Markus Gotzi im Gespräch mit André Eberhard über emotionale Dynamiken, Kontrollverlust – und warum Unternehmer zu spät loslassen.
Sachwertefonds, Immobilienmärkte, Renditen: Seit mehr als 20 Jahren und 500 Ausgaben analysiert und kommentiert Markus Gotzi als Chefredakteur des „Fondsbriefs“ Immobilienfonds und vergleichbare Kapitalanlagen. Zunehmend beschäftigt ihn eine andere Frage: Warum scheitern gute wirtschaftliche Lösungen so oft an menschlichen Faktoren?
Markus, wir kennen uns seit vielen Jahren und duzen uns seit langem. Vielen in der Immobilienbranche bist Du als Chefredakteur des „Fondsbriefs“ bekannt. Jetzt positionierst Du Dich stärker als psychologischer Berater. Warum dieser Schritt?
Markus Gotzi: Die Themen haben mich schon lange begleitet. Ich habe parallel zum Journalismus Psychologie studiert und bin außerdem ausgebildeter Psychologischer Berater. In Gesprächen mit Unternehmern, Investoren und insbesondere bei Nachfolgesituationen habe ich immer wieder gesehen, dass Nachfolge-Prozesse selten an Verträgen oder finanziellen Regelungen scheitern.
Es geht um Vertrauen, Identität, Kontrolle, manchmal auch um Angst vor dem Loslassen. Diese emotionalen Dynamiken haben enormen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg – werden aber oft unterschätzt.
Gerade in der Immobilienbranche geht es um große Werte und langfristige Entscheidungen. Welche Rolle spielt Psychologie hier konkret?
Markus Gotzi: Eine sehr große. Immobilienunternehmer sind häufig stark mit ihrem Portfolio verbunden – nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Das Objekt ist oft Teil der eigenen Lebensleistung. Wenn es dann um Verkauf, Restrukturierung oder Nachfolge geht, geraten rationale Entscheidungen schnell in Konflikt mit persönlichen Gefühlen. Ich sehe meine Aufgabe darin, diese Prozesse bewusst zu machen und zu strukturieren. Denn nur wer seine eigenen Motive versteht, kann klare Entscheidungen treffen.
Worin siehst Du die größten Herausforderungen in der Unternehmensnachfolge?
Markus Gotzi: Die größte Herausforderung ist fast immer die Übergabe von Kontrolle. Für viele Unternehmer stellt ihr Unternehmen ein Teil ihrer Identität dar. Es loszulassen fühlt sich an wie ein Stück Selbstverlust. Auf der anderen Seite stehen Nachfolger – ob aus der Familie oder extern –, die sich behaupten müssen. Hier entstehen oft unausgesprochene Erwartungen, Loyalitätskonflikte oder auch Machtfragen. Wenn diese Themen nicht offen angesprochen werden, scheitern selbst wirtschaftlich perfekte Nachfolgelösungen.
Das klingt nach sehr sensiblen Prozessen. Wie arbeitest Du konkret mit Deinen Klienten?
Markus Gotzi: Im Idealfall berate ich Übergebende und Nachfolger gemeinsam mit anderen Experten. Denn natürlich dürfen rechtliche und betriebswirtschaftliche Themen nicht unter den Tisch fallen. In einem gut besuchten Webinar mit Fachleuten der Wirtschaftsberatung Rödl haben wir kürzlich die Kombination der Expertisen als Alleinstellungsmerkmal präsentiert.
Mein Fokus liegt dabei beim inneren Antrieb, bei Werten und Ängsten. Es geht darum, Klarheit zu schaffen: Was will ich wirklich? Was fällt mir schwer – und warum? Allein diese Fragen verändern schon viel. Danach entwickeln wir gemeinsam Lösungen, die sowohl wirtschaftlich sinnvoll als auch emotional tragfähig sind.
Gibt es typische Muster, die Du immer wieder beobachtest?
Markus Gotzi: Ein häufiges Muster ist das Aufschieben von Entscheidungen – gerade bei Nachfolgethemen. Dahinter steckt oft die Angst vor Veränderung oder vor Konflikten innerhalb der Familie. Ein anderes Muster ist die Überidentifikation mit dem Unternehmen. Wer sich ausschließlich über seine Rolle als Unternehmer definiert, hat es besonders schwer, loszulassen. Hier braucht es neue Perspektiven für die eigene Zukunft.
Welche Rolle spielt Kommunikation in solchen Prozessen?
Markus Gotzi: Eine zentrale. Viele Konflikte entstehen nicht durch unterschiedliche Interessen, sondern durch fehlende oder missverständliche Kommunikation. Gerade in Familienunternehmen wird vieles aufgeschoben. Das funktioniert so lange, bis es um große Entscheidungen geht. Dann fehlen klare Strukturen, was auch die Mitarbeiter verunsichert. Ich helfe dabei, Gespräche zu moderieren und Themen offen auf den Tisch zu bringen – bevor sie eskalieren. Denn natürlich geht es gerade in einer Familie auch um Ablehnung, zum Beispiel wenn der Gründer die Talente unter seinen Kindern unterschiedlich wahrnimmt. Das anzusprechen ist ein schmerzhafter Prozess. Eine professionelle Moderation hilft, dauerhafte Kränkungen zu vermeiden.
Was können Immobilienunternehmer konkret tun, um sich besser auf eine Nachfolge vorzubereiten?
Markus Gotzi: Früh anfangen – das ist der wichtigste Punkt. Nachfolge ist kein Projekt von wenigen Wochen, sondern ein Prozess über mehrere Jahre. Und zweitens: Sich selbst reflektieren. Nicht nur die Frage „Wer übernimmt?“, sondern auch „Was kommt danach für mich?“ ist entscheidend. Wer darauf keine Antwort hat, wird sich schwertun, wirklich loszulassen.
Du bewegst Dich an der Schnittstelle von Wirtschaft und Psychologie. Wird dieses Thema Deiner Meinung nach in Zukunft wichtiger?
Markus Gotzi: Definitiv. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden komplexer, Entscheidungen unsicherer. In solchen Situationen gewinnen emotionale Faktoren automatisch an Bedeutung. Unternehmen, die diese Dimension ernst nehmen, werden langfristig erfolgreicher sein – gerade in Branchen wie der Immobilienwirtschaft, in denen Vertrauen und langfristige Beziehungen entscheidend sind.
Was treibt Dich persönlich in dieser neuen Rolle an?
Markus Gotzi: Mich interessiert der Mensch hinter der Entscheidung. Zahlen lassen sich analysieren – aber die wirklichen Beweggründe liegen oft tiefer. Wenn es gelingt, hier Klarheit zu schaffen und dadurch bessere Entscheidungen für alle Beteiligten zu ermöglichen, ist das für mich der größte Mehrwert. Dabei hilft aber auch die Erfahrung meiner langjährigen schreibenden Tätigkeit. In Kürze wird der Wirtschaftsverlag Springer Gabler ein Buch von mir zu dem Thema herausbringen. Titel: „Emotionale Begleitung in der Unternehmensnachfolge - Dynamiken verstehen, Übergänge wirksam gestalten, Verantwortung bewusst übergeben“.
Das Gespräch führte André Eberhard.
