Porträt André Kazmierski
André Kazmierski ist Geschäftsführer der Stadtbau Aschaffenburg. (Quelle: Stadtbau Aschaffenburg)

Standorte & Märkte 2026-06-29T12:47:01.216Z Kommunal oder privat? Die wichtigere Frage lautet anders!

Die Wohnungswirtschaft wird oft nach Eigentümern bewertet. Wichtiger sind häufig Geschäftsmodell und Investitionslogik, wie André Kazmierski erklärt.

Die Diskussion über die Zukunft des Wohnungsmarktes wird häufig entlang der Eigentumsform geführt. Kommunale Wohnungsunternehmen, Genossenschaften, private Bestandshalter, institutionelle Investoren und Projektentwickler werden miteinander verglichen, teilweise sogar gegeneinander gestellt. Nicht selten entsteht dabei der Eindruck, die Eigentümerstruktur eines Unternehmens sei der entscheidende Maßstab für dessen wirtschaftlichen Erfolg, seine Innovationsfähigkeit oder seinen gesellschaftlichen Beitrag. Eine solche Betrachtung greift jedoch zu kurz.

Wohnungsunternehmen agieren unabhängig von ihrer Eigentümerstruktur in denselben Märkten. Sie stehen vor vergleichbaren Herausforderungen: steigenden Baukosten, höheren Finanzierungskosten, zunehmenden regulatorischen Anforderungen, ambitionierten Klimazielen, Fachkräftemangel sowie einer weiterhin hohen Nachfrage nach Wohnraum. Gleichzeitig unterscheiden sich die Reaktionen der Unternehmen auf diese Herausforderungen oftmals deutlich.

Die Ursache hierfür liegt häufig weniger in der Eigentümerstruktur als vielmehr in der ökonomischen Logik, der ein Unternehmen folgt. Unternehmensauftrag, Governance-Struktur, Kapitalherkunft, Geschäftsmodell und Exit-Strategie prägen Investitionsentscheidungen oftmals stärker als die Frage, ob sich ein Unternehmen in kommunalem oder privatem Eigentum befindet.

Die Eigentümerstruktur erklärt, wem ein Unternehmen gehört – nicht, warum es handelt

Die öffentliche Diskussion konzentriert sich häufig auf die Frage, wem ein Wohnungsunternehmen gehört. Für das tatsächliche unternehmerische Handeln ist jedoch regelmäßig entscheidender, welchen Auftrag das eingesetzte Kapital erfüllen soll.

Kommunale Wohnungsunternehmen befinden sich überwiegend im Eigentum von Städten und Gemeinden. Viele von ihnen sind historisch aus den Strukturen der ehemaligen Wohnungsgemeinnützigkeit hervorgegangen. Bis heute prägt dies ihre Ausrichtung. Wirtschaftlicher Erfolg ist für sie unverzichtbar, dient jedoch in erster Linie der dauerhaften Erfüllung eines weitgehend öffentlichen Auftrags. Dieser umfasst die Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums, die langfristige Entwicklung von Quartieren, Investitionen in Klimaschutz und Energieeffizienz sowie Beiträge zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

Private Wohnungsunternehmen verfolgen ebenfalls legitime und volkswirtschaftlich notwendige Ziele. Je nach Eigentümerstruktur stehen natürlich auch die nachhaltige Entwicklung des eingesetzten Kapitals, die Erwirtschaftung von Renditen oder die erfolgreiche Umsetzung von Projektentwicklungen im Mittelpunkt. Auch diese Unternehmen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Wohnraumversorgung und stellen erhebliche Investitionsmittel für den Wohnungsmarkt bereit.

Die Unterschiede liegen daher nicht in der Qualität der Unternehmensführung oder in der Professionalität der handelnden Akteure. Sie liegen vielmehr in den Zielsystemen, denen das jeweilige Unternehmen folgt.

