Ein Ei in einem 6er-Eierkarton
Ist das eine Ei im Kühlschrank nun ein Zeichen von nachhaltigem Konsum, minimalistischem Lebensstil oder Armut? (Quelle: iStockphoto)

Standorte & Märkte 2023-12-05T14:18:33.450Z Darf es etwas weniger sein?

„Weniger” ist aktuell ein Trend, der in viele Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens hineinreicht – teilweise als bewusste Wahl, teilweise völlig unfreiwillig. Von Bianca Diehl

Im Schrank hängt nur ein guter Anzug, statt 20 stehen im Regal nur zwei Paar Schuhe, und im Kühlschrank wartet ein frisches Öko-Ei vom Bauernhof und nicht ein voller Karton vom Discounter – Minimalismus ist eine populäre gesellschaftliche Haltung und Ausdrucksweise. Sie zeigt sich auch als Designtrend mit wenigen, eleganten Möbeln vor kühlen, undekorierten Wänden. Der Minimalismus als Lebensstil entstand als eine Art Gegenbewegung zum Konsumwahn und Materialismus der modernen Gesellschaft. Dabei spielen nicht nur Kaufen und Besitz eine Rolle, sondern auch Beziehungen, Freizeit und Arbeit. Der bewusste Verzicht ist vor allem ein Phänomen der Wohlstandskultur und nur für jene Bevölkerungsgruppen wirklich nachvollziehbar, die im Zuviel leben und eine ausgeprägte Konsumkultur kennen.

In Deutschland müssen aber immer mehr Menschen aktuell unfreiwillig auf Konsum verzichten. Sie kaufen weniger, weil sie durch die Inflation immer weniger Geld zum täglichen Leben zur Verfügung haben. Zwar ist die Inflation in Deutschland seit Anfang des Jahres zurückgegangen, jedoch verharrt sie immer noch auf hohem Niveau. Im Jahresschnitt dürfte sie nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bei rund 6,5 Prozent liegen. Nicht nur die Verbraucher sind zurückhaltend: Aufgrund gestiegener Produktionskosten und hoher Zinsen sind Investitionen für Unternehmen unattraktiver geworden.

Das bekommen besonders die Industrie und die Bauwirtschaft zu spüren. Die Investitionen im Bausektor gehen 2023 um drei Prozent zurück, prognostiziert das IW. Dazu kommen weniger Nachfrage aus dem Ausland, hohe Zinsen und teure Energie. All das wirkt sich auf das Bruttoinlandsprodukt aus, das wohl 2023 im Vergleich zum Vorjahr laut IW mit fast 0,5 Prozent weniger zur Buche schlagen wird.

Weniger Fläche als Lösung?

Diese Entwicklung macht vor Immobilien nicht halt. Sie werden auch im kommenden Jahr in Deutschland an Wert verlieren, wenn auch langsamer als zuvor. „Der Zinsanstieg hat einen Preisverfall ausgelöst, der längst noch nicht abgeschlossen ist“, stellt Martin Güth, Immobilienmarkt-Analyst der LBBW, fest. Im Segment Büro spielt die veränderte Arbeitswelt eine weitere wichtige Rolle. So sagt zum Beispiel das McKinsey Global Institute voraus, dass die Büroflächennachfrage in den Metropolen der Welt künftig im Mittel um 13 Prozent schrumpfen wird, überwiegend wegen Homeoffice. Für München als einzigem untersuchtem deutschem Standort werden 16 Prozent weniger Nachfrage prognostiziert.

Die Maklerhäuser in Deutschland bemerken vor allem einen Rückgang der großflächigen Vermietungen. „Die außergewöhnlich niedrige Zahl an Großanmietungen ist vermutlich vor allem auf zwei Ursachen zurückzuführen: Erstens sind gerade die großen Unternehmen vor dem Hintergrund des konjunkturell schwierigen und unsicheren Umfeldes besonders zurückhaltend und scheuen zusätzliche Kosten, die mit einem Umzug zwangsläufig verbunden sind. Zweitens fällt das Flächeneinsparpotenzial, das mit dem mobilen Arbeiten einhergeht, tendenziell umso größer aus, je größer das Büro ist”, beschreibt Matthias Pink, Head of Research Germany bei Savills. „Während die erste Ursache vorübergehender Natur ist, ist die zweite strukturell und könnte dazu führen, dass Großanmietungen künftig eine geringere Rolle spielen.“ 

