E-Autos werden attraktiver. Die Wohnungswirtschaft sollte sich zum Verbündeten ihrer Mieter machen – indem sie die nötige Ladeinfrastruktur schafft. Von Christoph Klinck
Die Blockade der Straße von Hormus und die damit einhergehenden Spritpreisanstiege haben für ein Umdenken bei vielen Deutschen gesorgt: Laut einer repräsentativen Umfrage von YouGov fahren sie sparsamer (41 Prozent), gehen häufiger zu Fuß beziehungsweise fahren Fahrrad (16 Prozent) oder nutzen verstärkt den ÖPNV (35 Prozent). Die nachfolgende Zahl mutet dagegen vergleichsweise klein an: Sechs Prozent der Befragten erwägen in absehbarer Zeit den Umstieg auf ein vollelektrisches Fahrzeug. In absoluten Zahlen stehen dahinter mehr als vier Millionen Menschen. Damit zeigt die Umfrage ein beachtliches Potenzial auf – und eine große Aufgabe für die Wohnungswirtschaft.
Ausbau der Ladeinfrastruktur im Mieterland Deutschland entscheidend
Bei den potenziellen E-Auto-Fahrern handelt es sich um besonders viele junge Menschen (16 Prozent der 18- bis 29-Jährigen erwägen aktuell den Umstieg) und solche ohne eigenen Pkw (18 Prozent). Ein Hemmschuh bleibt – neben den Anschaffungspreisen – jedoch die Ladeinfrastruktur. Je knapp ein Drittel der Befragten gaben als Bedingung für ihre persönliche Mobilitätswende höhere Reichweiten sowie Lademöglichkeiten bei sich zu Hause an.
Und genau hier wird ein Defizit des wohnungswirtschaftlichen Angebots sichtbar: Unter den Bewohnern von Mehrfamilienhäusern wollen lediglich drei Prozent auf ein E-Auto umsteigen, also ein deutlich geringerer Anteil als der der Gesamtbevölkerung. Auch bemängeln rund 43 Prozent der E-Auto-Fahrer, die in Mehrfamilienhäusern leben, die fehlende heimische Ladeinfrastruktur. Dabei ist der Ladeplatz zu Hause die beliebteste Option (51 Prozent aller E-Auto-Fahrer), gefolgt von öffentlichen Ladesäulen am Straßenrand oder Supermarkt (21 Prozent), bei der Arbeit (14 Prozent) oder an der Autobahn (neun Prozent).
Zuhause laden: Wichtigstes Argument für den Umstieg auf ein E-Auto
Bei der Auswahl des konkreten Ladepunktes ist für die befragten E-Auto-Fahrer der Preis der wichtigste Aspekt (44 Prozent), gefolgt von der räumlichen Nähe beziehungsweise dem Komfort (26 Prozent) sowie der möglichen Ladegeschwindigkeit (23 Prozent). All das spitzt sich in einer Erkenntnis zu: Das Auto zuhause laden zu können, ist im Mieterland Deutschland ein entscheidender Hebel für die Etablierung der E-Mobilität. Nutzer profitieren vom Komfort des Ladevorgangs und vergleichsweise günstigen Stromtarifen.
Die Bundesförderung „Ladeinfrastruktur in Mehrparteienhäusern“, Baustein im „Masterplan Ladeinfrastruktur 2030“, adressiert genau diesen Bedarf. Das Bundesministerium für Verkehr (BMV) will damit den Zugang zur Ladeinfrastruktur an den rund neun Millionen Stellplätzen von Mehrparteienhäusern erleichtern.
Dass hier an der richtigen Stelle angesetzt wird, unterstreichen die jüngsten Zulassungszahlen. 2025 wurden 2,9 Millionen Neufahrzeuge zugelassen. Jedes fünfte Fahrzeug beziehungsweise mehr als 545.000 Pkw hatten einen reinen Elektroantrieb, was eine Steigerung von über 43 Prozent zum Vorjahr bedeutet. Um 19 Prozent auf fast 1,13 Millionen Neuzulassungen legten Hybride zu.

