Michél-Philip Maruhn, Ex-Triathlet, Unternehmer und Gründer von Digitalwerk, spricht über seinen ungewöhnlichen Lebensweg, warum Ausdauer auch in der Immobilienbranche entscheidend ist, wie er Kommunikation neu denkt – und warum er für mehr Authentizität statt Schickimicki kämpft.
Herr Maruhn, Schwimmen, Radfahren oder Laufen?
Michél-Philip Maruhn: Schwimmen.
Sie waren Triathlet und Leistungssportler. Wie verfolgen Sie den aktuellen Triathlon-Hype?
Michél-Philip Maruhn: Ich glaube, es gibt drei Dinge, die man mit Anfang 30 haben muss: eine Siebträgermaschine, am besten einen Porsche fahren und ein Rennrad besitzen (schmunzelt). Bei mir kam das Rennrad vor 30 und die Siebträgermaschine nach meiner Profizeit, die liegt schon eine Weile zurück. Aber aus dieser Zeit habe ich meinen Charakter und meine Leidenschaft fürs Anpacken und Durchziehen mitgenommen. Durchhalten ist in unserer Branche ja auch nicht von Nachteil.
Welche Distanzen sind Sie damals gelaufen?
Michél-Philip Maruhn: Ich habe für Olympia trainiert, also die olympische Distanz. Im jungen Alter ist der Körper dafür besser geeignet. Beim Ironman geht es mehr um Ausdauer, bei der Olympischen Distanz um pure Geschwindigkeit. Die meisten setzen Triathlon mit Ironman gleich, aber das ist schon noch mal ein anderes Spiel.
Wie sind Sie überhaupt zum Triathlon gekommen?
Michél-Philip Maruhn: Eigentlich wollte ich Basketballer werden. Aber zwischen Grundschule und Mittelschule bin ich einfach nicht mehr gewachsen. Mit 1,88 Meter bist du im Basketball eher klein. Mein Vater war Schwimmer, ambitioniert im Leistungssport. Radfahren habe ich nebenbei schon immer gemacht – vom Indoor Cycling, lange bevor es ein Hype war, bis Downhill. Laufen kam irgendwann dazu. Schwimmen ist ja für viele die größte Hürde, bei mir lief das gut.
Ihr Lebenslauf zeigt: Sie haben schon früh eigene Wege eingeschlagen. Mit 16 haben Sie Ihr erstes Unternehmen gegründet.
Michél-Philip Maruhn: Es war eher eine Selbständigkeit. Ich wurde als Model entdeckt, stand kurz darauf in Mailand auf dem Laufsteg, dann in Paris und Seoul. Ich bin für Marken wie Prada, Gucci, Etro oder Versace gelaufen. Das sieht man mir heute nicht mehr an, und ich habe es damals bewusst aus meiner Vita genommen – in der Bau-, Immobilien- und Handwerkswelt wollte ich ernst genommen werden.
Und wie war diese Zeit?
Michél-Philip Maruhn: Eine tolle Erfahrung. Ich konnte die Welt sehen, habe neben dem Abi und dem Leistungssport immer wieder gearbeitet, war zwei Jahre in Seoul. Dort habe ich erlebt, wie es ist, wenn dich Menschen auf der Straße anstarren oder fotografieren – ohne dich anzusprechen. Eine völlig andere Kultur.
Wie sind Sie vom Modeln ins Baugeschäft gekommen?
Michél-Philip Maruhn: In Deutschland lernte ich jemanden kennen, der eine Fitnesskette betrieb. Er sagte: „Du bist Sportler, kannst Vertrieb und bist eine Marke.“ Also stieg ich dort ein – Personal Training mit Ernährungskonzepten, kombiniert mit regionalen Lebensmittellieferungen. Das war mein erster Schritt ins Unternehmertum mit 30 Mitarbeitern.
Zurück in Deutschland importierte ich Möbel, später entwarf ich eigene – sogar aus historischem Holz des Berliner Stadtschlosses. Daraus entstand eine limitierte Kollektion, die ich an Adelige verkaufte. Ein Kunde bat mich, sein Haus zu entwerfen. So kam ich ins Baugeschäft, stellte Handwerker, Architekten, Planer ein.
