Porträt Rolf Strauß
Towergy-Geschäftsführer Prof. Dr. Rolf Strauß. (Quelle: Hauke Dressler)

Energie 2026-10-21T10:28:46.453Z Großwärmepumpen: Wärmeversorgung für Quartiere

Rolf Strauß von Towergy erläutert im Gespräch mit immobilienmanager, wo dezentrale Großwärmepumpen sinnvoll sind und welche Faktoren ihre Wirtschaftlichkeit bestimmen. Von Thorsten Schnug

Wie lassen sich Quartiere versorgen, wenn ein flächendeckender Fernwärmeausbau oder einzelne Wärmepumpen keine geeigneten Lösungen sind? Prof. Dr. Rolf Strauß, Gesellschafter und Geschäftsführer der Towergy GmbH, erläutert im Interview das Konzept des „Klimaturms“, berichtet über erste Betriebserfahrungen und beschreibt die Anforderungen an wirtschaftliche Wärmenetze.

Herr Strauß, welche Rolle werden dezentrale Großwärmepumpen Ihrer Einschätzung nach künftig in der Wärmeversorgung von Quartieren spielen – und wo stoßen sie an ihre Grenzen?

Prof. Dr. Rolf Strauß: Dezentrale Großwärmepumpen, wie der Klimaturm, können überall dort ein Gamechanger sein, wo ein flächendeckender Fernwärmeausbau oder dezentrale Einzellösungen keine Option sind. Die Gründe können dabei vielfältig sein – zum Beispiel mangelnde Wirtschaftlichkeit des Wärmenetzausbaus aufgrund von unsicheren Anschlussquoten, lange Trassen, Schallschutzanforderungen, fehlende Aufstellflächen.

Eine beeindruckende, künstlerisch gestaltete Installation bestehend aus einem metallisch glänzenden zylindrischen Turm und einem danebenstehenden, mit buntem Street-Art-Wandbild verzierten quaderförmigen Turm vor dem historischen Gebäude der Alten Werft.
Die Fassade des Klimaturmes auf der Bremer Überseeinsel wird von dem Künstler Johann Büsen gestaltet. (Quelle: Towergy GmbH/KI-Visualisierung)

Werden Versorgungslösungen zwischen zentral und dezentral gesucht, wie etwa in sogenannten Prüfgebieten nach der kommunalen Wärmeplanung, eignet sich der Klimaturm hervorragend dafür. Denn er kann sowohl bestehende Quartiere als auch neue Gebiete mit nachhaltiger Wärme und Kälte effizient versorgen. Ein Klimaturm kann je nach Leistungsklasse bis zu 200 Wohnungen im Bestand oder 400 Wohnungen im Neubau beheizen. Durch seine anschlussfertige Auslieferung kann er einfach an Gebäude oder bestehende Wärmenetze angeschlossen werden. Somit können bestehende fossile Einzelheizungen oder BHKWs im Quartier in kürzester Zeit ersetzt werden.

Für Kommunen und Stadtwerke kann er auch mehr Investitions- und Planungssicherheit beim Fernwärmeausbau bieten. Denn der Klimaturm kann nicht nur einzeln eingesetzt werden, sondern auch im Schwarm. Zunächst kann der Netzbau mit wenigen (kommunalen) Kunden starten, wie etwa bei einer Schule oder einem Krankenhaus. Kommen weitere Anschlussbegehren dazu, werden weitere Klimatürme und entsprechend Wärmenetze gebaut. Die einzelnen Klimatürme und Netze können später miteinander zu einem Fern- beziehungsweise Nahwärmenetz verbunden werden – so wächst das Wärmenetz mit dem Bedarf zusammen. Die Vorteile dabei sind mehr Investitionssicherheit durch den schrittweisen Ausbau, keine Dauerbaustellen auf den Straßen sowie Redundanz und Versorgungssicherheit im System.

Jedoch sind dezentrale Großwärmepumpen kein Allheilmittel. Wo bereits ein Fernwärmenetz vorhanden ist, ist der Anschluss daran für Kunden in der Regel die bessere Lösung.

Die Wirtschaftlichkeit entscheidet letztlich über den Erfolg neuer Wärmekonzepte. Unter welchen Rahmenbedingungen rechnen sich dezentrale Großwärmepumpen heute bereits – und welche Faktoren bremsen Investitionen noch aus?

