Grafik Logistikmärkte Europa
Quelle: JLL

Standorte & Märkte

20. October 2022 | Teilen auf:

Reshoring stabilisiert Lieferketten

Eine JLL-Studie beleuchtet die Umgestaltung der Produktion und Lieferketten in Europa und die Auswirkungen auf die Logistikmärkte.

Sicherheit ist zu einem der wichtigsten Faktoren im weltweiten Handel geworden, seit Pandemie, Klimawandel und Kriege demonstriert haben, wie anfällig die Lieferketten und damit auch die Produktionen und Märkte sind. Die Konsequenz beschreibt die neue JLL-Studie „Reshoring in die EMEA Region“: Firmen in Europa und den USA reduzieren ihre Risiken, indem sie stärker als bisher auf Rohstoffmärkte und Produktionen in ihrer Umgebung setzen und sich auch nicht mehr von einzelnen Lieferanten abhängig machen. Dieser „Reshoring“-Trend hat unmittelbare Auswirkungen auf den Logistikimmobilienmarkt in den westeuropäischen Industrienationen, aber ebenso in den benachbarten Sekundär- und Tertiärmärkten in Osteuropa, der Türkei und Marokko.

Sarina Schekahn, Head of Industrial Leasing JLL Germany: „Erfolgreiches Reshoring muss über die Landesgrenzen hinweg in regionalen Dimensionen gedacht werden. So ist ein rein auf Deutschland fokussiertes Reshoring kaum möglich, weil der Markt sehr schnell an die Grenzen verfügbarer Flächen und Fachkräfte stoßen wird.“ Auch in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Norditalien sind in den vergangenen zehn Jahren große Zentren mit bis zu 100.000 Quadratmetern entstanden, sodass der Markt nun aus dieser sogenannten „Blauen Banane“ auf die neue „Schwarzmeer-Banane“ ausweichen muss, die sich über Osteuropa und den Balkan in Richtung Türkei erstreckt.

Karte von Europa mit zwei eingezeichneten Bananenformen von Amsterdam bis Marseille und von Prag bis Sofia
Quelle: JLL

Für viele Unternehmen, von Herstellern bis hin zu Einzelhändlern, ist das eine grundlegende Kehrtwende ihrer Strategie. Um die Lagerkosten gering zu halten und flexibel auf Nachfrageschwankungen reagieren zu können, haben die meisten in den vergangenen Jahren auf ein Just-in-Time-Modell gesetzt. „Die gravierenden Störungen der Lieferketten haben dieses Modell nicht nur erschüttert, sondern grundlegend infrage gestellt“, bilanziert Sarina Schekahn. „Schlagartig rückt deshalb wieder der Aufbau eigener Lieferketten und Vertriebspunkte in den Blick und trifft dabei auf einen Markt, in dem die Nachfrage das Angebot mittlerweile um ein Vielfaches übersteigt und Mieten konstant steigen.“

Wachstumspotenzial für Logistikmärkte wandert weiter nach Südosten

Entsprechend stark haben sich die Wachstumsraten bei den Flächenanmietungen in den osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten entwickelt. Allen voran Ungarn, Polen und Rumänien haben in den vergangenen fünf Jahren deutliches Wachstum verbucht. Hier liegen viele Standorte der genannten Schwarzmeer-Banane an den Lkw-Routen aus der Türkei und Rumänien nach Westeuropa. Aufstrebende Märkte in Bukarest, dem bulgarischen Sofia und entlang der ungarisch-rumänischen Grenze, wo es ausreichend Flächen und Arbeitskräfte sowie verbesserte Infrastrukturnetze gibt, haben das Potenzial, sich zu neuen regionalen oder europäischen Hotspots zu entwickeln. „Ihre Attraktivität wird perspektivisch sogar wachsen, da wir bereits jetzt sehen, dass in den etablierten mitteleuropäischen Drehkreuzen wie Prag, Brünn, Budapest und Bratislava die Flächenknappheit und der Arbeitskräftemangel steigen“, gibt Sarina Schekahn einen Ausblick.

Neben den verfügbaren Lagerflächen rückt auch die Infrastruktur in den Fokus: Insbesondere die Schiffswege von China nach Europa und in die USA, lange die Lebensader der Globalisierung, sind für viele Unternehmen zu einem Risiko geworden. In manchen Fällen sogar existenzbedrohend. Doch für die Verlagerung nach Osteuropa und Nordafrika sind die Mittelmeerhäfen wie Genua und Marseille bislang nicht ausreichend ausgelegt. Hier wuchs das Frachtaufkommen in den vergangenen zehn Jahren zwar um 43 Prozent, aber ausgehend von einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Entsprechend stark werden weiterhin die nordeuropäischen Häfen wie Rotterdam, Antwerpen und Hamburg beansprucht.

Kosten- und Risikokalkulation entscheiden über Reshoring-Strategie

„In dieser Gesamtsituation hängt die Reshoring-Strategie von einer Kombination verschiedener Faktoren ab, die es abzuwägen gilt. Neben den Produktions- und Transportkosten spielen Zeit und potenzielle Risiken für Produktion und Transport eine wichtige Rolle – insbesondere nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre“, erläutert Schekahn.

Sicherheit gibt es aber letztlich nicht zum Nulltarif: Lösungen wie Reshoring bedeuten komplexere Lieferketten und damit eine größere Zahl zu verwaltender Lagerhallen. Die Digitalisierung macht diese Lösungen durch fortschrittliche Ortungs- und Kommunikationssysteme möglich. Widerstandsfähigere Lieferketten helfen Unternehmen, sich auf die Koordination von Lieferketten, Bestandsmanagement, Lagerbetrieb und Transport zu konzentrieren, um ihre Effizienzen zu erhöhen. „Die Voraussetzung ist jedoch, dass Unternehmen ihre Standortstrategie langfristig, nachhaltig und konsequent angehen“, sagt Sarina Schekahn.

zuletzt editiert am 20.10.2022