Und dann kam die Digitalisierung ins Spiel?
Michél-Philip Maruhn: Ja. Unser Einkäufer fiel aus, und ich stand vor seinem Zettelchaos. Wir hatten keine Ahnung, wo wir standen. Gleichzeitig gab es auf Baustellen Materiallieferungen ohne Ankündigung, Straßen wurden blockiert. Da habe ich gesagt: Das muss anders gehen. Meine Illusion damals: Wir bauen das Amazon der Baubranche. Das war 2017.
Daraus entstand Roobeo, eine digitale Materialbeschaffungsplattform. Wir haben damit den Begriff „Construction Tech“ in Deutschland mitgeprägt. Es war eine wilde Zeit – Venture Capital kannte Bau damals nicht.
Wie wurde daraus Digitalwerk?
Michél-Philip Maruhn: Die Pandemie hat den persönlichen Austausch gekillt. Ich lebe aber von Kommunikation, Transparenz, Sichtbarkeit. Also habe ich 2020 einen Podcast gestartet. Jan-Hendrik Goldbeck war mein erster prominenter Gast. Ich habe gesagt: Wenn 500 Leute zuhören, mache ich weiter. Das habe ich zum Glück geschafft.
Wie ist Ihr Blick auf die professionell Immobilienbranche?
Michél-Philip Maruhn: Wir sind am Zenit angekommen – Zinswende, Baukosten, Fachkräftemangel, Nachhaltigkeit. Die Branche muss sich neu erfinden. Dafür braucht es Sichtbarkeit, offene Kommunikation, Authentizität.
Was heißt Authentizität konkret?
Michél-Philip Maruhn: Gesichter zeigen, Geschichten erzählen, Mitarbeiter zu Markenbotschaftern machen. Wenn Arbeit dreckig ist, darf man nicht so tun, als würde man sich nie die Hände schmutzig machen. Hochglanz aus den 90ern funktioniert nicht mehr.
Wie setzt ihr das mit Digitalwerk um?
Michél-Philip Maruhn: Wir bespielen alle Kanäle: Podcast, Video-Dokus, Social Media, Veranstaltungen. Unsere YouTube-Dokus erreichen vom Schulabbrecher bis zum Vorstand eine ganz andere Bandbreite. Unser Anspruch: Wissen und Unterhaltung verbinden.
Welche Rolle spielt Social Media dabei?
Michél-Philip Maruhn: Die Plattform muss zur Zielgruppe passen. Followerzahlen sind nicht entscheidend – jedes Video kann heute viral gehen. Du musst die Sprache der Zielgruppe sprechen. LinkedIn ist nicht TikTok, und umgekehrt. Viele Unternehmen verstehen das nicht.
Ein Beispiel für eines eurer Format ist euer Event zur Expo Real.
Michél-Philip Maruhn: Am 7. Oktober in München starten wir mit einem Invite-only-Event für 400 Führungskräfte – der Auftakt zu unserem „Digital Festival“. Ziel: Handwerker, Fondsmanager und Immobilienprofis auf einer Veranstaltung zusammenzubringen. Entertainment und Wissensaustausch, aber nicht als Fachmesse, sondern als Festival. 2025 wollen wir das größer machen.
Wie wird sich Kommunikation verändern?
Michél-Philip Maruhn: Transparenz und Authentizität werden noch wichtiger. Es wird keine Einheitsstrategie geben. Wer komplexe Projekte hat, muss mehr tun als eine Pressemitteilung – und die richtigen Partner finden, die zeitgemäße Formate beherrschen. Dabei stehen nicht unbedingt harte KPIs im Vordergrund, sondern die langfristige Positionierung.
Ihr Wunsch an die Branche?
Michél-Philip Maruhn: Weg vom Schickimicki hin zu mehr Authentizität. Man kann hochwertige Projekte auch ehrlich und nahbar präsentieren – und ja, man kann auch authentisch sein und trotzdem Porsche fahren.
Das Interview führte André Eberhard.
