Ein Gespräch mit Drees & Sommer-Vorstand Steffen Szeidl über mögliche alternative Geschäftsmodelle und wie KI dabei helfen kann.
Sehen Sie, dass etablierte Marktteilnehmer neue Geschäftsmodelle womöglich auch in fremden Gewässern entwickeln, um der Krise zu entfliehen?
Was mit den Projekten und Immobilien passiert, wenn der Projektentwickler in die Insolvenz geht, stellt die betroffenen Investoren, Banken und Gläubiger vor große Probleme. Es gilt unbedingt zu vermeiden, dass mitten im Bau befindliche Projekte oder Leuchtturmimmobilien verwahrlosen und zu Stranded Assets werden. Hier ist Drees & Sommer derzeit bereits mit Restrukturierungsberatung aktiv, die eine Art Rettungsring darstellt. Hier geht es vereinfacht um eine Status Quo-Analyse, Konsequenzenbewertung und Lösungsfindung. Dabei kommen Instrumente wie Cashflow-Analysen, Technische Due Diligence, finanzierungsbegleitendes Projektmonitoring, Baurechtsanalysen, Verkehrswertermittlung und Restrukturierungsmaßnahmen zum Einsatz.
Ist ein Ein- beziehungsweise Umstieg auf weitere Assetklassen ein denkbarer Ansatz?
Aufgrund der Sauren-Gurken-Zeit auf dem Immobilienmarkt überlegen sich viele Projektentwickler und Anleger, die bisher Büro- oder Wohnimmobilien gebaut oder in sie investiert haben, in für sie neue Assetklassen einzusteigen. Beispielhaft steht hier der Markt für Rechenzentren, bei denen der Bedarf sehr hoch ist, allein schon aufgrund der Entwicklungen im KI-Bereich.
Wegen KI wird das verarbeitete Datenvolumen extrem wachsen: Die Anzahl an Datacentern wird sich allein bis 2030 verdoppeln. Die derzeit hoch angespannte Marktlage beschleunigt den Trend, der vor etwa drei Jahre begonnen hat. So legen Fondsanbieter zunehmend Immobilienfonds für institutionelle Anleger auf und reagieren auf das wachsende Investoreninteresse. Großes Interesse besteht auch am Thema Waldflächen als Asset Klasse, die mittlerweile auch von Investoren entdeckt wird, die mit land- und forstwirtschaftlichen Flächen und Betrieben bisher keine Berührung hatten.
Und wie sieht das mit einer Erweiterung des bisherigen Leistungsspektrums aus?
Seit geraumer Zeit steigen Projektentwickler und Bauunternehmen immer stärker in die Nachhaltigkeitsberatung ein. Das zeigen etwa entsprechende Neugründungen von Tochterunternehmen mit auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Geschäftsfeldern. Insbesondere bei Bestandshaltern besteht nach wie vor ein immenser Bedarf, sich zukunfts-, klima- und sozialgerecht aufstellen zu müssen. Denn der regulatorische Druck auf Assets und Portfolios ist unverändert hoch und wird mittelfristig weiter steigen. Abzuwarten bleibt, ob sich die in diesem Bereich eher unerfahrenen Unternehmen, hier auch mittel- bis langfristig etablieren können. Der Nachweis der Anwendungstauglichkeit bei den Kunden steht noch aus. Das dafür notwendige sehr spezifische Knowhow und die Erfahrung lassen sich sicher nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen.
Vor dem Hintergrund des stetig steigenden Umweltbewusstseins und der regulatorischen Anforderungen haben wir uns mit unserem Tochterunternehmen EPEA frühzeitig diversifiziert, auch über die Bau- und Immobilienbranche hinaus. Unsere Beratungsleistungen im Bereich Circular Economy werden immer stärker nachgefragt. Neben Kunden aus der Bau- und Immobilienbranche begleiten wir dank des umfangreichen Materialwissens der Kolleginnen und Kollegen von EPEA vor allem die produzierende Industrie sowie Textilhersteller und Verpackungsindustrie auf dem Weg zu kreislauffähigen Produkten und Prozessen. Integraler Bestandteil sind dabei Materialausweise, die alle Informationen zu den verwendeten Produkten und Materialien enthält. Auf diese Weise kann am Ende der Nutzungszeit genau geplant werden, wie sich wertvolle Ressourcen erneut einsetzen lassen oder in den Kreislauf zurückgeführt werden. Das spart neben Rohstoffen und CO2 langfristig auch Geld.
Könnte KI Gamechanger für neue Geschäftsmodelle sein?
Wie die Coronakrise insgesamt die digitale Transformation beschleunigt hat, wird auch die derzeitige Polykrise als eine Art Innovationstreiber fungieren. Der wirtschaftliche Druck zwingt die Unternehmen dazu, ihre bisherigen Geschäftsmodelle radikal auf den Prüfstand zu stellen und neue Leistungen zu entwickeln. Ein Zurück in die Komfortzone, die insbesondere von den Boomjahren geprägt war, wird es nicht mehr geben. Selten schafft es eine gute Idee im Alleingang an den Markt, sondern etablierte Unternehmen sind gut beraten, auf den frischen Wind und Impulse aus der PropTech-Szene zu setzen. Um die Visionen junger Unternehmen mit unserem Branchen-Know-how zu verbinden, suchen wir über unser Innovationcenter passende Ökosystem-Partner.
Großes Potenzial sehen wir für die Zukunft durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Hier sind wir unter anderem mit dem Karlsruher Institut für Technologie oder der RWTH Aachen in verschiedenen Forschungsprojekten aktiv und entwickeln beispielsweise intelligente IoT-Dienste, die zur Optimierung der Energietechnik im Bestand eingesetzt werden. Außerdem können durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sämtliche Bestandsdaten sowie die Planungs- und Projektmanagementprozesse automatisiert werden. Gebäude können auf diese Weise innerhalb weniger Wochen seriell saniert werden und beispielsweise eine neue und klimafreundlichere Hülle erhalten - mit integrierten Fenstern, Gebäudetechnik, Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen.
Mehr dazu lesen Sie unter anderem auch in unserer Ausgabe 1/24:
