Zwei Männer in schwarzen Pullovern, einer sitzt auf einem Stuhl, der andere steht daneben.
Die Vrey-Gründer (v.l.) Cedric Jaeger und Julius Pahmeier (Quelle: Vrey)

Energie 2026-04-23T08:00:00Z „Plötzlich trauen sich die Eigentümer“

Mit der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung (GGV) entsteht für Eigentümer ein neues, skalierbares Geschäftsfeld auf den Dächern deutscher Mehrfamilienhäuser. Im Interview erklären Julius Pahmeier und Cedric Jaeger, Gründer des Energietechnologie-Unternehmens Vrey, die Vorteile von GGV gegenüber dem klassischen Mieterstrom, ab wann sich Projekte rechnen – und wie weit der deutsche Markt beim Thema Energiesharing hinterherhinkt.

Worin unterscheidet sich die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung rechtlich und praktisch vom klassischen Mieterstrom?

Julius Pahmeier: Klassischer Mieterstrom macht den Vermieter zum Energievollversorger – damit bewegt er sich in der Rolle von E.ON oder Vattenfall und ist plötzlich für die komplette Energieversorgung der Mieter verantwortlich. Mit der GGV fällt diese Komplexität weg: Es handelt sich nur noch um eine Teilversorgung. Eigentümer verkaufen ausschließlich den Solarstrom aus der eigenen PV-Anlage an die Mieter, den restlichen Bedarf decken weiterhin die Energieversorger. Die Lieferbeziehungen bleiben also bei Stromversorger und Mieter, und die GGV-Lieferverträge unterliegen der Vertragsfreiheit – ohne verpflichtende Mindest- oder Maximalabnahmemengen.

„Ab fünf Wohneinheiten und 15 kWp wird es richtig attraktiv.“

Ab welcher Größenordnung rechnet sich GGV typischerweise – und welche Mehrerlöse und Kostenvorteile sind realistisch?

Julius Pahmeier: Wirtschaftlich spannend wird es meist ab etwa 15 kWp installierter Leistung, idealerweise mit einem kleinen Speicher und mindestens fünf Wohneinheiten. Ab dieser Größenordnung kommen die Betreiber in der Regel in einen Renditebereich im soliden zweistelligen Prozentbereich, bei Amortisationszeiten von unter zehn Jahren. Ein typisches Beispiel: Eine Anlage mit rund 30 kWp auf einem Haus mit acht Wohneinheiten generiert etwa 5.500 Euro zusätzliche Einnahmen pro Jahr. Auf Mieterseite liegen die jährlichen Ersparnisse im guten dreistelligen Bereich – je nach Verbrauch, vereinbartem Arbeitspreis und Speichergröße sprechen wir von etwa 120 bis 180 Euro pro Wohnung. Wir sehen aber auch kleinere Projekte, die funktionieren.

Wie groß ist der adressierbare Markt für GGV in Deutschland?

Julius Pahmeier: Wir sehen einen weitgehend unerschlossenen Markt von mehr als 20 Millionen Wohneinheiten in Mehrfamilienhäusern. Die Datengrundlage stammt etwa aus Analysen des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die berücksichtigen dabei, ob Dächer grundsätzlich für Solar geeignet sind. Dieser Bestand ist bisher nur in Bruchteilen mit wirtschaftlichen PV-Konzepten erschlossen worden – GGV öffnet diesen Markt erstmals systematisch.

„GGV macht Eigentümer zu echten Anlagenbetreibern – ohne Energievollversorger zu werden.“

Wie weit haben Sie das GGV-Modell mit Ihrer Plattform standardisiert, und wo gibt es noch manuellen Aufwand?

Julius Pahmeier: Wir erbringen die komplette Dienstleistung rund um GGV in der Liegenschaft – aber wir bauen die Solaranlagen nicht selbst, sondern arbeiten mit einem Partnernetzwerk. Sobald die Anlage in Betrieb ist, übernehmen wir den Messstellenbetrieb; die Zählertechnik kommt von Vrey. Die laufende Abrechnung läuft vollständig über unsere Software und wird automatisiert erstellt. Vrey wurde 2024 gegründet und hat gerade eine Seed-Finanzierung über 3,3 Millionen Euro von Rubio Impact Ventures, dem High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Kopa Ventures erhalten.

