Bei Bestandsimmobilien gibt es viele Stellschrauben, um ihre energetische Performance zu verbessern. Über technische Lösungen und Transparenz sprach immobilienmanager mit Mike Hughes, Zone President DACH bei Schneider Electric
Der Innovation Hub auf dem Euref-Campus in Düsseldorf ist seit einigen Monaten geöffnet. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen?
Mike Hughes: Die Resonanz der Besucher ist sehr gut. Besonders überrascht sind viele Gäste über die breite Palette an fortgeschrittenen und praxisnahen Lösungen, die wir dort zeigen und heute schon anbieten. Die ersten Wochen haben deutlich gezeigt: Die größte Hürde ist nicht die technische Verfügbarkeit, sondern das Bewusstsein für bestehende Lösungen. Wenn reale Anwendungsfälle transparent vermittelt werden, entsteht ein neues Verständnis für Effizienz‑, Dekarbonisierungs‑ und Digitalisierungshebel.
Wie verändert sich die Rolle von Gebäuden im Kontext von Energieeffizienz, Dekarbonisierung und digitalem Energiemanagement – und welchen Beitrag kann die Immobilienwirtschaft konkret leisten?
Mike Hughes: Die Herausforderung ist: Wie transformieren wir Gebäude weg vom Kostenpunkt hin zum aktiven Energie-Akteur? Mieter verlangen Verbrauchs- und CO₂-Transparenz, Eigentümer brauchen belastbares Reporting, Investoren achten stärker auf Betriebseffizienz. Die Immobilienwirtschaft kann hier entscheidend wirken, indem sie Bestandsgebäude datenfähig macht, digitale Steuerung und Energiemanagement einführt und erneuerbare Energiequellen integriert. Der Euref-Campus Düsseldorf zeigt exemplarisch, wie das funktioniert: Seewasser-Wärme/Kälte, Photovoltaik, Batteriespeicher und ein offenes Gebäudemanagementsystem greifen nahtlos ineinander.
Warum fiel die Standortwahl auf Düsseldorf – und welche Rolle spielt der Euref-Campus im europäischen Standortnetz von Schneider Electric?
Mike Hughes: Wir waren zuvor mit unserer Deutschlandzentrale 30 Jahre in Ratingen gleich hier um die Ecke. Als die Euref AG, mit der wir schon über 15 Jahre am Berliner Campus zusammenarbeiten, sich entschlossen hat, in Düsseldorf das Konzept auszuweiten und zu bauen, hat das strategisch für uns sehr gut gepasst. Die Lage direkt neben Flughafen und Fernbahnhof ist eine ideale Anbindung für unsere Belegschaft, aber auch für internationale Meetings, Termine mit Kunden und Partnern. Gleichzeitig bietet der Standort auch die Voraussetzung für ein „Schaufenster der Energiewende“, zum Beispiel durch die Infrastruktur und den Baggersee.
Smart Buildings sind ein Schlüsselelement der Energiewende. Welche technologischen Entwicklungen sehen Sie als besonders relevant für Bestandsimmobilien?
Mike Hughes: Entscheidend sind nachrüstbare Mess- und Sensortechnik, vernetzbare Controller, ein offenes Gebäudemanagementsystem (BMS) als „Gehirn” sowie Anwendungen, die Energie-, CO₂- und Komfortdaten transparent und verständlich machen. Es geht konkret um das Erkennen von Betriebsabweichungen und das automatische Anstoßen von Wartungsmaßnahmen an. In eine intelligente Optimierung können PV-Anlagen, Speicher, Fernwärme und sogar Seewasserwärme/-kälte integriert werden.
Darüber hinaus gewinnen Technologien für aktives Energiemanagement und digitale Berichterstattung an Bedeutung: von belegungsabhängigen Steuerungen über KI-gestützte Analysen bis hin zu WAGES-Dashboarding (Water, Air, Gas, Energy, Steam). Damit lassen sich Energieverbräuche um bis zu 65 Prozent senken und Zertifizierungen wie LEED Platin erreichen. Microgrids erhöhen die Resilienz und senken Energiekosten um bis zu 14 Prozent bei gleichzeitiger CO₂-Reduktion. Ergänzend sorgen IoT-basierte Workplace-Management-Systeme für ein optimiertes Nutzererlebnis – inklusive digitalem Gebäudezugang, Raumbuchung und Echtzeit-Belegungsdaten. Das steigert Komfort und Effizienz und macht Bestandsimmobilien zukunftsfähig.
