Autos fahren auf einer regenüberfluteten Straße
Die Zahl und Intensität der Unwetter wird steigen. Dagegen müssen Gebäude gerüstet sein. (Quelle: Animaflora/istockphoto)

Nachhaltigkeit & ESG 2024-02-16T11:30:12.360Z Fit für den meteorologischen Ernstfall

Starkregen und Sturm verursachen jedes Jahr an Gebäuden Schäden in Millionenhöhe. Gegen die Unwetterphänomene selbst lässt sich wenig ausrichten. Aber Immobilien können besser geschützt werden. Von Susanne Osadnik

Sie heißen „Lambert“ und „Kay“ – und sind kein sympathisches Pärchen. In die meteorologischen Annalen sind sie eingegangen als die beiden Sommerunwetter, die im Juni vor allem durch Hagel und Starkregen schwere Schäden an Häusern, Gewerbe- und Industriebetrieben verursacht haben. Die Schadensbilanz beläuft sich auf 740 Millionen Euro. Dabei wird es nicht bleiben. Noch ist das Jahr nicht zu Ende, und erfahrungsgemäß werden weitere Naturgewalten wüten.

In den vergangenen 20 Jahren hat allein Starkregen Schäden in Höhe von 12,6 Milliarden Euro an Wohngebäuden verursacht. „Statistisch gesehen war jedes zehnte Haus in den Jahren 2002 bis 2021 von Starkregen betroffen. Die Beseitigung der Folgen kostete betroffene Hausbesitzer durchschnittlich 7.600 Euro“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Angesichts der Zunahme extremer Wetterlagen stellt sich für die Versicherer die Frage, ob sie langfristig alle Schäden durch Naturgefahren noch versichern können. „Wir müssen in Deutschland Prävention und Klimafolgenanpassung konsequent umsetzen. Ansonsten könnten sich nach unseren Schätzungen allein infolge der Klimaschäden innerhalb der nächsten zehn Jahre die Prämien für Wohngebäudeversicherungen verdoppeln“, sagt Asmussen.

Für Immobilienbesitzer wird es auch aus diesem Grund immer wichtiger, ihre Gebäude so auszustatten oder nachzurüsten, dass sie Unwettern standhalten können. „Wer jetzt in seinen Bestand investiert, kann davon vielleicht erst später profitieren“, sagt Dirk Arenz, zertifizierter Starkregenberater bei Drees & Sommer. „Da aber niemand vorhersehen kann, wann und wo als nächstes eine Überschwemmung oder ein Orkan drohen, ist es in jedem Fall eine lohnende Investition in die Zukunft.“

Eine Zukunft, die längst begonnen hat, denn vor allem Starkregen und Sturm sind inzwischen keine Ausnahmephänomene mehr. „Starkregen ist besonders gefährlich, weil er ohne Vorwarnung einsetzt. Er kommt plötzlich und heftig und hat das Überraschungsmoment auf seiner Seite, weil man nicht weiß, wo er einsetzt. Wir sehen nur, dass er immer häufiger auftritt und großen Schaden anrichtet“, so Arenz.

Solaranlagen gegen Hagel schützen

Deshalb gehört bei Gebäuden grundsätzlich alles auf den Prüfstand: Türen, Fenster, Lichtschächte und Tiefgarageneinfahrten. „Moderne Türen mit dreifacher Verdichtung können verhindern, dass Wasser eindringt. Bei älteren Türen sieht das schon anders aus. Dasselbe gilt für Fenster ohne Dreifachverglasung und entsprechende Dichtung, durch die Starkregen problemlos eindringen kann. Vor allem in älteren Schulgebäuden könnte man durch den Austausch von Fenstern Wasserschäden vorbeugen“, ist Arenz überzeugt.

Tennisballgroße Hagelkörner können Gebäuden durchaus erhebliche Schäden zufügen, etwa wenn sie seitlich auf die Fassade prallen. Bei Neubauten und Sanierungen empfiehlt der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) daher, widerstandsfähige Baumaterialien und Bauteile zu verwenden. Welche Materialien dafür in Frage kommen, ist in einem eigens dafür erstellten „Hagelregister“ des Verbands dokumentiert. Weitere Empfehlungen: „Empfindliche Stellen“ an der Immobilie sollten mit Abdeckungen, Gittern oder Netzen geschützt werden. Bei Solaranlagen könnten beispielsweise spezielle Membranschichten die Folgen eines Hageleinschlags mildern.

„Starkregen ist besonders gefährlich.“

Dirk Arenz, Drees & Sommer

Auch die Gestaltung der Fassade selbst ist aus Profisicht ein wichtiger Aspekt beim Extremwetterschutz. „Bei Klinkerfassaden mit Dämmung kann das Wasser schnell ins Haus eindringen“, sagt Baustoffhändler Peter Mertens aus Unna. „Ein glatter Putz bietet dem Wasser keine Angriffsfläche und ist deshalb besser geeignet.“

Bei Sturm und Hagel kann auch moderne Technik helfen: „Es gibt spezielle Windsensoren, die bei Gefahr Alarm auslösen und dafür sorgen, dass sich Fenster automatisch schließen und Markisen einziehen“, so Mertens.