Betreiber müssen im Monat im Schnitt vielleicht fünf Minuten aufwenden. Sie haben einen eigenen Zugang zur Plattform, die Zahlungsflüsse sind automatisiert, und die Erlöse landen direkt auf dem Konto des Betreibers. Manuelle Eingriffe gibt es noch bei Mieterwechseln: Hier schließt der Betreiber neue Verträge mit den nachziehenden Mietparteien. Wichtig: Eine Teilnahme aller Bewohner ist nicht verpflichtend, wir sehen typische Teilnahmequoten von rund 80 Prozent. Schnittstellen in die Buchhaltungssysteme unserer Kunden sind bislang selten eingefordert worden, wären aber via API prinzipiell möglich.

Cedric Jaeger: Die Kombination aus Messstellenbetrieb und Software ist bei uns aus einer realen Notwendigkeit heraus entstanden. Wir sind als reiner Softwareanbieter gestartet und relativ schnell an Grenzen gestoßen – auf Kundenseite war der Bedarf nach integrierten, praktikablen Lösungen wesentlich größer. Daraus hat sich unser heutiges Modell entwickelt, das GGV für Eigentümer überhaupt erst skalierbar macht.

Warum entscheiden sich insbesondere große Wohnungsunternehmen und Genossenschaften heute eher für GGV als für klassischen Mieterstrom?

Julius Pahmeier: Was wirklich zieht, ist: Eigentümer nutzen ihre eigenen Dächer, erzeugen ihren eigenen Strom und stellen ihn ihren Mietern zur Verfügung – ohne sich die regulatorische Gesamtlast eines Energieversorgers aufzubürden. Die große Belastung des klassischen Mieterstroms entfällt, und viele sehen sich dadurch erstmals befähigt, überhaupt als Anlagenbetreiber aufzutreten. Messstellenbetrieb und Abrechnung müssen sie nicht selbst aufbauen, sondern bekommen beides aus einer Hand von uns. Das senkt die Eintrittsbarrieren massiv – und verbessert zugleich die Positionierung der Objekte, etwa im Hinblick auf ESG-Anforderungen und die Attraktivität für Mieter.

„Banken können GGV einpreisen – die Konditionen hinken aber noch hinterher“

Wie bankfähig sind die zusätzlichen GGV-Erlöse heute, und wie reagieren Kreditinstitute auf das Modell?

Julius Pahmeier: Grundsätzlich können einige Banken GGV- und Mieterstromerlöse bereits in ihre Finanzierungsmodelle einbeziehen. Für viele unserer Kunden ist das ein zunehmend wichtiger Baustein in der ESG-Argumentation und damit ein Faktor für die Finanzierbarkeit von Projektentwicklungen oder Revitalisierungen. Die Kreditkonditionen spiegeln allerdings noch nicht vollständig die Risikoprofile und Ertragschancen von GGV und PV wider – hier gibt es Luft nach oben. Wir erwarten, dass sich die Parameter mit wachsender Projekterfahrung und klareren regulatorischen Leitplanken weiter zugunsten der Eigentümer entwickeln.

Wie schätzen Sie die regulatorischen Risiken für GGV ein – insbesondere bei sich ändernden Rahmenbedingungen und volatilen Strompreisen?

Cedric Jaeger: Die Regulatorik für GGV hat ihren Ursprung im Jahr 2024 und richtet sich speziell auf PV auf Mehrparteienhäusern. Inspiration kam unter anderem aus Österreich. Die aktuelle Bundesregierung hat mit dem Thema Energiesharing schon den nächsten Schritt angestoßen, der im Juni in Kraft treten soll. Man sieht deutlich: Über zwei Legislaturperioden hinweg ist das Thema vorangetrieben worden, die Regierung will GGV-ähnliche Modelle eher pushen als ausbremsen. Aus unserer Sicht bestehen daher zumindest mittelfristig keine gravierenden politischen Risiken – wichtiger ist, mit kühlem Kopf auf Trends in der Regulatorik zu schauen und sich vom Fördersystem in Richtung marktnaher Direktvermarktung zu bewegen.