Viele Immobilienbetreiber stehen vor der Herausforderung, steigende Energiekosten zu bewältigen und gleichzeitig ESG-Vorgaben zu erfüllen. Wie lässt sich das lösen?
Mike Hughes: Es lässt sich dadurch lösen, dass vollständige Transparenz über die Gebäudedaten geschaffen wird – von der Definition relevanter Messpunkte über die Nachrüstung von Sensorik bis hin zur Sicherstellung hoher Datenqualität. Auf dieser Basis lassen sich Einspar- und Dekarbonisierungspotenziale analysieren und deren Wirtschaftlichkeit unter Berücksichtigung von Capex, Opex und Payback-Zeiten bewerten. Im laufenden Betrieb sorgen intelligente Analysen für automatisierte Wartungsaufträge und eine Echtzeit-Energieoptimierung. Das senkt nicht nur Kosten, sondern schafft eine belastbare Grundlage für ESG-Reporting – sowohl für Eigentümer als auch für Mieter.
Wie digital ist die Immobilienbranche aus Ihrer Sicht heute wirklich – und wo sehen Sie die größten Fortschritte oder Lücken?
Mike Hughes: Es gibt klare Fortschritte: Entscheidungen werden häufiger auf C-Level und Investorenseite getroffen; Effizienz, Nachhaltigkeit und Betriebssicherheit sind Chefsache. Die Technologien und Möglichkeiten sind da, es geht vor allem darum die „Schwellenangst” zu nehmen, um Aufklärung und Akzeptanz und zu zeigen, dass sich Investitionen schneller rechnen, als man denkt. Das Potenzial ist enorm: Zahlreiche Gebäude liefern noch keine Daten und betreiben Alt-Infrastruktur aus den 1970er/80erJahren. Hier hilft ein pragmatischer, skalierbarer Retrofit-Pfad mit offenen Standards und klaren Prioritäten.
Technologien sind nur ein Teil der Transformation. Wie begegnet Schneider Electric dem Fachkräftemangel in der Energie- und Gebäudetechnik?
Mike Hughes: Wir begegnen dem Fachkräftemangel, indem wir die Gebäudetechnik sichtbar und attraktiv machen und unterschiedliche Akteure – von Wirtschaft über Wissenschaft bis hin zu Start-ups und Dienstleistern – auf dem Euref-Campus zusammenbringen. So entsteht eine Lern- und Schulungsumgebung, in der Weiterbildung und Lernen am realen Objekt stattfinden – vom Show Case bis zu gemeinsamen Projekten im laufenden Betrieb. Hier spielt der Talent-Campus des Euref eine zentrale Rolle: Wir arbeiten eng mit Hochschulen zusammen, um junge Menschen für die Energie- und Gebäudetechnik der Zukunft zu begeistern und praxisnah auszubilden. So schaffen wir eine Brücke zwischen Innovation, Qualifizierung und konkreten Berufsperspektiven. Der erste Studiengang MSc Management of Smart and Sustainable Energy Systems ist bereits zum Wintersemester 2025 gestartet.
Welche politischen Impulse braucht es aus Ihrer Sicht, damit Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der gebauten Umwelt schneller vorankommen – gerade mit Blick auf die Sanierung des Bestands?
Mike Hughes: Es braucht vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, die Planung und Umsetzung vereinfachen. Heute sorgen viele unterschiedliche Regeln und Vorgaben – etwa über 800 Netzbetreiber mit eigenen Anschlussanforderungen oder uneinheitliche technische Standards bei der Ladeinfrastruktur – dafür, dass Projekte unnötig komplex, teuer und langsam werden. Das betrifft besonders die Sanierung des Bestands, wo Tempo und Skalierbarkeit entscheidend wären.
Notwendig sind daher klare politische Vorgaben, wirtschaftlich sinnvolle Anreize und deutlich weniger Bürokratie. Schlankere Genehmigungsverfahren und einheitliche technische Standards würden die Umsetzung erheblich erleichtern. Auch ein offenerer Umgang mit neuen Lösungen und das Aufräumen überholter Strukturen wären wichtige Schritte. Die Technologien sind vorhanden, die Unternehmen grundsätzlich bereit – jetzt braucht es politische Impulse, die die Anwendung im Alltag einfacher machen und so eine schnellere Modernisierung des Gebäudebestands ermöglichen.
Das Gespräch führte Thorsten Schnug.
