Einmal über den Tellerrand schauen und sehen, wie der Alltag anderer Menschen in der Immobilienbranche aussieht. Teil 3 unserer Serie „Ein Tag im Leben von...“ mit Jana Mrowetz, CEO der Gibe Real Estate.
Morgens: Fokus vor Sonnenaufgang
Portugal. 6 Uhr morgens. Ich sitze mit einer großen Tasse Kaffee am Schreibtisch und blicke aufs Meer. Es ist vor Sonnenaufgang, der Vollmond spiegelt sich im Atlantik. Für mich bedeutet der Morgen zwei Stunden absolute Konzentration: keine E-Mails, keine Anrufe, keine Teamchats. Diese Deep-Work-Phase ist mir heilig – sie gehört dem Arbeiten am Unternehmen statt im Unternehmen. Strategie, Unternehmensentwicklung, Produktentwicklung und die zentrale Frage, wie sich gute Lebensräume mit guten Geschäftsmodellen verknüpfen lassen.
Danach brauche ich Bewegung: mal Laufen, mal Yoga, mal Krafttraining. Sport ist mein Ritual, um den Kopf frei zu bekommen, und damit unverzichtbar in meiner Morgenroutine. Heute gehe ich joggen auf meiner Lieblingsstrecke: an der Steilküste durch den Nationalpark Costa Vicentina. Ich bin viel auf Geschäftsreise, ansonsten teile ich die Zeit zwischen Berlin und Portugal. Work-Life-Balance bedeutet für mich nicht weniger arbeiten, sondern mehr Lebensqualität. Multilokales Arbeiten und digitale Nomaden sind für mich keine Buzzwords – sie sind meine Realität. Sowohl die damit verbundenen Herausforderungen als auch die Mehrwerte sind mir vertraut und fließen direkt in meine Projekte mit ein.
Vormittag: Multilokales Arbeiten im internationalen Team
Gegen 9 Uhr beginnt der normale Alltagsmarathon mit E-Mails, Calls, Terminen, Projekten, Problemen und Lösungen. Der erste Termin ist eine Videokonferenz mit unserem internationalen Team für das Workation-Resort Verdea: Heute stimmen wir mit den deutschen Partnern von Graft, dem portugiesischen Projektpartner Carmo Wood und dem Architekten Mario Martins die nächsten Schritte ab. Verdea ist das Pilotprojekt der Urban Cell, einem modularen System für die Quartiersentwicklung. Gemeinsam mit den Ingenieuren diskutieren wir unter anderem die Integration der geplanten Gebäude in die Topografie des Geländes: Wie lassen sich Coworking- und Wohnbereiche so anordnen, dass sie sich in die Landschaft einfügen, die Privatsphäre der Nutzer gewahrt bleibt und gemeinschaftliche Strukturen entstehen? Gleichzeitig besprechen wir die letzten Rückmeldungen der Kommune. Projektentwicklung bedeutet, mit jedem Termin das große Ganze im Blick zu behalten, auch wenn es um Details geht, wie Vorschriften, Grundflächenzahlen und technische Feinheiten.
Diese Runden sind immer besonders spannend, weil sie zeigen, wie sehr unterschiedliche Arbeitskulturen voneinander profitieren können. Zum Beispiel die deutsche Strukturiertheit und die portugiesische Offenheit für Innovation: Manchmal reiben sich die Kulturen, meistens ergänzen sie sich.

Und vieles begegnet einem immer wieder, egal ob in Deutschland oder Portugal: Auf dem Bauamt werden die Pläne bei jedem Termin neu geprüft, neue Vorgaben kommen hinzu, und man muss Wege finden, diese konstruktiv umzusetzen. Das unterscheidet sich weniger, als viele glauben. Und auch das Schimpfen auf überbordende Regulatorik und die Politik gehört in Portugal zum guten Ton, übrigens auch die Überzeugung, dass es im Ausland und in Deutschland doch mit Sicherheit besser sei. Manchmal kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen – wir sind uns doch ähnlicher, als wir denken.
Apropos Bauamt: Es fehlt ein Dokument, und das hätte man gerne im Original. Also setze ich mich ins Auto und fahre zum Bauamt in Aljezur. Danach geht es zur Baustelle unserer „Casas Monte Clerigo“, unserem ersten Projekt in Portugal. Im November sollen die Townhomes in Laufdistanz zum Strand fertig sein. So weit, so gut.
Mittags: Tosta Mista und kurz Sonne tanken
Ich gönne mir einen kurzen Besuch in einem kleinen Café, draußen stehen Tische im Sonnenschein. Hier bestelle ich einen Espresso und ein Tosta Mista – ein einfaches Käse-Schinken-Sandwich, der Klassiker zur Mittagszeit in Portugal.
Nachmittags: Zwischen Forschung und Investoren
Zurück im Homeoffice steht ein Call mit dem Fraunhofer-Institut an. Im Rahmen der Future District Alliance, einem europäischen Thinktank, arbeiten wir seit einiger Zeit an der Zukunftsfähigkeit von Quartieren zusammen. Heute diskutieren wir, wie neue Geschäftsmodelle aussehen müssen, damit innovative Quartiere auch wirtschaftlich nachhaltig sind. Denn es reicht nicht, über Community-Flächen oder Sharing-Modelle zu sprechen – am Ende muss jedes Konzept ein belastbarer Business Case sein, sonst bleibt es nur eine schöne Idee, und die Community flackert kurz auf, bevor sie im Geldmangel erlöscht.
Direkt im Anschluss treffe ich einen Investor für ein erstes Kennenlernen. Noch vor einigen Jahren war grenzüberschreitendes Investieren vor allem Sache großer Konzerne. Heute zeigen auch kleine bis mittelgroße Family Offices Interesse an internationalen Projekten. Der europäische Immobilienmarkt ist in Bewegung. Ländergrenzen verlieren an Bedeutung, der Binnenmarkt wird real. Immobilien-Deals enden nicht mehr am Schlagbaum. In solchen Gesprächen geht es zwar auch um Renditeprognosen und Kennzahlen, aber vor allem um Vertrauen. Wer steckt hinter dem Projekt? Welche Strukturen sichern es ab? Gerade im Ausland sind diese Fragen zentral. Dabei entsteht Vertrauen nicht durch Excel-Listen, sondern durch Austausch und Einblick. Deshalb ist es wichtig, früh die Basis für eine verlässliche Partnerschaft zu schaffen.
Abends: Internationale Community in Portugal
Der Arbeitstag endet selten am Laptop. Heute treffe ich Freunde zum Abendessen im Fischrestaurant im Dorf. Hier herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre und der Restaurantbesitzer kennt uns. Die Algarve ist bekannt für ihre internationale Community, die, wie ich auch, multilokal lebt und arbeitet. Wir tauschen uns über Projekte aus, über das Leben zwischen den Ländern und manchmal auch einfach über die besten Weine der Region.
Ob ich in Berlin oder in Portugal bin, macht für meine Arbeit kaum noch einen Unterschied. Ich habe an vielen Orten gelebt, auch außerhalb Europas, und dabei eine Wertschätzung für die europäische Kultur gewonnen. Ich verstehe mich als Europäer und agiere entsprechend als Unternehmer: über Ländergrenzen hinweg mit Synergien von internationalen Teams und diversifizierten Märkten. Genau das inspiriert mich jeden Tag.