Henne-Ei-Problem zwischen Mietern und Vermietern
Trotz der eindeutigen Tendenz zur E-Mobilität und absehbar wachsendem Bedarf ging der Ausbau innerhalb der Immobilienbestände zuletzt nur langsam voran. Die Gründe veranschaulicht eine Befragung von ista unter 200 Entscheidern der Wohnungswirtschaft: Diese benannten die technische Machbarkeit (63 Prozent) und hohe Investitionskosten (56 Prozent) als die größten Hürden. Und erstaunlicherweise auch einen aus Sicht der Vermieter bislang zu geringen Mieterbedarf (55 Prozent): Innerhalb der kommenden drei Jahre rechnen die Befragten mit einem Ladebedarf von durchschnittlich elf Prozent ihrer Mieterschaft
Insgesamt zeigt sich hier also eine Henne-Ei-Situation: Die Menschen zögern, weil die Ladeinfrastruktur vermeintlich nicht ausreicht – die Wohnungswirtschaft wartet ab, weil die Mieter vermeintlich keine Lademöglichkeiten nachfragen. Ob der Masterplan Ladeinfrastruktur 2030 hilft, diese Blockade zu lösen, wird sich zeigen. Entscheidend ist in jedem Falle, dass sich Wohnungsunternehmen jetzt mit der Thematik auseinandersetzen, etwa in Form zukunftssicherer Ladeinfrastrukturkonzepte – auch weil viele Programme nach dem Prinzip „First come, first serve“ funktionieren.
Unterschiedliche Motivation und Treiber
Unter den Befragten der Studie sind die privaten Wohnungsunternehmen beim Ausbau der Ladeinfrastruktur derzeit am weitesten: 62 Prozent verfügen bereits in mindestens einer Liegenschaft über Ladeinfrastruktur. Bei Genossenschaften (52 Prozent) und kommunalen Unternehmen (48 Prozent) liegt der Anteil niedriger. Dabei dominieren sogenannte 1-zu-1-Wallboxen, die einzelnen Mietern fest zugeordnet sind. Geteilte Ladepunkte gewinnen jedoch an Bedeutung, insbesondere bei Projektentwicklern. (Halb-)öffentliche Ladepunkte spielen bislang eine untergeordnete Rolle – mit einer Ausnahme: 60 Prozent der befragten Genossenschaften können sich vorstellen, solche Angebote künftig zu schaffen.
Für 46 Prozent der privaten Wohnungsunternehmen und 52 Prozent der Projektentwickler ist auch die Marktwertsteigerung ihrer Immobilien ein treibendes Motiv. Für kommunale Wohnungsunternehmen und Genossenschaften stehen dagegen stärker regulatorische Anforderungen wie das Gesetz zum Aufbau einer gebäudeintegrierten Lade- und Leitungsinfrastruktur für die Elektromobilität (Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz, GEIG) und die Energy Performance of Buildings Directive (EPBD) im Fokus.
Informationsdefizite bremsen Investitionsentscheidungen
Während fehlendes Know-how noch mit als geringste Hürde für den Ladeinfrastrukturausbau angegeben wurde, fehlen für eine wirtschaftlich belastbare Planung häufig zentrale technische Daten – insbesondere bei kommunalen Wohnungsunternehmen und Genossenschaften. Nur 42 Prozent der Befragten kennen die Netzanschlussleistung und lediglich 22 Prozent verfügen über Informationen zur Last (zum Beispiel aktuelle Lastgangmessung). Überwiegend bekannt sind hingegen Lagepläne und Grundrisse (92 Prozent), Informationen zu den Arten der Stellplätze (83 Prozent), Elektropläne (64 Prozent) und Brandschutzvorgaben (52 Prozent).
Fakt ist: Die Mobilitätswende ist bei vielen Menschen hierzulande von einem eher abstrakten politischen Ziel in den persönlichen Lebensbereich vorgedrungen. Jetzt gilt es, längst bekannte Hemmschwellen zu beseitigen und die notwendige Ladeinfrastruktur möglichst rasch herzustellen. Im Mieterland Deutschland liegt dafür erhebliches Potenzial im Mehrfamilienhaussegment – nicht nur für den Klimaschutz und Dekarbonisierung, sondern auch im Sinne des Werterhalts von Immobilienbeständen.
Christoph Klinck ist Tribe Lead Commercial & Industrial bei ista und Geschäftsführer bei Chargemaker.