Eine belebte Straßenszene in einem Stadtviertel mit Cafés und Menschen, die draußen sitzen.
Das Stadtviertel Palermo in Buenos Aires gilt als Beispiel für organisch gewachsene Urbanität mit vielfältiger Nutzung, öffentlichem Leben und kultureller Identität. (Quelle: iStock Editorial)

Projekte 2026-01-26T10:58:00.477Z Von Buenos Aires lernen: Wie man Vielfalt kuratiert

Gute Quartiere entstehen aus der Überzeugung, dass echte Urbanität nur dort wächst, wo Vielfalt, Begegnung und Teilhabe von Anfang an mitgedacht werden. Von Samira Pichler

Die Straßen sind gefüllt, es herrscht ein angenehmer Trubel mit vielen Begegnungen und Gesprächen. Wilde Graffitis verschönern das gesamte lebendige Viertel, das Menschen aus der ganzen Stadt anzieht. Dank der guten Anbindung kommen Besucher meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln und bewegen sich dort fast ausschließlich zu Fuß. Die Erdgeschosse sind von gewerblicher Nutzung geprägt, während in den oberen Etagen Wohnflächen und Büros Einheimischen und digitalen Nomaden Raum für ihre Entfaltung bieten. Im nahegelegenen Museum bestaunen Menschen zeitgenössische Kunst und ruhen sich anschließend in einem der größten Parks der Stadt aus.

Ein Gebäude mit der Aufschrift "Chopperia" und einem großen Wandgemälde, das Sportler zeigt, umgeben von Bäumen und Straßenschildern.
Palermo zeigt, wie vielfältige Nutzung, öffentlicher Raum und kulturelle Angebote ein lebendiges Stadtviertel entstehen lassen. (Quelle: Roswitha Loibl)

Was nach einem Lehrbuchbeispiel für eine gelungene Quartiersentwicklung in Mitteleuropa klingt, ist tägliche Realität im Stadtviertel Palermo in Buenos Aires, Argentinien. Ein etwas überraschendes Beispiel, das jedoch zeigt, dass es sich für die Quartiersentwicklung lohnt, den Blick auch über Europa hinaus zu richten. Dieses organisch gewachsene Viertel verkörpert seit Jahrzehnten genau das, was in Europa erst in letzten Jahren zur Maxime für Stadtentwicklung geworden ist.

Jahrzehntelang war der urbane Raum in Deutschland vor allem auf den individuellen Autoverkehr ausgerichtet. Der Wunsch nach einer autogerechten Stadt bestimmte Planung, Maßstäbe und Richtlinien. Doch dieses Denken passt nicht mehr in unsere Zeit. Immer mehr Menschen wünschen sich wieder lebendige, gemischte Stadtviertel, in denen Begegnung, Nachbarschaft und Kultur den Takt vorgeben. Die Stadt gewinnt an neuer Bedeutung und gilt als Ort der sozialen Interaktion, als kulturelle Bühne und als Lebensraum im besten Sinn.

Was wir in Palermo beobachten, steht sinnbildlich für das, was in Deutschland vielerorts erst beginnt: den Wandel vom monofunktionalen Quartier hin zu lebendigen, vielfältigen Stadtteilen. Und damit stellt sich die entscheidende Frage:

Kann durch Kuration in neuen Quartieren das geschaffen werden, was anderswo über Jahrzehnte organisch gewachsen ist?

Quartiere im Wandel – vom Monofunktionalen zur Vielfalt

In Deutschland blicken wir auf eine lange Tradition der monofunktionalen Quartiere: Ein reines Wohngebiet hier, ein Gewerbegebiet da. Fein säuberlich voneinander getrennt. So verwaisen die Wohnviertel tagsüber und die Gewerbegebiete wiederum abends und nachts. Ein lebendiges Quartier kann so nicht entstehen, denn das Beispiel von Palermo (BA) zeigt uns, dass gerade die Kombination von Nutzungen zu einem lebenswerten Viertel führt.