Strauß: Für Stadtwerke, Kommunen oder Wohnungsunternehmen ist nicht allein die Investition entscheidend, sondern die Gesamtkosten über die gesamte Lebensdauer der Anlage. Durch die strompreisoptimierte Betriebsweise, die Integration von Wärmespeichern und die hohe Effizienz der Wärmepumpe können die Wärmegestehungskosten deutlich reduziert werden. Wann sich ein Klimaturm rechnet, hängt von Faktoren wie den aktuellen Energiekosten, der Auslastung der Anlage, den Netztemperaturen etc. ab. In vielen Anwendungsfällen wird der Klimaturm eine wirtschaftlich attraktive Alternative zu fossilen Heizsystemen darstellen und gleichzeitig einen wesentlichen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung leisten. Für jedes Projekt erstellen wir daher eine individuelle Wirtschaftlichkeitsanalyse, um die optimale Auslegung zu ermitteln.

Von richtigen Investitionshindernissen können wir derzeit nicht sprechen, da wir bereits sehr viele konkrete Anfragen von Kommunen, Stadtwerken und Quartiersentwicklern für den Einsatz von Klimatürmen haben. Nichtsdestotrotz ist es an der Politik, für richtige Rahmenbedingungen für die Transformation zu sorgen. Ein Beispiel: Die Stromsteuersenkung auf das europäische Mindestmaß, die im Koalitionsvertrag auf Bundesebene versprochen wurde. Käme diese, würden die Wärmegestehungskosten für Verbraucherinnen und Verbraucher weiter sinken.

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Sie haben inzwischen den ersten Klimaturm in Bremen in Betrieb genommen. Welche Erfahrungen aus Planung, Genehmigung und Betrieb haben Sie dabei besonders überrascht – positiv wie negativ?

Strauß: Da der erste Klimaturm erst im Mai 2026 in Bremen in Betrieb genommen wurde, stehen die Langzeiterfahrungen aus dem Regelbetrieb noch aus. Jedoch übertreffen die bisherigen Erkenntnisse aus den ersten drei Betriebsmonaten deutlich unsere Erwartungen: Der Klimaturm ist trotz seiner hohen Leistung in zehn Metern Entfernung kaum hörbar. Auch in der Planung und erforderlichen Genehmigung der Anlage verlief alles reibungslos – die Bremer Genehmigungsbehörden haben uns mit einer schnellen Antragsbearbeitung sehr unterstützt. Wir hoffen, dass es auch in den anderen Kommunen so klappt – und bieten unseren Partnern bei Bedarf auch Unterstützung bei allen Planungs- und Genehmigungsschritten an.

Die Wärmewende kennt viele technologische Ansätze – von Fernwärme über Geothermie bis hin zu Wasserstoff oder klassischen Nahwärmenetzen. Wo sehen Sie die größten Stärken dezentraler Großwärmepumpen gegenüber diesen Alternativen und wo sind andere Lösungen im Vorteil?

Strauß: Der Klimaturm ist nicht nur eine dezentrale Großwärmepumpe, sondern eine komplett vollständig ausgestattete und funktionsfähige Heizzentrale mit allen wesentlichen Komponenten für die Wärmeerzeugung. Sie kann damit direkt an ein Nah-/Fernwärmenetz oder eine Gebäudeheizung angeschlossen werden. Klassische Großwärmepumpen hingegen benötigen eine umfangreiche Peripherie: Hydraulik zur Netzanbindung, Speicher, Steuerung, Anschluss an das Stromnetz, Power-to-Heat, Sicherheitskomponenten. Dies birgt zwei Nachteile gegenüber dem Klimaturm: Erstens muss diese komplexe Technik von den Planungs- und Ingenieurbüros individuell geplant werden – mit dem Effekt, dass sie meistens nicht von den Kostenvorteilen einer Serienfertigung profitieren (höhere Qualität bei gleichzeitig niedrigeren Kosten). Zweitens benötigen diese Komponenten einen größeren Platz. Aufgrund seiner vertikalen Bauform benötigt der Klimaturm hingegen lediglich eine Aufstellfläche von etwa zwei Pkw-Stellplätzen (Anmerkung: 3,8 × 3,8 bis 5,6 × 5,6 Metern – je nach Leistungsklasse).

