Wohnimmobilien
Für einen klimaneutralen Gebäudebestand muss die Immobilienbranche mit digitalen Lösungen im Wohngebäudebestand ansetzen. (Quelle: shutterstock)

Nachhaltigkeit & ESG

06. August 2022 | Teilen auf:

Wohnimmobilien fit für die Zukunft machen

Für einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2045 braucht es smarte und innovative Lösungen, die in Wohngebäuden großflächig einsetzbar sind.

Der Gebäudesektor ist in Deutschland für ein Drittel aller CO2-Emissionen verantwortlich. Jahr für Jahr verfehlt er seine Ziele zur CO2-Reduktion. Dabei ist das für das Gelingen der Energiewende im Gebäude wichtiger denn je: 55 Prozent weniger Treibhausgasemissionen in zehn Jahren strebt die Bundesregierung an. Unterschiedliche Interessen, kompetitive Technologien, politische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Implikationen machen dies jedoch zu einer hochkomplexen Aufgabe.

Dabei gibt es eine ganze Reihe von Dekarbonisierungsmaßnahmen, die an unterschiedlichen Stellschrauben im Wohngebäude ansetzten. Vor allem die Digitalisierung des Gebäudebetriebs schafft bei minimalem Kosteneinsatz neue Möglichkeiten zur CO2-Reduktion. Ein klimaneutraler Gebäudebestand ist möglich, wenn politische sowie wirtschaftliche Akteure, Eigentümer, Mietende und andere Stakeholder gemeinsam anpacken. Auf ihre Zusammenarbeit und den interdisziplinären Austausch, beispielsweise mit visionären Tech-Unternehmen, kommt es gerade jetzt besonders an.

Maßnahmen für einen klimaneutralen Gebäudebestand

Aus technologischer Sicht steht zur CO2-Reduktion ein Set aus Maßnahmen zur Verfügung, die in zwei Arten unterteilt werden können: In solche, die den Endenergieverbrauch von Gebäuden reduzieren und in solche, die den verbleibenden Restverbrauch CO2-neutral decken. Beides sollte in eine umfassende Digitalisierungsstrategie eingebettet werden, die auch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) berücksichtigt.

Durch die Dämmung von Fassade, Kellerdecke und Dach sowie den Einbau neuer Fenster und Türen kann zum Beispiel massiv Energie in Wohngebäuden eingespart werden.

Einsparungen von weiteren zehn bis 15 Prozent können zudem über eine intelligente, digitale und auf das individuelle Gebäude eingestellte Steuerung der Heizungsanlage erreicht werden. Heute ist nur jede fünfte Heizungsanlage optimal justiert, von regelmäßiger Wartung ganz zu schweigen – das muss sich ändern.

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Darüber hinaus sind 55 Prozent der Heizungsanlagen in Deutschland älter als 15 Jahre und werden nicht regelmäßig gewartet. Nur jede fünfte Anlage ist optimal eingestellt und dimensioniert. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass knapp 80 Prozent aller Anlagen in Mehrfamilienhäusern zu hoch eingestellt sind und über 40 Prozent Sommer wie Winter durchlaufen. Das Resultat? Ein rund zehn Prozent höherer Energieverbrauch. Zu diesem Ergebnis kam bereits das 2018 bis 2021 vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Forschungsprojekt "BaltBest" ( „Einfluss der Betriebsführung auf die Effizienz von Heizungsaltanlagen im Bestand“), an dem Techem beteiligt war und das den Einfluss der Betriebsführung auf die Effizienz von Bestandsheizungsanlagen in Mehrfamilienhäusern untersuchte.

Digitale Monitoring- und Steuerungstechnik kann einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung des CO2-Fußabrucks eines Gebäudes leisten. Dabei können Serviceanbieter und Energiedienstleister ihre Kunden schon heute durch Beratung und die Bereitstellung entsprechender Technik unterstützen. In einigen Fällen ist allerdings der Austausch der Anlagen aufgrund ihres Alters unumgänglich

Bei der Entscheidung für eine neue Anlage muss den Klimaaspekten heute eine entscheidende Rolle zukommen. Hier gilt es, Immobilienverantwortliche dahingehend zu beraten, in zukunftsweisende Technologien zu investieren. Denn Investitionen in effiziente und nachhaltige Anlagen sind nicht nur gut für die Umwelt, sondern schonen über ihre Gesamtlaufzeit hinweg auch den Geldbeutel von Betreibern und Mietenden. Hier bieten elektrische Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen großes Potenzial. In Einfamilienhäusern sind sie bereits State of the Art – nun gilt es, sie auf Mehrfamilienhäuser zu übertragen und für ganze Quartiere zu skalieren.

