Die Expo Real war in diesem Jahr geprägt durch intensive Gespräche und Sondierungen, aber auch durch Versuche, die eigene Situation schönzureden.
"Survive until 25": Dieser Slogan war vermutlich der meistzitierte Satz auf der diesjährigen Expo Real. Um diese Durststrecke zu überstehen, kann es helfen, Geschäftspartner auch einmal im Unklaren zu lassen über die eigene Situation. Und so seufzte der Vertreter einer Wirtschaftsförderung: "Ich bin noch nie auf einer Expo so viel angelogen worden wie dieses Jahr." Manch ein Unternehmen hat einerseits bereits bei einer PR-Agentur Krisenkommunikation in Auftrag gegeben, spricht aber andererseits davon, dass man voll neuer Pläne sei und alles im Griff habe. Es zeigt sich: Die Strategien zur Krisenbewältigung sind höchst unterschiedlich. Es kann auch damit funktionieren, dass man neue Geschäftsmodelle aufsetzt.

"Je weiter man weg ist von der Nutzungsart Büro, desto besser ist die Stimmung." Auch dieser Satz eines Immobilienberaters gibt die Situation gut wieder. Alternativen werden gesucht. Und so gab es sogar bei Panels zu sehr speziellen Nutzungsarten wie Life Science großen Zulauf. Von der Krise profitieren können Facility-Manager, denn ihre Kompetenzen bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes werden mehr denn je gebraucht. Allerdings steht dies unter dem Vorbehalt, dass die Kunden zahlungswillig und -fähig bleiben.
Mehr Lounges, weniger Aussteller
"Die Anzahl der Lounges auf der Expo erschien größer als gewohnt, was den Rückschluss nahelegt, dass weniger Flächen durch Aussteller belegt waren. Auch in den Gesprächen wurde deutlich, die Krise ist angekommen. Es sind zwar immer noch 'die anderen', die es betrifft, aber das Pfeifen im Walde ist deutlich leiser geworden", beschreibt zum Beispiel Mario Caroli, Managing Partner, AIF Capital Group, seine diesjährige Expo-Real-Erfahrung.
"In diesem Jahr ist die Expo Real anders als sonst. Gefühlt ist die Stimmung fast besser als die objektive Lage. Das interpretiere ich aber positiv. Es ist Zuversicht zu verspüren. Und die brauchen wir, um den Herausforderungen zu begegnen. Mit Ideen, Kreativität und innovativen Lösungen wird man auch dieses Tal überwinden", meint Dr. Andreas Iding, Geschäftsführer, Goldbeck Services.
"Es besteht großer Gesprächsbedarf"
"Diese Expo Real zeigt, dass der Stellenwert von Networking nie so hoch ist wie in schwierigen Zeiten", kommentiert Nils Hübener, CEO der Dr. Peters Group. "Positiv erlebe ich, dass die Lust daran, es könnte alles immer noch schlechter werden, deutlich abgenommen hat. Stattdessen werden Grundlagen für neues Geschäft gelegt."
Joachim Zug, Geschäftsführer der AIF Development Services, nahm die Stimmung durchaus negativ wahr: "Es war die Expo mit den am tiefsten hängenden Köpfen mindestens der letzten zehn Jahre. (...) Spürbar war die Unzufriedenheit gegenüber dem mangelnden politischen Reformwillen."
Diana Anastasjija Radke geschäftsführende Teilhaberin beim Projektentwickler KVL Bauconsult: "Letztes Jahr hatten wir alle Angst - heute haben wir Gewissheit! Welche Gewissheit? Die Gewissheit, dass die, die es bis zum Herbst geschafft haben, sich jetzt winterfest machen müssen! Konsolidieren, finanziell restrukturieren. Das Geschäft wird für uns als Dienstleister komplexer und anspruchsvoller! Projektmanagement ist nicht das, was es vor 20 Jahren war und wird morgen nicht das sein, was es heute ist. Die Branche ist so unfassbar komplex, dass es absolut notwendig ist Banden zu bilden! Leibnitz ist tot! Es kann nicht mehr den einen geben, der alles überblickt. Wir müssen uns vertrauen und uns austauschen - die Fähigkeiten anderer integrieren und andere Partner um unser Wissen bereichern. Keine:r kommt aus dieser Nummer alleine raus! Einzelkämpfer, die starr an ihrem Geschäftsmodell und Mindset festhalten, werden sterben! Unternehmer:innen hingegen mit einem seit Jahren stabilen Wertegefüge und der Fähigkeit zuzuhören sowie sich klug zu verbinden werden es weiterhin weit bringen."
"Niemand ist zur Expo gefahren, um Trübsal zu blasen", hält Alexander Heinzmann, Geschäftsführer von BPD Immobilienentwicklung, dagegen. "Es besteht eindeutig großer Gesprächsbedarf, es gab keine Minute Ruhe. Dabei habe ich eine angeregte und positive Gesprächsatmosphäre erlebt. Keine Frage, die derzeitige Situation ist eine große Herausforderung für die Immobilienbranche und sie zwingt alle, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren."
"In den Gesprächen auf der diesjährigen Expo Real wurde uns klar signalisiert, dass die Preisfindungsphase noch nicht abgeschlossen ist", erklärt Marcus-C. Huckfeldt-Weber, Geschäftsführender Gesellschafter von Adolf Weber. "Zurückhaltung überwiegt hier auf allen Seiten. Der Markt wird durch hohe Finanzierungs- und Baukosten, weiterhin zu hohe Grundstückspreise sowie viele Regularien ausgebremst. Eine Entspannung dieser Situation wird es nur mittelfristig geben. Unser Fokus liegt derzeit auf der Entwicklung von gewerblichen Assetklassen wie Gewerbeparks, Light Industrial und Last Mile Logistik. Hier sehen wir eine hohe gefestigte Nachfrage am Markt. Dies hat sich auch im persönlichen Austausch auf der Messe vielfach bestätigt."

Ein Highlight am zweiten Messetag war der Besuch von Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD). Sie sprach sich dafür aus, einfacher zu bauen, damit Häuser und Wohnungen bezahlbar bleiben. Da die Musik aber im Bestand spiele, plädierte die Ministerin dafür, dass die öffentliche Hand vorangeht mit der Sanierung ihrer Bauten. Die Immobilienbranche sah sie noch vor einer längeren Durststrecke: Auch Geywitz erwartet, dass sie erst im Jahr 2025 enden werde.
"Die Arbeitsmesse der Branche"
Insgesamt 1.856 Aussteller aus 36 Ländern (2022: 1.887 / 33) und mehr als 40.000 Teilnehmer aus 70 Ländern (2022: 39.932 / 74) kamen von 4. bis 6. Oktober 2023 zu Europas größter Messe für Immobilien und Investitionen nach München. Die Gesamtteilnehmerzahl unterteilte sich in knapp 20.000 Fachbesucher (2022: 19.434) und 20.312 Unternehmensvertreter (2022: 20.498).
„Die Expo Real hat speziell dieses Jahr wieder bewiesen, dass sie die Arbeitsmesse der Branche ist und die Plattform bietet, über bestehende Herausforderungen, Lösungsansätze und Chancen zu diskutieren“, sagt Stefan Rummel, CEO der Messe München. „Die Immobilienbranche sieht sich mit einer der angespanntesten Zeiten seit langem konfrontiert. Steigende Zinsen, stagnierende Bauvorhaben, Inflation – die Problemstellungen sind vielfältig."
Die nächste Expo Real findet von 7. bis 9. Oktober 2024 statt.