Im Gegensatz zu klassischen Großwärmepumpen kann der Klimaturm aufgrund seines effektiven Schallschutzes in unmittelbarer Nähe zu Wohnungen aufgestellt werden. Schalldämpfer ober- und unterhalb der Ventilatoren sowie eine Einhausung der Großwärmepumpe in einen Betonkubus ermöglichen einen flüsterleisen Betrieb, auch nachts in reinen Wohngebieten.

Bei der Fernwärme ist eine Unterscheidung zwischen bestehenden und neuen Fernwärmenetzen wichtig. Wenn Fernwärme bereits in der Straße liegt, ist ein Anschluss meist die bessere Wahl – vorausgesetzt, die Fernwärme wird CO₂-frei erzeugt und die Leistung des vorhandenen Netzes ist ausreichend.

Anders sieht es bei neuen oder erweiterten Nah- oder Fernwärmenetzen aus. Hier bietet der Klimaturm als Wärmeerzeuger für das neue Netz entscheidende Vorteile gegenüber klassischen Heizzentralen: Dadurch, dass er praktisch überall – und damit in unmittelbarer Nähe zu den zu versorgenden Gebäuden – aufgestellt werden kann, sind kurze, dünne und besonders kostengünstige Netze möglich. Mit einem Ausbau eines Nahwärmenetzes kann sehr gut dezentral in der Nähe von zum Beispiel Schulen, Schwimmbädern etc. schnell begonnen werden – und später zu einem Netz zusammenwachsen. Es sind keine großen Anfangsinvestitionen mit unsicheren Anschlussquoten erforderlich, sondern dezentrale Inselnetze können relativ risikolos und schnell realisiert werden. Dies ist für die Schnelligkeit der Umsetzung der Wärmewende ein entscheidender Vorteil des Klimaturms.

Vergleicht man den Klimaturm mit den klassischen kleineren Wärmepumpen, bringt er viel mehr Leistung auf kleinster Fläche: Ein Turm entspricht dem Äquivalent von 300 klassischen Haushaltswärmepumpen in der Leistung. Außerdem sind keine Gebäudeertüchtigungen für den Anschluss im Bestand notwendig.

Für welche Quartiere eignet sich dieses Versorgungskonzept besonders gut? Gibt es Gebäudestrukturen oder Quartierstypen, bei denen Sie eher von einem Einsatz abraten würden?

Strauß: Sowohl im Bestand als auch bei Neubauten ist der Klimaturm gut einsetzbar. Weisen die bestehenden Wärmenetze eine zu hohe Rücklauftemperatur auf, kann das einen wirtschaftlichen Betrieb der Anlage negativ beeinflussen. Deshalb bieten wir auch hydraulische Optimierungen für einen dauerhaft effizienten Betrieb der Großwärmepumpe an. Bei Quartieren oder Gebäuden, die eine bereits bestehende Fernwärmetrasse vor der Tür haben, würden wir meistens den Anschluss an diese eher empfehlen.

Wenn wir in zehn Jahren auf die Wärmewende in Quartieren zurückblicken: Was muss aus Ihrer Sicht bis dahin passiert sein, damit dezentrale Großwärmepumpen vom Nischenprodukt zur etablierten Lösung werden?

Strauß: Dafür muss als erster Schritt die Produktion von Klimatürmen in Bremerhaven ab 2027 hochgefahren werden. Aber da sind wir sehr zuversichtlich – die Halle ist bereits bezogen, wir stellen gerade erfahrenes Personal dafür ein. Alles ist in den Startlöchern für eine Auslieferung der Klimatürme ab dem vierten Quartal 2027 an Stadtwerke, Gebäudeeigentümer und Kommunen.

Wir glauben, einen richtigen Booster könnte in der Tat noch die Politik liefern – mit der Absenkung der Stromsteuer für alle sowie der Einführung von netz- und systemdienlichen Netzentgelten für variable Stromverbraucher auf der Mittelspannungsebene (Stichwort: AgNes-Prozess der Bundesnetzagentur). Ein gangbarer Weg dafür wäre beispielsweise die Eröffnung von Modul 3 nach § 14a EnWG für die Mittelspannungsebene oder eine Verlängerung von atypischen Netzentgelten über 2028 hinaus. So können die Netze entlastet werden – und die Verbraucher würden von niedrigeren Wärmepreisen profitieren. Denn das Ziel von Politik und Energiewirtschaft ist eins: eine klimaneutrale Wärmeversorgung, die für alle auf Dauer bezahlbar bleibt.

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zuletzt editiert am 21. Oktober 2026
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