Messen schafft Bewusstsein

Spätestens die aktuelle Energiekrise macht deutlich: Alle müssen sparen und das Heizverhalten anpassen. Transparenz durch regelmäßige Verbrauchsinformationen und konkrete Handlungsempfehlungen sind hierfür unerlässlich, denn sie führen zu einem bewussteren Umgang mit Energie. Nur wer seinen Verbrauch kennt, kann diesen reduzieren und damit Geld und CO2 sparen. Das hat auch der Gesetzgeber erkannt und schreibt seit Januar 2022 über die europäische Energieeffizienz-Direktive (EED) und die überarbeitete deutsche Heizkostenverordnung (HKVO) gesetzlich eine monatliche Verbrauchsinformation vor.

Alexander Ubach-Utermöhl (Quelle: Techem)

Diese Erkenntnis lässt sich vom Verhalten der Mietenden auf den gesamten Gebäudebetrieb übertragen. Nur wer den energetischen Ist-Zustand seines Gebäudes kennt, ihn überwachen und monitoren kann, weiß, mit welchen Maßnahmen die höchsten CO2-Reduktionen bei optimaler Wirtschaftlichkeit zu erreichen sind. Die hierfür benötigte digitale Infrastruktur, wie etwa Smart Meter Gateways und funkfähige Verbrauchserfassungsgeräte, gilt es nun schnell in die Gebäude zu bringen, um Einsparpotenziale optimal ausschöpfen zu können.

Vernetzte Immobilienbranche – vernetzte Gebäude

Die Digitalisierung des Gebäudebestands steckt noch in den Kinderschuhen. Die gesamte Immobilienbranche ist jetzt gefragt, sich dieser Herausforderung anzunehmen und sich stärker miteinander zu vernetzen als bisher. Entscheidend hierfür sind strategische Partnerschaften, Allianzen und Netzwerke auf allen Ebenen: Gemeinsam kann die Entwicklung digitaler Innovationen für Gebäude und zukunftsgerichtete Angebote schneller vorangetrieben werden – immer mit dem Anspruch, maximale Energieeffizienz ohne Mehrkosten für Eigentümer und Mietende zu erzielen.

Ein weiterer wichtiger Hebel ist dabei auch die Zusammenarbeit der Dienstleister mit ihren Kunden. Die Leitfrage muss dabei sein, wie die Bewirtschaftung von Gebäuden in der Zukunft aussehen wird. Technologieunternehmen und Start-ups tragen ihren Teil mit neuen Blickwinkeln und ihrem Know-how zum heute technisch Machbaren bei. Etablierte Serviceanbieter und Energiedienstleister bringen ihrerseits Erfahrungen mit digitaler Infrastruktur und kostengünstige Skalierungskraft in die Partnerschaften ein: Mit ausgewählten Kunden können sie Digitalisierungsansätze unter realen Marktbedingungen testen und in bestehende Prozesse integrieren. Gemeinsam kann ein solches Gespann viel bewegen.

Kleine Investitionen, große Wirkung

Das Fazit: Wir brauchen Digitalisierung auch und gerade in Wohngebäuden. Eine digitale Infrastruktur in Gebäuden bietet die Möglichkeit, KI-gesteuerte Prozesse für die Wärmeerzeugung und -verteilung einzusetzen. Eine besonders große Chance besteht gerade darin, die Strom-, Gas- und Wärmenetze mit Hilfe von Daten effizient zu verbinden und dadurch Effizienzpotenziale zu heben. Das trägt auch zur System- und Versorgungssicherheit der Netze bei und ist gerade in der aktuellen Energiekrise von zentraler Bedeutung.

Digitalisierung ist kein Buzzword, kein „Nice to have“ oder „Mitschwimmen“ in einem Megatrend, sondern Grundvoraussetzung für den Weg zu einem klimaneutralem Gebäudebestand. Der große Vorteil von digitalen Lösungen besteht darin, dass sie meist geringinvestiv sind und keine oder nur wenige bauliche Eingriffe verursachen. Wenn alle Akteure der Immobilienbranche bei der Entwicklung von digitalen Lösungen an einem Strang ziehen, bleibt ein klimaneutraler Gebäudebestand bis 2045 keine Vision, sondern ist möglich.

Autor: Alexander Ubach-Utermöhl, Head of Strategic Business Development, Techem.

zuletzt editiert am 06.08.2022