Porträtfoto von Lothar Schubert
Lothar Schubert (Quelle: DC Developments)

Standorte & Märkte 2024-07-19T09:48:30.093Z „Besser Leben“ als Maxime für Stadtentwicklung 

Lothar Schubert von DC Developments im Interview mit immobilienmanager über das Teilen von Wohnflächen, „third places“ und ausgedienten Flure.

Herr Schubert, Sie befragen jährlich 10.000 Menschen zu Ihren Wünschen und Bedürfnissen für das Leben in der Stadt und auf dem Land – welche Erkenntnisse brachte Ihre diesjährige Wohnstudie?

Zunächst einmal waren wir überrascht, wie zufrieden die Deutschen insgesamt mit ihrer Wohnsituation sind – fast 60 Prozent aller Befragten gaben an, dass sie an ihrer Wohnsituation nichts ändern würden. Darauf wollen wir Projekt- und Stadtentwickler uns allerdings nicht ausruhen, denn die Ergebnisse zeigen auch, dass durchaus veränderte Bedarfe bestehen. Die gilt es, heute zu erkennen, um Entwicklungen voranzutreiben, die zukunftsfähig sind und auch morgen noch genutzt werden wollen.

Ein deutlicher Trend ist der Wunsch nach mehr Grün und nach Rückzugsräumen, natürlich eher innerhalb der Ballungsgebiete, die zunehmend dichter, lauter, aber auch anonymer werden. Über 45 Prozent der Deutschen sind Grünanlagen wichtig und rund 40 Prozent sehnen sich nach einem Ruhe- und Rückzugsort – auch bei der Gen Z ist dies deutlich erkennbar. Außerdem ist der Kontakt zu den Nachbarinnen und Nachbarn von Bedeutung – knapp 80 Prozent pflegen oder wünschen den Kontakt.

Zudem erkennen wir im Laufe der Jahre, dass die Bereitschaft, Wohnraum zu teilen, zunimmt. Konnten sich 2023 nur 3,9 Prozent der Befragten vorstellen, ein Home-Büro zu teilen, sind es in diesem Jahr immerhin über zwölf Prozent. Fast 18 Prozent würden ein Gästezimmer und/oder einen Fitnessraum nach Bedarf buchen und ganze 40 Prozent wünschen sich eine Gemeinschaftsdachterrasse.

Was sind für Sie als Projektentwickler die wichtigsten Schlüsse für die Planung neuer Quartiere und die Stadtentwicklung im Allgemeinen?

Die Ergebnisse zeigen zum einen: Wir benötigen mehr sogenannte „third places“ – im Idealfall grüne Oasen inmitten der Stadt, die als dritte Orte für die Menschen soziale Interaktion, Kontakt mit der Natur und gleichzeitig Ruheorte bedeuten und außerdem klimatischen Veränderungen Rechnung tragen. Bei der zunehmenden Versingelung und Vereinsamung in den Städten brauchen wir Gemeinschaftsorte – wichtig: Diese müssen barrierefrei und allgemein zugänglich sein. Vielleicht sollten sie auch gemanagt werden, um aktives optionales Angebot -quasi on demand – bereit zu stellen.

Außerdem müssen wir stärker auf sekundären Wohnraum setzen: Die Städte werden voller und es bleibt für den Einzelnen weniger Platz – Flure und dritte Zimmer haben somit ausgedient. Die Flächen müssen effizienter geplant werden und wir tragen alle eine gesellschaftliche Verantwortung, durch den bewussten Verzicht auf wenig genutzte Räume wie beispielsweise das Gästezimmer, für mehr Wohnraum an anderer Stelle zu sorgen. Als Projektentwickler sollten wir attraktive Modelle schaffen, auch um bei den Menschen das Thema Sharing von studentischem WG-Leben zu entkoppeln. Bei unserem Projekt „Eleven Decks“ in der Hafencity realisieren wir dies bereits: Effiziente Grundrisse kombiniert mit Community-Flächen in den Bereichen Arbeiten, Fitness, grünen Flächen und Gaming sowie eine Gemeinschaftsküche mit Dining-Room sorgen für neue Wohnkonzepte mit Platzersparnis für den Einzelnen Bewohner der Anlage.

Was ist ihr ganz persönlicher Wunsch für die Zukunft der (deutschen) Städte?

Wir brauchen Mut für neues Denken und für neues Bauen. Unser täglich tun ist es, die Lebensqualität in den Ballungszentren zu verbessern – bis 2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Dabei reicht es nicht aus, die Standard-Faktoren wie Sicherheit, Gesundheit, Zugang zu Wasser, Nahrung und Bildung sowie Dienstleistungen zu gewährleisten: Lebenswerte Städte müssen „besser Leben“ in den Fokus nehmen und auch die alternde Bevölkerung mitdenken. Zu den neuen Paradigmen zählt es, den primären Wohnraum zu verkleinern und zunehmend sekundären anzubieten, der nur nach Bedarf genutzt wird und gleichzeitig die Wohn- und Lebensqualität sogar erhöht- inklusive Gemeinschaftsgedanken. Außerdem benötigen wir viel grünen öffentlichen, halböffentlichen und privaten Raum – dazu zählt die Bepflanzung auf allen Etagen bis zum Dach. Last but not least sorgen intelligent geplante Quartiere mit Dorfcharakter für eine gekonnte Vermischung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit, für kurze Wege und schadstoffarme Mobilität sowie für Interaktion zwischen den Bewohnenden, was negativen Auswirkungen der Versingelung entgegenwirken kann. Das muss aber nicht immer ein Neubau sein, wir müssen den Bestand ernst nehmen, Nachverdichtung und Recycling prüfen und Mobilität von Anfang an mitdenken.

Ich wünsche mir, dass Investoren, die öffentliche Hand und wir Projektentwickler gemeinsam an einem Strang ziehen, um Vision, Verantwortung und Finanzierbarkeit in einen produktiven Einklang zu bringen, der letztlich dazu führt, dass unsere Städte noch lebenswerter werden.

zuletzt editiert am 19. Juli 2024
Newsletter