Ein Plädoyer von Dr. Philipp Feldmann, Geschäftsführer bei Cilon, warum man nicht dem Schwarmverhalten der Krisen-Depression folgen sollte.
Die Immobilienwirtschaft hat es erwischt: komplexere Regulatorik aus verschiedenen Richtungen, gestiegene Baukosten und – vor allem getrieben durch die Veränderungen auf den Kapitalmärkten – ein stellenweise disruptiv verändertes Ertragsniveau. Kurzum: Die Branche steckt in einer strukturellen Veränderung, ja, vielleicht sogar in einer „Krise“.
Naturgemäß gibt es unterschiedliche Arten, damit umzugehen. Nicht selten ertönt der Ruf nach staatlicher Unterstützung – ein Phänomen, was sicherlich auch aufgrund der staatlichen Programme der letzten Jahre zu einer gewissen Abhängigkeit führt. Viele Diskussionen und Beiträge bekommen zudem einen Unterton, den ich aus meiner Kindheit kenne: „Das war ja absehbar.“ Oder: „Das wird nie wieder besser.“
Mehr „Nicht-Krise“ als Krise
Als Unternehmer kann man geneigt sein, sich einem solchen Schwarmverhalten anzuschließen. Ob „Folgen“ aber ein guter Ratgeber ist, daran habe ich Zweifel. Vielmehr halte ich es mit dem Philosophen Odo Marquard, der konstatiert, dass jeder Krise stets mehr „Nicht-Krise“ innewohnt als „Krise“. Es ist wohl natürlich, dass uns das Bewusstsein dafür in angespannten Zeiten abhanden zu kommen droht. Dabei ist es sogar evident: Die wirtschaftliche Entwicklung in Hinblick auf die einschlägigen Indizes ist wesentlich besser als noch vor zwölf Monaten angenommen, die Kapitalmärkte verhalten sich stabil und der wirtschaftliche Ausblick fällt weitaus besser aus als zuvor gedacht.
Mit dieser Grundeinstellung versuche ich auch den Heuristiken auf den Immobilienmärkten entgegenzutreten. Um an dieser Stelle nur eine aufzugreifen: Nein, die Büroimmobilie wird nicht sterben – und zwar weder in der Nutzung noch als Investitionsgut. Ja, das Büro wird eine neue Rolle bekommen, was wahrscheinlich zunächst auch weniger Fläche in Anspruch nimmt. Ebenfalls ja, die Anforderungen an das Büro nehmen signifikant zu, was zu steigenden Leerständen jener Büros führen wird, die vor fünf Jahren noch mit einer „Manage-to-core“-Strategie „aufvermietet“ worden wären. Wir werden mitdenken und anpacken müssen, Mieter verstehen, Nutzungen und Nutzer vordenken und Antworten finden. Aber ist das nicht ohnehin unsere Aufgabe, unser Handwerk? Auch hier kann ich keine Krise ausmachen.
Neue Wege gehen (lassen)
Dieses Vorangehen und Anpacken beschränkt sich nicht auf das nach außen sichtbare Leistungsspektrum unserer Zunft. Auch nach innen gerichtet mögen viele „Krise“ ausmachen, Stichworte sind Fachkräftemangel, Auftragsrückgang, Veränderungsdruck. Dabei entsteht gerade jetzt viel Gestaltungsspielraum. Um ihn zu nutzen, müssen sich Unternehmen bewegen. Viel zu lange herrschten – auch entgegen öffentlichen Bekundungen – klassische Prozess- und hierarchische Organisationsstrukturen vor. Durch die veränderten Rahmenbedingungen sowie nicht zuletzt durch Erwartungshaltung und Selbstverständnis jüngerer Arbeitnehmergenerationen entsteht hier ein Momentum. Und keinesfalls sollte der Umstand vernachlässigt werden, dass insbesondere in turbulenten Zeiten die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Mitarbeitenden zu mehr Transparenz führt, als es die einbahnstraßenartige, direktive Delegation von Aufgaben zu leisten vermag.
Agilität ist das Gebot der Stunde. Das meint weit mehr, als sich flexibel neuen Situationen stellen zu können. In agilen Organisationen geht es darum, die Kompetenzen, die klugen Köpfe bestmöglich einzusetzen. Nur allmählich drängt sich die Erkenntnis ins Bewusstsein, dass die Kraft von Unternehmen in ihren Mitarbeitenden liegt. Sie treiben gleichermaßen Innovation und Veränderung – wenn man sie lässt. Wenn nicht, profitieren andere davon. Insofern – man möge mir die viel gehörte Phrase verzeihen – steckt hier in der Krise eine große Chance, Dinge in Bewegung zu setzen.
Haltung annehmen
Mehr Nicht-Krise als Krise zu sehen, ist schlussendlich eine Frage der Haltung. Es geht darum, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und Lösungen zu entwickeln – nach innen und nach außen. Wer die Notwendigkeit für diesen zweifellos anspruchsvollen Pfad immer noch nicht sieht, der sei an das G in ESG erinnert, denn es umfasst genau das: unternehmerische Verantwortung.
Um der eigenen Haltung Nachdruck zu verleihen, habe ich übrigens zu einem bewährten Mittel gegriffen: Ich trage wieder Krawatte.