Die eigentliche Trennlinie verläuft häufig zwischen Geschäftsmodellen

Aus wohnungswirtschaftlicher Sicht verläuft die entscheidende Trennlinie häufig nicht zwischen kommunalen und privaten Unternehmen, sondern zwischen unterschiedlichen Geschäftsmodellen.

So unterscheiden sich langfristig orientierte Bestandshalter oftmals stärker von projektorientierten Entwicklern als von anderen langfristig orientierten Investoren. Während Bestandshalter ihre Entscheidungen über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie hinweg treffen, orientieren sich Projektentwicklungen regelmäßig an klar definierten Projektlaufzeiten und Exit-Szenarien. Die Exit-Strategie eines Unternehmens beeinflusst dabei Finanzierung, Kapitalbindung, Risikobewertung und Investitionsentscheidungen häufig stärker als die Eigentümerstruktur.

Ein Unternehmen, das ein Projekt nach Fertigstellung veräußern möchte, bewertet Marktzyklen, Finanzierungskosten und Verkaufsperspektiven zwangsläufig anders als ein Unternehmen, das dieselbe Immobilie über Jahrzehnte im eigenen Bestand halten möchte. Beide Ansätze sind wirtschaftlich nachvollziehbar. Sie folgen lediglich unterschiedlichen ökonomischen Logiken.

Die Wohnungswirtschaft kennt deshalb nicht das kommunale und das private Modell. Sie kennt unterschiedliche Formen langfristiger Bestandshaltung, projektorientierter Entwicklung, genossenschaftlicher Organisation, institutioneller Kapitalanlage und kommunaler Daseinsvorsorge. Gerade diese Vielfalt macht die Leistungsfähigkeit des Marktes aus.

Langfristigkeit ist kein Gegenentwurf zu Innovation

In Diskussionen über Unternehmensmodelle wird langfristige Bestandshaltung gelegentlich mit geringerer Innovationsbereitschaft gleichgesetzt. Eine solche Schlussfolgerung erscheint jedoch zu einfach.

Viele Innovationen der Wohnungswirtschaft entfalten ihre Wirkung erst über längere Zeiträume. Dies gilt beispielsweise für energetische Modernisierungen, digitale Bewirtschaftungsprozesse, Quartiersenergiekonzepte, intelligente Gebäudesteuerungen, serielle Sanierungen oder neue Formen datenbasierter Bestandsbewirtschaftung. Innovation braucht deshalb nicht nur Investitionsbereitschaft, sondern häufig auch einfach Zeit.

Gerade langfristig orientierte Bestandshalter verfügen oftmals über den notwendigen Planungshorizont, um Innovationen nicht nur einzuführen, sondern deren wirtschaftliche und ökologische Wirkung über viele Jahre zu entwickeln. Langfristigkeit kann Innovation daher nicht nur begleiten, sondern ihre nachhaltige Umsetzung überhaupt erst ermöglichen.

Gleichzeitig zeigen zahlreiche private Wohnungsunternehmen, Projektentwickler und Investoren eindrucksvoll, dass Innovationskraft ebenso aus unternehmerischer Dynamik, Marktkenntnis und hoher Risikobereitschaft entstehen kann. Innovation ist folglich keine Frage der Eigentümerstruktur. Sie ist Ausdruck von Strategie, Unternehmenskultur und Führung.

Marktphasen schaffen keine Gewinner – sie begünstigen unterschiedliche Strategien

Die aktuelle Entwicklung auf den Wohnungs- und Kapitalmärkten verdeutlicht diese Zusammenhänge besonders anschaulich. Steigende Finanzierungskosten, rückläufige Projektentwicklungen und sinkende Neubauzahlen haben die Marktbedingungen in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Viele Investitionsentscheidungen werden heute unter anderen Voraussetzungen getroffen als noch vor wenigen Jahren.

