Hohe Zinsen, hohe Kosten, wenig Bewegung – der Immobilienmarkt befindet sich seit Monaten im Abschwung. Erste Insolvenzen und der Überlebenskampf einiger Unternehmen führen fast zwangsläufig zu der Frage: Wenn es für die Branche ums Ganze geht, welche Rolle kann – oder darf – in dieser angespannten Situation überhaupt noch das Thema Nachhaltigkeit spielen?
Die Transformation von Immobilien zu mehr Klimaneutralität bringt vielfältige Herausforderungen mit sich. Immer strengere gesetzliche Vorgaben und umfangreiche Reportingpflichten strapazieren die Kapazitäten und lassen die Kosten steigen. Die Branche, gerade sowieso in einer schwierigen Situation, leidet unter den Belastungen.
Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn der Schutz unserer Lebensgrundlagen ist kein „nice to have“ – sondern angesichts des fortschreitenden Klimawandels bittere Notwendigkeit. Auch immobilienwirtschaftlich betrachtet wäre ein Zurückstellen der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit fatal.
Weiter steigende CO2-Abgaben werden dafür sorgen, dass Immobilien und Geschäftsmodelle mit großem Fußabdruck immer unattraktiver werden. Im Extremfall sind sie nicht mehr vermarkt- und finanzierbar.
Trendbarometer: Berlin Hyp befragt mehr als 500 Immobilienprofis
Was also tun – Fuß vom Gas bei der Transformation in Richtung mehr Nachhaltigkeit oder ein kraftvolles jetzt erst recht? Die Berlin Hyp wollte es wissen. Bei der Expo Real in München befragte sie diejenigen, die es betrifft. Mehr als 500 Messegäste aus dem In- und Ausland nahmen an der Trendbarometer-Umfrage des Immobilienfinanzierers zur gegenwärtigen Krisensituation teil. Die Ergebnisse liefern spannende Hinweise auf die Stimmungslage in der Branche – und die Sichtweise auf das Thema ESG.
Zunächst wollte die Berlin Hyp von den Expertinnen und Experten wissen, was passieren muss, damit der Immobilienmarkt wieder in Schwung kommt. Spitzenantwort auf diese Frage ist mit 61 Prozent die Flexibilisierung und Vereinheitlichung des Baurechts. Zu 47 Prozent nennen die Befragten ein stabiles oder sogar niedrigeres Zinsniveau. Ebenfalls häufig genannt werden Steuererleichterungen (36%), einfachere Baustandards (34%) sowie – hier wird es im Hinblick auf ESG interessant – zurückgeschraubte Anforderungen an die energetische Optimierung (25%).
Ein Ansatz, der sich auch im 14-Punkte-Plan der Bundesregierung wiederfinden lässt: So sollen beispielsweise Abstriche hinsichtlich der geplanten Energiesparstandards für Neubauten gemacht werden, um das Bauen weniger aufwändig und teuer zu gestalten.
Bedeutet das nun, dass in Zeiten der Krise die nachhaltige Transformation im Immobiliensektor über Bord geworfen werden sollte? Das wiederum verneinen die Befragten vehement. Im Gegenteil: Die Immobilienexperten halten den so wichtigen Komplex ESG weiterhin für mindestens „gleichbleibend wichtig“ (16%), eher aber sogar für „wichtig“ (35%) oder „sehr wichtig“ (37%).
"Branche sollte Chancen wahrnehmen"
Dazu passt das aus dem Maßnahmenkatalog der Bundesregierung ersichtliche Ansinnen der Bundesregierung, die Umrüstung von Gewerbe- zu Wohnimmobilien weiter voranzutreiben und auch den Erwerb von sanierungsbedürftigen Bestandsgebäuden zu fördern.
Neben dringend notwendigen Steuerentlastungen, Entbürokratisierung und der Vereinfachung der Baustandards sieht darin auch Sascha Klaus, Vorstandsvorsitzender der Berlin Hyp, einen vielversprechenden Ansatz: „Gerade jetzt in der Krise sollte sich die Branche auf ihren Sportsgeist besinnen und bei aller gebotenen Zurückhaltung und Vorsicht auch die Chancen wahrnehmen. Diese bieten sich beispielsweise in der Transformation des Gebäudebestands, die wir als Berlin Hyp mit unserer Expertise begleiten können."
Veränderungen wagen, sich anpassen und Chancen erkennen – darauf wird es ankommen. Damit der Turnaround jedoch überhaupt erst in Angriff genommen werden kann, braucht es Investitionsmittel. Hier ist sich die Branche laut Berlin Hyp-Trendbarometer aber völlig uneins.

Während 40 Prozent der Befragten glauben, dass ausreichend Investitionsmittel vorhanden sind, sehen es 44 Prozent anders – ganze 16 Prozent wissen es schlichtweg nicht. Erklärbar ist die Verunsicherung in dieser Frage wohl durch die eingangs genannten, drastisch veränderten Rahmenbedingungen. Dazu sind die Banken zu einer restriktiveren Kreditvergabe gezwungen und müssen von den Kreditnehmenden einen höheren Eigenkapitalanteil bei deutlich gestiegenen Zinsen fordern.
Unterm Strich lässt sich konstatieren: Es gibt Lichtblicke in der Krise. Und die haben nicht nur, aber vor allem mit den Chancen durch eine nachhaltige Transformation zu tun.