Quartiere haben genau die richtige Größe, um Nutzungen bewusst zu kuratieren – also Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Kultur und Mobilität in ein ausgewogenes, aber auch dem jeweiligen Standort angemessenes Verhältnis zu bringen. Gute Quartiere sind immer auch Orte mit Haltung. Sie entstehen nicht aus Zufall, sondern aus der Überzeugung, dass echte Urbanität nur dort wächst, wo Vielfalt, Begegnung und Teilhabe von Anfang an mitgedacht werden.

Wir begreifen Quartiersentwicklung auch als kulturelle und soziale Aufgabe. Eine menschenzentrierte Stadtentwicklung muss Räume schaffen, die Begegnung ermöglichen und das Alltägliche mit dem Besonderen verbinden – Orte, die nicht nur funktionieren, sondern berühren.

Transformation mit Geschichte: Das Quartier Am Papierbach in Landsberg am Lech

Wie wir das in der Praxis umsetzen, zeigt unser Projekt „Urbanes Leben Am Papierbach“ in Landsberg am Lech. Auf dem Gelände einer ehemaligen Pflugfabrik entwickeln wir seit 2014 ein neues Stadtquartier.

Bevor wir anfingen, haben wir den Menschen zugehört und genau analysiert, was gebraucht wird. Entstanden ist ein autofreies Quartier, das von Anfang an auf soziale Vielfalt und Begegnung ausgelegt ist. Bereits bei der Planung wurde gezielt die lokale Community eingebunden – Vereine, Initiativen, Kunst- und Kulturschaffende.

Vielfältige Aktivitäten als Schlüssel des Quartierslebens

Kunst und Kultur sind kein dekoratives Beiwerk, sondern integraler Bestandteil eines Quartierslebens. Sie schaffen Identität und Einzigartigkeit. Über temporäre Nutzungen, Ausstellungen, Workshops und Events wurde eine Identität geschaffen, die weit über Architektur hinausgeht – sie steht für eine „gelebte Urbanität“.

Eine moderne Wohnanlage mit mehreren Etagen und Balkonen, umgeben von Grünflächen.
Visualisierung der Quartiersentwicklung „Am Papierbach“ in Landsberg am Lech. (Quelle: ehret + klein)

Ein weiteres Erfolgsrezept: soziale Vielfalt. Rund 30 Prozent der Wohnungen sind gefördert, somit begegnen sich Menschen unterschiedlicher Einkommen und Lebensstile auf Augenhöhe. Die Erdgeschossflächen wurden bewusst mit Gastronomie, kleinteiligem Gewerbe und kulturellen Angeboten als Orte der Öffentlichkeit geplant. Dadurch entsteht ein lebendiges und offenes Erdgeschoss, das die öffentliche Fläche erweitert, den Stadtraum aktiviert und Kommunikation fördert.

Eine attraktive Architektur, die Begegnungen fördert, muss Hand in Hand mit sozialem Leben gehen. Unser Quartiersmanagement fungiert deshalb von Anfang an als Bindeglied zwischen Bewohnern, Gewerbetreibenden und Öffentlichkeit. Es organisiert kulturelle Angebote, fördert Nachbarschaften und begleitet das Leben im Quartier – über analoge Aktivitäten bis hin zur Quartiersapp. So bleibt der Ort lebendig und wird ein soziales Biotop mitten in der Stadt.

Fazit: Quartiere müssen kuratiert werden

Wir verstehen Quartiersentwicklung als kulturelle Verantwortung. Wir wollen Menschen Räume geben, in denen sie leben wollen. Vielfalt, Begegnung und Nachhaltigkeit sind keine Schlagworte, sondern Leitprinzipien unserer Arbeit.

Unser Quartier „Am Papierbach“ zeigt, wie dank Kuration ein lebendiges Quartier mit hoher Lebensqualität geschaffen werden kann. Es beweist, dass erfolgreiche Stadtentwicklung erst dann gelingt, wenn sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Es zeigt aber auch, dass Stadt wieder das werden kann, was sie ursprünglich war: ein Ort der Beziehungen, wo Architektur, Kultur und Gemeinschaft zusammenwirken und eine urbane Identität entsteht. Wie in Palermo.

Ein Beitrag von Samira Pichler, Chief Development Officer, Ehret + Klein AG

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zuletzt editiert am 26. Januar 2026