Tiefgaragen sind aus Sicht von Witterungsexperten grundsätzlich eine Einladung für Wassermassen. Durch das Gefälle der Ein- und Ausfahrten kann Wasser sehr schnell und ungehindert eindringen und die Garagen überschwemmen. Das sei aber durch einfache Maßnahmen gut in den Griff zu bekommen. Die Lösung: Auf Höhe der Einfahrt – also am höchsten Punkt – eine Schwelle einbauen, die das Wasser bei möglichem Starkregen nicht so einfach überwinden kann. Bereits knapp zehn Zentimeter hohe Hürden reichten schon aus, um Wasser abzuhalten, darüberfahrende Autos aber gleichzeitig nicht zu beschädigen.

Hürden für eindringendes Wasser

Auch Lichtschächte würden bei Vorsorgemaßnahmen gern vergessen, seien aber durchaus ein Schwachpunkt. „Wenn man sie beispielsweise rund zwanzig Zentimeter höher baut oder später in dieser Höhe ummauert, sodass das Gitter höher liegt, ist das schon mal eine Hürde für eindringendes Wasser. In den meisten Fällen reicht das aus, um das Gebäude zu schützen“, erklärt Arenz.

Regen kann für Gebäude aber nicht nur von oben problematisch werden. Auch eine überforderte Kanalisation ist eine potenzielle Gefahrenquelle, wenn sie den Wassermassen nichts mehr entgegenzusetzen hat. Vor allem in älteren Gebäuden fehlen sogenannte Rückstausicherungen, die das verhindern könnten: Klappen in Abwasserleitungen schließen sich rechtzeitig und zwingen das Wasser zum Rückzug, sobald zu viel zu schnell durchfließt.

Bei großer „Verstopfung“ und viel Abwasser kann sich sogar die Fließrichtung umdrehen und das Abwasser fließt aus dem Kanal in Richtung Anschlussleitung bis ins Haus hinein. Deshalb sollten alle tieferliegenden Ablaufstellen mit einer entsprechenden Rückstausicherung ausgestattet werden. „Entscheidend ist dabei die Höhe des Hauses zur jeweiligen Rückstauebene. Das ist in den meisten Fällen der Kanalanschluss auf Straßenhöhe. Liegt ein Haus in Hanglage, ist es daher gefährdeter als ein Gebäude oberhalb der Straße“, erklärt Arenz.

Lieber ein Ei als ein Quader

Auch die Kubatur eines Gebäudes leistet einen Beitrag zur Klimaschutz- und Unwetter-Prophylaxe. Vor allem Hochhäuser sind aufgrund ihrer quadratischen Form und ihrer Höhe gefährdet bei Sturm. Immer häufiger jedoch wird eiförmig oder elliptisch gebaut, was dem Betrachter kaum auffällt, aber enorme Vorteile mit sich bringt: Starker Wind prallt nicht mehr direkt auf die kantige Hausfassade, sondern wird durch die aerodynamische Form umgeleitet. Zusätzlich wird bei großen Neubauprojekten auch die Möglichkeit erwogen, Gebäude in den Städten mit leichtem Gefälle zu bauen, um die Abfließgeschwindigkeit nach starken Regenfällen zu erhöhen.

Zum Schutz vor Hitze gehören für immer mehr öffentliche und private Gebäude auch „grüne“ Fassaden. Auch sogenannte Sonnensegel, wie etwa in Wien beim Seeparkcampus West, können ihren Beitrag leisten: Außenliegende Alu-Schiebeläden, die in Drei-Grad-Schritten (62 Positionen) dem Sonnenstand automatisch nachgeführt werden, dienen effektivem Blend- und Sonnenschutz. Allesamt Maßnahmen, die auch in vielen Bestandsimmobilien nachträglich im Zuge einer Modernisierung installiert werden können.

Aus Sicht von Immobilienprofis wie Thomas Beyerle, Head of Group Research bei Catella, wird vieles davon eher Standard als bauliche Ausnahme sein. „Im Zuge einer gründlichen Risikoüberprüfung beim Kauf einer Immobilie gehört bereits jetzt eine Bestandsaufnahme dazu, inwieweit das Gebäude sowohl gegen Unwetterphänomene als auch vor Hitze geschützt ist“, so der Research-Chef. „Eine komplett verspiegelte Außenfassade, die Hitze speichert und Wärmeaustausch unmöglich macht, würde heutzutage gar nicht mehr gebaut werden.“

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zuletzt editiert am 16. Februar 2024
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