Ein freundlicher humanoider Roboter mit großen Augen und einem Bildschirm in einem modernen Innenraum.
Ergänzung statt Ersatz: Roboter können das Pflegepersonal bei der sozialen Aktivierung und Unterhaltung der Bewohner unterstützen. Laut Cureus-CEO Christian Möhrke und Michael Burmester von Pflegemotive liegt der wirtschaftliche Hebel von Robotik in Pflegeimmobilien vor allem in der Entlastung knapper Personalressourcen – eine Reduzierung der gesetzlichen Personalschlüssel erlaubt die Technologie jedoch nicht. (Quelle: Pixabay)

Digitalisierung 2026-06-11T06:32:38.988Z Robotik in Pflegeimmobilien: Ergänzung statt Ersatz?

Breite Flure und schwellenlose Wege: Warum moderne Pflegeheime die idealen Reviere für Roboter sind – und wo die Hürden beim Betrieb liegen. Von Christian Möhrke und Michael Burmester

Die Diskussion über Robotik im Immobilienmarkt ist häufig von Zukunftsbildern geprägt, die zwischen Automatisierungseuphorie und Arbeitsplatzsorgen oszillieren. Für Investoren, Betreiber und Projektentwickler ist weniger die Vision als die praktische Frage der Umsetzbarkeit entscheidend. Gerade im Bereich der stationären Pflege entstehen die baulichen und funktionalen Anforderungen aus den regulatorischen Vorgaben des Pflegebetriebs.

Pflegeimmobilien weisen spezifische architektonische Merkmale auf, die der Barrierefreiheit und Sicherheit dienen: eine Grundrissstruktur mit hoher Geradlinigkeit, klare Wegeführungen mit breiten Fluren, schwellenlose Übergänge und großzügige Bewegungsflächen mit ausreichendem Wenderadius. Leistungsfähige WLAN-Netze, redundante Stromversorgung, ausreichende Anschlussdichte und technische Schnittstellen sind ebenfalls Grundvoraussetzung. Genau diese Eigenschaften schaffen ideale Bedingungen für autonome Systeme.

Begriffliche Differenzierung: Maschine, Roboter und KI

Für eine sachliche Einordnung ist eine begriffliche Differenzierung erforderlich, da sich Robotik von klassischen Maschinen oder künstlicher Intelligenz (KI) abgrenzt. Während klassische Maschinen als technische Systeme definiert sind, die feste Parameter und wiederholbare Aufgaben rein deterministisch ohne situative Anpassungsfähigkeit ausführen, geht die Robotik einen Schritt weiter: Robotische Systeme verfügen über Sensorik, Aktorik und Steuerungseinheiten. Dadurch können sie ihre Umgebung wahrnehmen, auf Veränderungen reagieren und sich innerhalb definierter Räume autonom oder teilautonom bewegen. Sie sind nicht nur automatisiert, sie sind adaptiv.

Künstliche Intelligenz (KI) wiederum ist eine datenbasierte Softwaretechnologie, die Muster erkennt und Entscheidungen vorbereitet oder selbstständig trifft. KI kann Bestandteil eines Roboters sein, wirkt jedoch ebenso in rein digitalen Prozessen.

Automatisierung vom Bau bis in den Betrieb

Der erste Berührungspunkt mit Robotik liegt im modularen Bauen der Systempflegeimmobilien. Die serielle Fertigung von Raummodulen, insbesondere von Nasszellen, erfolgt in industriellen Produktionsumgebungen mit hohem Automatisierungsgrad. CNC-gesteuerte Fräsen, robotergestützte Schweißanlagen und automatisierte Beschichtungsverfahren sorgen für Präzision und Wiederholbarkeit. Auch großformatiger 3D-Druck wird intensiv diskutiert. Dabei handelt es sich primär um automatisierte Fertigungstechnologie – kommt jedoch ein mehrachsiger Industrieroboter als Trägersystem zum Einsatz, entsteht eine robotische Anwendung im engeren Sinne. Bislang werden im Baubetrieb zunehmend repetitive Tätigkeiten maschinell ausgeführt, während Montage, Qualitätssicherung und Koordination weiterhin menschliche Kompetenz erfordern.

Porträt Michael Burmester
Michael Burmester ist geschäftsführender Gesellschafter der Pflegemotive GmbH (Quelle: Pflegemotive GmbH)

Mit der Fertigstellung beginnt die zweite Ebene: der Betrieb und die Instandhaltung der Pflegeimmobilie. In einzelnen Systempflegeimmobilien kommen bereits mobile Reinigungsroboter zum Einsatz und autonome Scheuersaugmaschinen übernehmen klar definierte Routinetätigkeiten. UV-Desinfektionssysteme werden bei erhöhtem Infektionsgeschehen verwendet. Fensterreinigungsroboter reduzieren Risiken und Kosten manueller Höhenarbeiten. Drohnen werden für Dachinspektionen, Fassadenkontrollen oder Baufortschrittsdokumentationen sowie zur Fassadenreinigung eingesetzt.