Die Frage, ob bestimmte Unternehmen dadurch Vorteile erlangen, lässt sich nicht pauschal beantworten. Häufig zeigt sich jedoch, dass langfristig orientierte Bestandshalter Investitionen auch in schwierigen Marktphasen kontinuierlicher verfolgen können. Dies ist weniger eine Folge der Eigentümerstruktur als vielmehr Ausdruck ihrer Kapitalstruktur, ihres Planungshorizonts und ihrer Investitionsstrategie.

Antizyklisches Investieren kann dabei zusätzliche positive Investitionseffekte entfalten. Wenn einzelne Marktteilnehmer Projekte verschieben oder zurückstellen, bleiben langfristig orientierte Investoren häufig verlässliche Auftraggeber für Handwerk, Bauwirtschaft, Planungsbüros und Ingenieurdienstleister.

Dadurch entstehen nicht nur Chancen für die Umsetzung eigener Projekte. Es werden zugleich regionale Wertschöpfungsketten stabilisiert, Beschäftigung gesichert und wirtschaftliche Kontinuität gefördert.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass langfristig orientierte Unternehmen geringeren Herausforderungen gegenüberstehen. Auch sie müssen mit steigenden Baukosten, höheren Zinsen, regulatorischen Anforderungen und knappen Ressourcen umgehen. Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass Investitionen aufgrund eines längeren Planungshorizonts teilweise anders bewertet werden können.

Kooperation statt Lagerdenken

Die Praxis der Wohnungswirtschaft ist heute stärker denn je von Kooperationen geprägt. Kommunale und private Unternehmen arbeiten bei Projektentwicklungen, Planungsleistungen, Bauvorhaben, Energiekonzepten und Digitalisierungsvorhaben regelmäßig zusammen. Die Entscheidung, Leistungen intern zu erbringen oder externe Partner einzubinden, ist dabei keine Frage der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens, sondern Ausdruck einer strategischen Organisationsentscheidung.

Nicht jedes „kleine“ Unternehmen benötigt eine eigene Bauabteilung oder sämtliche Spezialkompetenzen im eigenen Haus. Gerade kleinere und mittlere Wohnungsunternehmen setzen daher bewusst auf externe Expertise und konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenzen. Andere Unternehmen verfolgen wiederum eine stärkere Eigenleistungsstrategie. Beide Ansätze können gleichermaßen wirtschaftlich und erfolgreich sein. Arbeitsteilung ist daher kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck professioneller Organisation.

Fazit: Differenzierung schafft Verständnis

Die Wohnungswirtschaft lebt von ihrer Vielfalt. Kommunale Wohnungsunternehmen, Genossenschaften, private Bestandshalter, institutionelle Investoren und Projektentwickler übernehmen unterschiedliche Aufgaben und folgen unterschiedlichen ökonomischen Logiken.

Die Eigentümerstruktur erklärt, wem ein Unternehmen gehört. Die Kapitalstruktur bestimmt seine Finanzierung. Die Exit-Strategie prägt seine Investitionslogik. Der Unternehmensauftrag erklärt, warum investiert wird. Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren ermöglicht eine sachgerechte Einordnung unternehmerischer Entscheidungen.

Wer Wohnungsunternehmen ausschließlich anhand ihrer Eigentümerstruktur bewertet, greift deshalb regelmäßig zu kurz. Ein differenzierter Blick auf Unternehmensauftrag, Governance, Kapitalausrichtung und Geschäftsmodell trägt nicht nur zu einem besseren Verständnis der Wohnungswirtschaft bei. Er hilft auch, die unterschiedlichen Beiträge der Marktakteure zur Bewältigung der wohnungspolitischen Herausforderungen unserer Zeit angemessen einzuordnen.

Gerade in einer Phase großer wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und ökologischer Transformationsprozesse erscheint eine solche Differenzierung wichtiger denn je.

Ein Beitrag von André Kazmierski, Geschäftsführer Stadtbau Aschaffenburg GmbH.

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zuletzt editiert am 29. Juni 2026
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