Nachhaltiges Bauen im Spannungsfeld von Kosten, Fachkräftemangel und Bauzeiten. Von Bianca Diehl
Die ambitionierte Vision einer nachhaltigen Bauweise stößt immer wieder auf die harte Realität: steigende Kosten, fehlende Fachkräfte und ohnehin schon langwierige Bauprozesse stellen diese Idealvorstellungen vor große Herausforderungen. Den allgemeinen Eindruck bringt Dr. Sebastian Scharpf, Managing Director bei AIF Management, auf den Punkt: „Nachhaltigkeit scheint in der aktuellen Marktsituation an Bedeutung zu verlieren.“ Um gleich jedoch zu ergänzen: „Es zeigt sich jedoch, wie wichtig dieses Thema und eine kompetente Herangehensweise sind, um Immobilienwerte langfristig zu sichern.“
Doch selbst der DGNB fühlt den Gegenwind, der bei dem Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit in jüngerer Zeit wieder aufgefrischt ist. „Die Widerstandskräfte gegenüber der Umsetzung von Nachhaltigkeits- und Klimaschutzanforderungen in Teilen der Immobilienwirtschaft sind keine neue Erscheinung“, erklärt Dr. Christine Lemaitre, geschäftsführender Vorstand der DGNB. „Dass jetzt aber unter dem Deckmantel der Entbürokratisierung und über zu kurz greifende Kostendiskussionen erfolgreich eingeschlagene Wege wieder gänzlich in Frage gestellt werden, ist jedoch kritisch zu beleuchten.“
Wie groß der Wunsch nach mehr Klimaschutz in der Bevölkerung ist, zeigt beispielhaft der Hamburger Zukunftsentscheid 2025, bei dem die Bürger darüber abgestimmt haben, ob die Stadt ihre Klimaneutralität von 2045 auf 2040 vorziehen soll. Doch gleichzeitig belegen die Argumente der Befürworter und Gegner wie schwierig es ist, Vision und Realität unter einen Hut zu bringen. Ihre Argumente bezogen sich zwar auf Hamburg, gelten aber nicht nur hier, sondern fließen in Überlegungen zum Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit von Städten und Quartieren in ganz Deutschland ein.
Ambitioniert in Hamburg
„Die Klimakrise erlaubt kein Zögern mehr. Die Technologie für klimaneutrales Bauen und Sanieren ist da, und Hamburg kann ein Vorreiter für ganz Deutschland sein,“ erklärte Luisa Neubauer, Klimaaktivistin und Unterstützerin des Hamburger Zukunftsentscheids. Studien des Fraunhofer-Instituts und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung unterstützen diese Argumentation: Nachhaltiges Bauen und klimaneutrale Infrastruktur bieten demnach langfristig wirtschaftliche wie ökologische Vorteile.
Die Befürworter sahen im Volksentscheid nicht nur eine Chance, sondern auch wirtschaftspolitische Notwendigkeit. „Hamburg könnte zum Vorbild für andere Städte werden, wenn es den Klimaschutz priorisiert. Immobilien, die emissionsneutral gebaut sind, sind die Zukunft,“ zeigte sich Klaus Mindrup, Bundestagsabgeordneter für Umweltpolitik, überzeugt. Darüber hinaus gibt es auch soziale Argumente. Laut einer Studie des Wuppertal-Instituts aus dem Jahr 2024 sorgt der Übergang zu emissionsarmen Gebäuden dafür, dass Energiepreise für Mieter langfristig sinken.
Gerade hier setzten die Gegenargumente des Immobilienverbands Deutschland an: Eigentümer müssten in sehr kurzer Zeit enorme Investitionen tätigen. Der Austausch von Heizungsanlagen, umfassende energetische Sanierungen und beschleunigte Netzausbauten verursachten Milliardenkosten – mit spürbaren Folgen für die Mieten. „Schon heute geben viele Familien, Alleinerziehende und Berufstätige einen großen Teil ihres Einkommens fürs Wohnen aus. Zusätzliche Mieterhöhungen von mehreren Euro pro Quadratmeter, wie sie ein vorgezogenes Klimaziel nach sich ziehen würde, bringen selbst Durchschnittshaushalte schnell an ihre Grenzen“, erklärte Carl-Christian Franzen, stellvertretender Vorsitzender des IVD Nord für Hamburg.
Die Gegner der Initiative führten zudem an, dass die Vorziehung der Klimaziele vor allem praktische und finanzielle Hindernisse schafft. „Klimaneutralität bis 2040 bedeutet, dass wir die ohnehin schon belastete Bauwirtschaft noch stärker unter Druck setzen – inklusive Fachkräftemangel und steigenden Baukosten,“ so Michael Westhagemann, Hamburgs Wirtschafts- und Verkehrssenator.
Ein besonderes Augenmerk richteten die Gegner auf die Investitionskosten, die durch den beschleunigten Umbau entstehen würden. Besonders für private Immobilieninvestoren und Bauherren stelle das Vorziehen der Klimaziele eine Herausforderung dar. Bei kleineren Bauprojekten, wie dem Bau von Einfamilienhäusern oder kleineren Mehrfamilienhäusern, werden höhere Standards oft durch hohe Anfangsinvestitionen ausgebremst. Bundesweite Studien, darunter ein Bericht von Ernst & Young aus dem Jahr 2024, bestätigen: Im Vergleich zu konventioneller Bauweise ist nachhaltiges Bauen aktuell um bis zu 30 Prozent teurer.
Voranschreiten oder stabilisieren?
Die Frage nach dem sinnvollsten Weg für den Klimaschutz am Bau hat weitreichende Auswirkungen für den Immobilienmarkt in ganz Deutschland. „Der Markt wird sich wandeln. Immobilien, die nicht klimaneutral sind, werden in den nächsten Jahrzehnten an Attraktivität und Wert verlieren,“ erklärte Professorin Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Ein Rückzug beim Klimaschutz am Bau könnte zudem die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands im internationalen Immobilienmarkt schwächen, wo Nachhaltigkeit zunehmend als Norm gilt. Andererseits könnten ambitionierte Ziele nicht nur Verbraucher abschrecken, sondern auch Insolvenzen fördern und die Abwanderung von Fachkräften beschleunigen.
Allerdings kommt auch Druck von oben: Laut dem Klimaschutzbericht 2025 der Bundesregierung sind 2024 zwar in Deutschland die Treibhausemissionen im Vergleich zum Vorjahr um 23 Millionen Tonnen gesunken. Dennoch verfehlen die Sektoren Gebäude und Verkehr erneut ihre Vorgaben. Daher sind weitere Vorgaben zu Effizienzstandards, Nachrüstpflichten und Förderimpulsen schon angekündigt.
Übrigens: Der Hamburger Zukunftsentscheid 2025 war erfolgreich: Die Mehrheit der Hamburger (53,2 Prozent) stimmte dafür, dass die Stadt ihre Klimaneutralität bis 2040 anstrebt.