„Energiesharing: Vom Hausanschluss ins Quartier – und darüber hinaus“

Was bedeutet das kommende Energiesharing konkret für Ihr Geschäftsmodell?

Cedric Jaeger: Auf Energiesharing freuen wir uns sehr. Bisher ist die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung auf einen Hausanschlusskasten beschränkt. Künftig kann dieselbe Anlage theoretisch auch ein Nachbarhaus, ein Quartier oder sogar Verbraucher an einem ganz anderen Ort in Deutschland versorgen. Technisch können wir das mit unserer Software abbilden, solange die Teilnehmer unser Messsystem verbaut haben. Damit entwickeln sich aus einzelnen Gebäuden echte Energiegemeinschaften – mit erheblichen Skaleneffekten für Betreiber und Versorger.

Tauschen Sie sich auch mit Regierungsstellen oder Verbänden aus?

Cedric Jaeger: Wir stehen in engem Austausch mit Institutionen wie der dena und regionalen Ablegern des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, um Erfahrungen aus der Pionierphase zu teilen – etwa zur Belastbarkeit von Verteilnetzen und zur Gestaltung künftiger Marktregeln. Ein wichtiges Forum ist auch die Clearingstelle, die mit der Bundesregierung und der Bundesnetzagentur zusammenarbeitet. Wir bringen unsere Daten und Erfahrungen dort ein. Als Start-up haben wir noch eine vergleichsweise leise Stimme, aber wir sehen uns klar in der Verantwortung, reale Betriebsdaten systematisch zur Verfügung zu stellen, damit Regulierer und Netzbetreiber auf dieser Basis planen können.

„Deutschland hat sich beim Smart Meter selbst ein Bein gestellt“

Wie ist der Standort Deutschland beim Thema GGV im europäischen Vergleich positioniert?

Cedric Jaeger: Viele europäische Länder sind bei gemeinschaftlichen Stromversorgungsmodellen und beim Smart-Meter-Rollout deutlich weiter. Deutschland hat sich durch den Anspruch, die „optimale Smart-Meter-Technologie“ mit hohen Verschlüsselungs- und Sicherheitsanforderungen einzuführen, selbst ausgebremst und ist beim Rollout eines der langsamsten Länder. Gleichzeitig war die Regulatorik bei GGV dem Markt voraus: Bis Ende 2024 haben sich viele Versorgernetze schlicht quer gestellt, weil sie die Prozesse technisch noch nicht abbilden konnten. Seit 2025 sehen wir klare Fortschritte, aber vieles ist noch nicht so digitalisiert und standardisiert, wie es die Regulierung bereits vorsieht. Wir sind an einem Knackpunkt, an dem der Smart-Meter-Rollout und damit auch GGV an Fahrt aufnehmen.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Vrey bis 2030 – in Deutschland und Europa?

Julius Pahmeier: Unsere Ambition ist es, bis Ende 2030 rund einer halben Million Haushalten den Zugang zur Energiewende über unsere Lösungen zu ermöglichen. Parallel wollen wir weitere Energieproduktthemen erschließen, etwa integrierte Energiemanagementsysteme. Geografisch fokussieren wir uns zunächst darauf, in den kommenden 18 bis 24 Monaten ein sehr starkes Fundament im deutschen Markt aufzubauen. Danach verfolgen wir eine europäische Vision: Wir wollen unsere Energieprodukte schrittweise in den regulatorisch zusammenwachsenden europäischen Märkte einzubringen – und unseren Kunden dort helfen, an der regulatorischen Speerspitze zu agieren.

zuletzt editiert am 22. April 2026