Wer über ESG spricht, darf das "S" nicht vergessen. Neue Unternehmenskulturen sind gefordert. Wir sprachen mit Susanne Tattersall, seit 26 Jahren an der Spitze des Property-Management-Unternehmens Tattersall Lorenz, über die Rolle sozialer Aspekte in Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft.
Das Wertesystem von ESG – Environmental, Social, Governance – ist gekommen, um zu bleiben. Aber meist stehen die ökologischen Aspekte im Zentrum der Diskussion und der Eindruck drängt sich auf, dass hierzu in allen Facetten schon alles viele Male beschrieben und beleuchtet wurde. Weitaus stiller ist es um das darin enthaltene "S" für Social. In einer Zeit, in der der Wettbewerb um junge Talente und erfahrene Fachkräfte zunimmt, nur bedingt nachvollziehbar.
Frau Tattersall, die Einhaltung von ESG- und Nachhaltigkeitskriterien bestimmen die Unternehmenswelt immer stärker. Umweltbewusstsein ist längst Allgemeingut und von Unternehmen wird erwartet, dass sie nach innen und außen verantwortungsvoll handeln. Von den sozialen Aspekten ist weniger die Rede, aus Angst, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu hohe Forderungen stellen?
Susanne Tattersall: Das ist nicht auszuschließen, aber ich denke, dieser Aspekt wird vor allem aufgrund seines ihm innewohnenden Unruhepotenzials noch nicht so offen diskutiert. Das heißt aber nicht, dass er in den Unternehmen oder Gesellschaft keine Rolle spielt. Schauen Sie, jeder ist dafür Ressourcen zu sparen und unsere Umwelt zu schützen. Darüber herrscht allgemeiner Konsens und darüber wird, nicht mehr, muss man hier sagen, gestritten.
Über soziale Aspekte aber schon?
Susanne Tattersall: Selbstverständlich. Denn das Thema ist vielschichtig. Soziale Projekte oder Jugend- und Sportvereine zu unterstützen, wie wir das durch gezielte Projekte oder Sponsoring seit langem tun, ist das eine. Aber man muss sich als Unternehmen auch fragen: Wie sieht es bei uns selbst aus? Sind wir bereit, neu zu denken? Binden wir beispielsweise Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, einem fremden kulturellen Hintergrund oder nicht-binärer Identität ein?
Sehen Sie da Konfliktpotenzial?
Susanne Tattersall: Nein, aber man muss die Menschen auf dem Weg zu mehr Toleranz mitnehmen und konsequent dazu stehen, dass man eine soziale, liberale und auf Diversität ausgerichtete Unternehmensphilosophie verfolgt, egal, ob als Property Manager, Bekleidungsunternehmen oder Software-Haus. Das ist ein gesellschaftlicher Transformationsprozess, der noch am Anfang steht. Um diesen zu beschleunigen, reicht es eben nicht beispielsweise die Charta der Vielfalt zu unterzeichnen, das auf Social Media & Co. zu verbreiten und das war´s dann. Nein, man muss es mit Leben füllen.
Das klingt sehr nach Gutmenschentum, aber nicht unbedingt nach einer Unternehmerin in einem doch nach wie stark männlich geprägten Umfeld…
Susanne Tattersall: Vielleicht ja gerade deshalb. Ich bin nicht für einen Kampf der Geschlechter. Aber ich will Chancengleichheit und ein Miteinander, von dem alle profitieren. Und wer mich kennt, weiß, dass ich für Lippenbekenntnisse nicht zu haben bin. Aber Sie haben es angesprochen, noch ist die Immobilienwirtschaft sehr männlich geprägt. Das muss aber nicht so bleiben und ich bin davon überzeugt, dass gemischte Teams effizienter arbeiten, da sie viel mehr Aspekte in ihre Arbeitsweise integrieren.
Dabei meine ich nicht nur die Zusammenarbeit der Geschlechter, sondern auch Alter und Herkunft können gern unterschiedlich sein und dadurch den Horizont erweitern und das Denken in der eigenen Echoblase verhindern. Das schafft Mehrwerte für die Beteiligten: das Unternehmen selbst, seine Kunden und auch die Gesellschaft, die so mehr Toleranz und soziale Durchlässigkeit erreicht.
Sehen das Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genauso?
Susanne Tattersall: Das kann ich natürlich nicht für alle beantworten. Aber ich denke, die überwiegende Mehrheit schon. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels sind Jobwechsel leichter geworden. Auch wenn wir Gleitzeit und mobiles Arbeiten anbieten, Hunde in den Büros erlauben oder die Möglichkeiten für ein Sabbatical oder die Finanzierung eines Jobrades vorhanden sind – die wenigsten würden in einem Unternehmen arbeiten, in dessen Umfeld sie sich nicht wohlfühlen.
Welche Rolle spielt die Komponente bei der Gewinnung von neuen Kollegen und Kolleginnen?
Susanne Tattersall: Lassen Sie es mich so sagen: Ohne Social geht nichts, dafür ist der Wettbewerb um die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer Zeit des demographischen Wandels zu intensiv. Neben einer selbstverständlich angemessenen Bezahlung werden heute inzwischen andere Benefits erwartet, die noch vor wenigen Jahren nur zu einem müden Lächeln in der Personalabteilung geführt hätten. Das reicht von Homeoffice, Arbeitszeitkonten bis hin zu Haustieren am Arbeitsplatz. Die Work-Life-Balance und der soziale Impact eines Unternehmens, insbesondere bei den Jüngeren, spielen eine immer größere Rolle.
Also ist Social wirklich das neue Core?
Susanne Tattersall: Mit Social kann man Core erreichen. Aber nur auf das S zu setzen, halte ich für zu kurz gedacht. Es bildet vielmehr eine Scharnierfunktion zwischen E wie Environmental und G wie Governance und führt allein nicht zum Erfolg. Aber auch die beiden anderen Komponenten sind auf das S angewiesen, da es den Menschen in den Fokus rückt. Und ohne engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht eben nichts. Nicht bei uns und nicht bei den Mitbewerbern.
