. Der weitgehende Verzicht auf Tiefgaragen und Untergeschosse trägt dazu bei, Materialeinsatz und Erdbewegungen deutlich zu reduzieren.

Die Umsetzung

Grundlage bildet der städtebauliche Entwurf von Konrath und Wennemar Architekten Ingenieure, überarbeitet durch Kadawittfeldarchitektur. Das Konzept verbindet urbane Dichte mit großzügigen Freiräumen und greift zugleich die industrielle Prägung des Standorts auf.

Zentrales Element ist die „Grüne Furth“ als identitätsstiftender Grünraum. Sie kombiniert Aufenthaltsqualität, Klimaanpassung und Biodiversität durch ein differenziertes Freiraum- und Pflanzkonzept.

Auch das Wasser- und Klimakonzept ist integraler Bestandteil der Planung: Regenwasserrückhalt im Quartier, Verschattung und Durchlüftung und mikroklimatische Optimierung.

Das Mobilitätskonzept setzt auf eine weitgehend autofreie Quartiersmitte: Bündelung des ruhenden Verkehrs in Quartiersgaragen, Vorrang für Fuß- und Radverkehr, und ergänzende Sharing-Angebote (E-Autos, E-Bikes, Lastenräder). Die Lage am Hauptbahnhof ermöglicht eine sehr gute regionale Anbindung und reduziert zusätzlich den Individualverkehr.

Ein zentraler Baustein ist das Energiekonzept: Geothermie mit 107 Erdsonden in rund 200 Metern Tiefe, kaltes Nahwärmenetz, Wärmepumpen und Photovoltaik sowie begrünte Dachflächen. Die Gebäude werden im KfW-40-Standard errichtet. Teile der Energieinfrastruktur werden durch Bundesmittel gefördert.

Das Ergebnis

Das Projekt wurde bereits als Klimaquartier.NRWplus ausgezeichnet und erhielt das DGNB-Vorzertifikat in Platin. Zudem wird das QNG-Siegel angestrebt. Mit einem Investitionsvolumen von rund 300 Millionen Euro gehört „Neuland Neuss“ zu den bedeutenden Quartiersentwicklungen der Region.

Darüber hinaus zeigt das Projekt, wie Konversionsflächen wirtschaftlich und nachhaltig entwickelt werden können, wie integrierte Planung Risiken reduziert und Qualität erhöht und wie ESG-Kriterien zu einem echten Markt- und Standortfaktor werden. „Neuland Neuss“ fungiert damit nicht nur als Einzelprojekt, sondern als übertragbares Modell für zukünftige Quartiersentwicklungen.

Daten & Fakten

Projekt: Neuland Neuss

Standort: Neuss

Grundstücksgröße: rund 50.000 Quadratmeter

Wohneinheiten: rund 650

Investitionsvolumen: rund 300 Millionen Euro

Geförderter Wohnungsbau: rund 33 Prozent der Wohn-BGF

Energieversorgung: Geothermie, kaltes Nahwärmenetz, Photovoltaik

Geothermie: 107 Erdwärmesonden in rund 200 Metern Tiefe

Energiestandard: KfW 40

Auszeichnungen: DGNB Vorzertifikat Platin, Klimaquartier.NRWplus

Projektentwickler: P+B Group

Architektur/Städtebau: Kadawittfeldarchitektur

Freiraumplanung: Studio Grüngrau

Drei Fragen an: Gerd Hebebrand

Herr Hebebrand, mit „Neuland Neuss“ verfolgt P+B einen sehr umfassenden ESG-Ansatz, der Energie, Mobilität, Freiraum und soziale Infrastruktur zusammendenkt. Welche Aspekte waren Ihnen bei dieser engen Verzahnung der verschiedenen Disziplinen besonders wichtig?

Ein professionelles Porträt eines reiferen Geschäftsmanns mit grau meliertem Haar und Bart, der ein dunkelblaues Sakko und ein weißes Hemd vor einem neutralen, hellen Hintergrund trägt und freundlich in die Kamera blickt.
Gerd Hebebrand ist Geschäftsführender Gesellschafter der P+B Group. (Quelle: Bettina Malik)

Gerd Hebebrand: Bei Neuland Neuss war entscheidend, die einzelnen Disziplinen nicht isoliert zu planen, sondern frühzeitig als zusammenhängendes System zu denken. Städtebau, Energie, Mobilität, Freiraum und soziale Infrastruktur wurden konsequent miteinander verzahnt, sodass sich wechselseitige Synergien ergeben.

Beispielsweise greifen das autoarme Mobilitätskonzept und die Freiraumgestaltung unmittelbar ineinander und schaffen gemeinsam Aufenthaltsqualität. Gleichzeitig ist die Energieversorgung integraler Bestandteil der baulichen Struktur und nicht nachgelagert. Ziel war es, kein Nebeneinander einzelner Maßnahmen zu entwickeln, sondern ein funktionierendes Gesamtsystem mit klar definierten Schnittstellen.

Ein so tiefgreifendes ESG-Konzept ist in den aktuellen Zeiten wirtschaftlich extrem anspruchsvoll. Wie lässt sich ein solcher Qualitätsanspruch in der Quartiersentwicklung heute noch profitabel und bezahlbar realisieren?

Gerd Hebebrand: Ein anspruchsvolles ESG-Konzept erfordert zunächst höhere planerische und konzeptionelle Aufwände, kann jedoch langfristig wirtschaftliche Vorteile generieren. Entscheidend ist, Nachhaltigkeit frühzeitig in die Projektentwicklung zu integrieren, anstatt sie als Zusatz zu behandeln.

Durch die systematische Abstimmung von Energie, Mobilität und Freiraum lassen sich Betriebs- und Folgekosten reduzieren. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach energieeffizienten, resilienten und qualitativ hochwertigen Quartieren – sowohl bei Nutzern als auch bei Investoren. Diese Qualitäten wirken sich positiv auf Vermietbarkeit, Wertstabilität und Drittverwendungsfähigkeit aus.

Wirtschaftlichkeit entsteht damit aus der Kombination von effizienter Planung, langfristiger Betriebsperspektive und wachsender Marktakzeptanz nachhaltiger Produkte.

Welche Erkenntnisse aus Neuland Neuss werden aus Ihrer Sicht künftig für andere Quartiersentwicklungen relevant sein?

Gerd Hebebrand: Aus Neuland Neuss lassen sich drei zentrale Erkenntnisse ableiten. Frühe Integration ist entscheidend Nachhaltige Qualität entsteht nur, wenn alle Disziplinen von Beginn an gemeinsam gedacht werden.

Klimaresilienz wird zum Standard Themen wie Wassermanagement, Begrünung und CO₂-arme Energieversorgung sind keine Zusatzoptionen mehr, sondern grundlegende Anforderungen.

Nachhaltigkeit ist ein Marktfaktor ESG-Qualitäten steigern die Attraktivität, Zukunftsfähigkeit und langfristige Werthaltigkeit eines Quartiers. In Summe zeigt das Projekt, dass integrierte, nachhaltige Quartiersentwicklung wirtschaftlich tragfähig ist, wenn sie systematisch geplant und konsequent umgesetzt wird.

Neuland Neuss beim immobilienmanager-Award 2026

Mit dem Projekt Neuland Neuss sicherte sich die P+B Group einen Platz unter den Top 3 des imAward 2026 in der Kategorie Stadtentwicklung & Infrastruktur.

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zuletzt editiert am 13. August 2026
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