Voltaro Energy
Jannik Bounin, Geschäftsführer Voltaro Energy (Quelle: Voltaro Energy)

Nachhaltigkeit & ESG

05. August 2022 | Teilen auf:

„Meist lohnt sich eine Maximalbelegung des Daches“

Photovoltaik ist beliebt, aber beim Einsatz im großen Maßstab muss allerhand bedacht werden, erläutert Jannik Bounin, Geschäftsführer Voltaro Energy.

Wie sinnvoll ist es, die maximal mögliche Dachfläche mit Photovoltaik-Paneelen zu bestücken?

Jannik Bounin: Zuerst sollte man klären, was technisch möglich ist, und danach sehen, was wirtschaftlich sinnvoll ist. Am Anfang steht bei einer Maximierung der Anlage tatsächlich erst einmal ein höheres Kapitalinvest, was die Rendite leicht verwässert, aber eine Photovoltaik-Anlage trägt sich selbst, und es gibt gute Gründe für größere Anlagen. Meist lohnt sich eine Maximalbelegung des Daches, da Photovoltaik-Strom so günstig geworden ist, dass auch die Einspeisung des Reststroms ins Netz wirtschaftlich ist. Außerdem schafft eine Maximalbelegung die Grundlage für steigende Stromverbräuche, da die Elektrifizierung von Mobilität und Wärme fortschreitet. Und man sorgt für die Stabilität des Strompreises.

Bei Mehrfamilienhäusern und gewerblichen Immobilien besteht nach wie vor die Gefahr der gewerbesteuerlichen Infizierung, wenn eine PV-Anlage am oder auf dem Gebäude installiert wird. Wie lässt sich das vermeiden?

Jannik Bounin: Die Installation der PV-Anlage ist nicht unbedingt das Problem. Der Knackpunkt ist die Frage, wer die Anlage betreibt und den Strom vermarktet. An diesem Punkt entscheiden sich bereits viele Immobilieneigentümer dagegen, selbst Betreiber der Anlagen zu werden, und lassen sich unterstützen. Insbesondere die Lieferung an Mieter zieht einige energierechtliche Pflichten als Energieversorger nach sich, die nicht zu unterschätzen sind und sich in Zukunft weiter wandeln werden.

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Immobiliengesellschaften haben aber verschiedene Möglichkeiten, am Ertrag der PV-Anlage zu partizipieren, ohne dass sie die Anlagen selbst betreiben müssen. Darüber hinaus zeigt die Erfahrung: Für Immobilienunternehmen besteht der Mehrwert auch darin, dass ihre Gebäude besser finanzierbar und vermietbar sind. Dies ist ein Wettbewerbsvorteil und übersteigt die Energieerträge der PV-Anlage oft um ein Vielfaches.

Servicemodell ist eine Frage der Risikobereitschaft

Wenn ein Dienstleister eine Photovoltaikanlage auf seine Kosten installiert und betreibt: Wie unterscheidet sich ein solches Modell vom Heizungscontracting?

Jannik Bounin: Es gibt Modelle, die sich zu Recht als Contracting bezeichnen lassen, aber auch innovativere Modelle, die Immobiliengesellschaften mehr Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Die Frage ist immer, welches Risiko das Immobilienunternehmen bereit ist zu tragen.

Was unterscheidet die „innovativeren“ Modelle vom üblichen Contracting?

Jannik Bounin: Im klassischen Contracting werden Risiko und Aufwand fast vollständig ausgelagert. In innovativeren Modellen kann das Immobilienunternehmen beispielsweise die Finanzierung der Anlagen übernehmen und so stärker profitieren. Es ist immer wichtig, Transparenz in die Risiko-Rendite-Profile der verschiedenen Modelle zu bringen.

Wie sieht es mit der Umlegbarkeit solcher Services auf die Nebenkosten aus?

Jannik Bounin: Der Charme einer PV-Anlage ist, dass sie sich unmittelbar selbst trägt. Eine Umlage auf die Nebenkosten ist daher gar nicht notwendig. Deshalb steht die Photovoltaik im Ranking der beliebtesten ESG-Maßnahmen auch so hoch im Kurs. Es ist zwar keine gering-investive Maßnahme, dafür aber eine, die sich selbst trägt und auch entsprechend finanziert werden kann. Ihre Gesamtkapitalrendite liegt nicht selten im hohen einstelligen Bereich, die mögliche Eigenkapitalrendite ist dann deutlich zweistellig. Was aber auch klar ist: Ein kompletter Dachumbau, der zum Instandhaltungsaufwand zählt, lässt sich nicht durch eine PV-Anlage finanzieren.

E-Ladesäulen müssen mit der PV-Anlage kommunizieren

Die Nachfrage nach Ladepunkten für die E-Mobilität steigt. Wie kann hier die hauseigene Photovoltaik helfen – gerade auch bei Bestandsgebäuden?

Jannik Bounin: Auf den ersten Blick bringt die Elektrifizierung von Mobilität und Wärme signifikante neue Lasten mit sich, für die das Stromnetz nicht ausgelegt wurde. Das gilt auch für viele Hausanschlüsse gerade in Bestandsgebäuden. Hier kann die Photovoltaik Abhilfe schaffen und als neue Quelle für grünen Strom direkt vom Dach das Netz und den Netzanschluss entlasten und so potenziell auch teurere Ertüchtigungen des Netzanschlusses verhindern.

In der Praxis funktioniert das allerdings nur gut, wenn Verbraucher wie E-Ladesäulen und Wärmepumpen mit Erzeugern wie PV-Anlagen und Batteriespeicher kommunizieren. Ein erster Schritt ist hier beispielsweise ein Lastmanagement am Netzanschlusspunkt, das Ladeleistungen abhängig von der verfügbaren Kapazität am Netzanschlusspunkt steuert.

Engpässe gibt es zurzeit sowohl beim Material als auch bei den Handwerkerleistungen. Welche Wege sehen Sie, um dennoch voranzukommen mit dem Zubau von Photovoltaik?

Jannik Bounin: Es stimmt, dass das Angebot an Komponenten und Handwerkskapazitäten aktuell nicht der schnell steigenden Nachfrage - insbesondere im privaten Bereich - nachkommt, aber es gibt immer noch Betriebe, die Kapazitäten haben und bauen können. Da wir beim Material einen globalen Markt mit vielen professionellen Unternehmen und Investoren haben, sind wir zuversichtlich, dass hier das Angebot vergleichsweise schnell der Nachfrage folgen wird.

Beim Thema Handwerkskapazitäten sehen wir mehr Handlungsbedarf und Optimierungspotenzial. Beispielsweise lassen sich viele Prozesse deutlich effizienter gestalten. Insbesondere in der Projektvorbereitung und dem Vergabeprozess werden oft mehrere Handwerksbetriebe ins Rennen geschickt und so unnötig Kapazitäten gebunden.

Aber das ist doch auch nötig, um vergleichen zu können und das beste Angebot zu finden.

Jannik Bounin: Das gelingt ebenso durch transparente und offene Verfahren. Wenn alle Stammdaten eines Gebäudes in einer Datenbank liegen, lassen sich unterschiedliche Modelle und Szenarien darstellen und berechnen. Jeder Solarteur, der ein Angebot erstellen möchte, hat damit die gleiche Dokumentenbasis. Für ein erstes Angebot benötigt er dann nur noch eine halbe Stunde.

Das Gespräch führte Roswitha Loibl.

zuletzt editiert am 05.08.2022