Soziale Robotik und körpernahe Assistenzsysteme

Eine besondere Entwicklung zeigt sich im Bereich sozialer Robotik. Systeme wie der Empathieroboter Navel werden in Pilotprojekten in stationären Einrichtungen erprobt. Navel ist darauf ausgelegt, Emotionen, Mimik und Sprache zu erkennen und darauf zu reagieren. Er führt Gespräche, aktiviert Erinnerungen, erkennt Bewohnerinnen und Bewohner wieder und kann bei Bedarf einen Anruf oder eine Benachrichtigung auslösen. Solche Systeme übernehmen keine pflegerischen Kernaufgaben, sie wirken im Bereich Aktivierung, Unterhaltung und sozialer Interaktion. Gerade in Einrichtungen mit begrenzten personellen Ressourcen können sie ergänzend dazu beitragen, Einsamkeit zu reduzieren und kommunikative Impulse setzen. Der Einsatz ist dort sinnvoll, wo soziale Aktivierung noch weiter intensiviert werden soll und technische Systeme eine zusätzliche Ebene der Ansprache schaffen können.

Christian Möhrke
Christian Möhrke ist CEO der Cureus GmbH (Quelle: Heribert Schindler)

Auch körpernahe Assistenzsysteme wie Exoskelette nehmen immer weiter an Bedeutung zu. Diese tragbaren Systeme unterstützen Muskelbewegungen mechanisch oder reduzieren Belastungsspitzen. Im Bau und in der technischen Instandhaltung helfen sie bei Überkopfarbeiten oder repetitiven Montagetätigkeiten. Im Pflegebetrieb können sie bei Transfer- und Umlagerungssituationen entlasten. Angesichts hoher krankheitsbedingter Ausfallzeiten durch Muskel‑Skelett‑Erkrankungen liegt hier ein arbeitsökonomisch relevantes Potenzial. Mit KI‑basierten, robotischen Exoskeletten kommen zusätzlich lernfähige Algorithmen, Sensorfusion und adaptive Regelungen hinzu: Die Systeme erkennen Bewegungsabsichten, werten Muskel‑, Bewegungs‑ und Umgebungsdaten in Echtzeit aus und passen das Unterstützungsniveau individuell an.

Entlastung statt Substitution: Die Refinanzierungsfrage

Der Mehrwert all dieser Technologien liegt nicht in der Substitution von Bau- oder Pflegepersonal, sondern in der Entlastung der knappen Personalressourcen bei repetitiven und körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten. Vor allem die Pflege bleibt eine personenbezogene Dienstleistung. Sie umfasst Beziehungsarbeit, Empathie, situative Einschätzung und soziale Verantwortung. Diese Dimension ist weder technisch vollständig abbildbar noch gesellschaftlich ersetzbar. Robotik kann hier nur unterstützen, aber nicht substituieren.

In den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren ist mit einer weiteren Differenzierung zu rechnen. Im infrastrukturellen und baulichen Bereich wird der Automatisierungsgrad deutlich steigen. In der Administration werden KI-Systeme zahlreiche Routinetätigkeiten übernehmen. In der direkten Pflege hingegen werden robotische Systeme vor allem assistierend und aktivierend wirken. Der entscheidende Hebel liegt nicht in der Vision einer personalfreien Einrichtung, er liegt in der intelligenten Kombination aus standardisierter Architektur, digitalisierten Prozessen und gezielt eingesetzter Robotik.

Jedoch bleibt die Frage der Refinanzierung technologischer Investitionen in der stationären Pflege zentral. Personalschlüssel sind gesetzlich festgelegt und werden durch robotische Systeme nicht reduziert. Der Einsatz von Robotik dient der Entlastung des Personals und der Verbesserung von Arbeitsbedingungen, nicht der Verringerung von Stellen. Investitionen in Robotik erfolgen aus Qualitäts-, Qualifikations- und Effizienzgründen. Auch wenn technische Systeme Prozesse erleichtern oder beschleunigen, bleiben die Personalkosten nach heutiger Maßgabe unverändert bestehen. Effizienzgewinne dürfen daher nicht mit Personalabbau gleichgesetzt werden. Sie eröffnen vielmehr die Möglichkeit, gewonnene Ressourcen gezielt in Pflege, Weiterbildung, bessere Arbeitsorganisation, digitale Infrastruktur und zusätzliche Innovationsprojekte zu investieren.

Sinnvolle Rahmenbedingungen für den Pflegeheimbau und im Betrieb von Einrichtungen sollten deshalb Anreize für Investitionen in Qualität und Zukunftsfähigkeit schaffen. Wenn technologische Lösungen nachweislich Prozesse verbessern, sollten daraus entstehende wirtschaftliche Spielräume der Pflegequalität und der Stärkung des Personals zugutekommen. Auf diese Weise kann Robotik dazu beitragen, die Versorgung langfristig zu sichern und die Attraktivität des Pflegeberufs zu erhöhen, ohne die unverzichtbare Rolle des Menschen in der Pflege infrage zu stellen.

Ein Beitrag von Christian Möhrke, CEO der Cureus GmbH, und Michael Burmester, Geschäftsführer der Pflegemotive GmbH.

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zuletzt editiert am 11. Juni 2026
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