Neben Büros belegt auch der Einzelhandel weniger Flächen. So hat sich im Jahr 2022 erstmals die Verkaufsfläche der Lebensmittel- und Drogeriemärkte verringert: Sie ging gegenüber dem Vorjahr um 0,4 Prozent auf etwa 38,6 Millionen Quadratmeter zurück. Und schaut man sich die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland an, so werden wir immer weniger. Heißt das, dass auch weniger Wohnfläche gefragt ist? Catella hat sich die Bevölkerungsprognose bis 2033 genau angeschaut. Gerade im polyzentralen Deutschland sind die Entwicklungen demnach nicht eindeutig. Am Beispiel des Ruhrgebiets wird deutlich, dass teilweise Wachstums- und Schrumpfungsprozesse zeitgleich zusammen auftreten.

Klar ist, dass Frankfurt am Main, München oder Berlin - die A-Städte generell - in den kommenden Jahren weiterhin deutlich an Bevölkerung gewinnen werden. Dies hat preisliche Auswirkungen etwa auf das Wohnraumangebot. Auf der anderen Seite gibt es Städte, die durch einen deutlichen Einwohnerrückgang gekennzeichnet sind wie zum Beispiel Dessau, Gera oder Suhl.

Planetare Grenzen

Gerade im Segment Wohnen ist das Weniger an neu geschaffener Wohnfläche demnach ein großes gesellschaftliches Problem. Die Zahl der Baufertigstellungen lag im vergangenen Jahr bei 295.300 Wohnungen und verharrte damit etwa auf dem Niveau von 2021. Das Ziel der „Ampel“, 400.000 neue Wohnungen pro Jahr fertigzustellen, wird klar verfehlt. Gleichzeitig bricht die Zahl der Baugenehmigungen weiter ein, sodass auch in den kommenden Jahren keine Lösung des Problems in Sicht ist. Weniger Player auf Seiten privater Entwickler durch Insolvenzen verstärken die Lage zusätzlich.

Wenn Mieten und Kaufpreise für Wohnraum steigen, sind kleinere Einheiten eine mögliche Lösung und Konsequenz. „Generell ist die Reduzierung von Wohnflächen eine geeignete Maßnahme, steigenden Baupreisen zu begegnen”, stellt Johannes Laible, Vorstandsmitglied im Tiny House Verband Deutschland, fest. „In den vergangenen Jahrzehnten war ein kontinuierlicher Wohnflächenzuwachs zu verzeichnen, der nicht nur aus Kostengründen, sondern auch mit Blick auf Klimaschutz und Flächenverbrauch dringend eine Trendumkehr erforderte. Über alle Gebäudearten ist deshalb mit kleineren Wohnflächen zu rechnen.“

Während dieser Verzicht auf mehr Wohnfläche wohl nur in den seltesten Fällen ein selbst gewählter und gewollter Schritt ist, ist die Abkehr von Hightech meist wohlüberlegt. Im privaten Bereich gönnen sich gestresste Personen zeitweise „Digital Detox”, und bei Immobilien gibt es einen Trend zu Low Tech. Statt auf Smart Building setzen die Entwickler, Besitzer und Nutzer auf weniger Technik, um die Fehleranfälligkeit und die Kosten zu verringern.

Ein Beispiel dafür sind zwei Neubauprojekte der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft. In Alt-Britz werden auf einem Grundstück zwei Gebäude in Holz-Lehm- und Ziegel-Holz-Bauweise realisiert. Das Projekt strebt an, über den Einsatz klimasteuernder Baustoffe und einen klimaangepassten Entwurf den Einsatz von Gebäudetechnik zu reduzieren und auf Klima- und Lüftungstechnik zu verzichten. „Durch den Einsatz der feuchtesteuernden Baustoffe Holz, Naturfasern und Lehm entsteht ein gesundes Raumklima, und es kann auf Lüftungs- und Klimatechnik verzichtet werden. Diese Low-Tech-Bauweise spart Kosten in der Errichtung und im Betrieb”, beschreibt Professor Eike Roswag-Klinge, Technische Universität Berlin. „Über das Gebäudekonzept und die kreislaufgerechte Bauweise und Materialverwendung wird der Ausstoß von Klimagasen und die Inanspruchnahme von materiellen Ressourcen auf ein Minimum reduziert. Das Gebäude wird so zu einem Beispiel des Bauens in planetaren Grenzen.“

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zuletzt editiert am 08. Dezember 2023
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