Smarte Thermostate können mehr als vielfach geglaubt. Doch warum spielen sie bei der Wärmewende und der Vermeidung von CO2-Emissionen nur eine Nebenrolle? Von Thomas Ahlborn
In Zeiten von Energiekrise, knappen Ressourcen von finanziellen (Förder-)Mitteln, Handwerkern oder Baustoffen gilt es neue Wege zu gehen, um a) schnell Energie und Kosten zu sparen und b) dennoch nicht das große Ziel Energiewende aus den Augen zu verlieren. Für die Wohnungs- und Immobilienbranche keine leichte Aufgabe, kommt ihr doch eine Schlüsselrolle bei der Vermeidung von CO2-Emissionen zu – schließlich gehen rund zwei Drittel der Emissionen im Bereich Wohnen auf das Thema Heizen zurück. Immer wieder liest und hört man von smarten Thermostaten und ihren Vorteilen – vor allem ihren vergleichsweise geringen Kosten bei schneller Amortisationszeit. Doch warum sind sie dann in der Wohnungswirtschaft noch relativ unbekannt und nicht weiter verbreitet? Welche tatsächlichen Vorteile haben Eigentümer und Mieter?
Jetzt mal Butter bei die Fische: Was ist dran an smarten Thermostaten? Sie lassen sich mit bestehender Heiztechnik umsetzen und sind schnell installiert. Das ist ein Pluspunkt. Der Hersteller Tado, der in über 400.000 Haushalten bisher mehr als drei Millionen smarte Thermostate installiert hat, hat durchschnittliche Energieeinsparungen von 22 Prozent festgestellt – ein solider Wert, der sich im Rahmen zwischen propagierten 30 Prozent (Herstellerangaben) und 10 bis 15 Prozent (u. a. Verbraucherzentrale) einpendelt. Für Bestandshalter von großen Liegenschaften so oder so eine attraktive Zahl, um ihre CO2-Abgaben zu reduzieren, denn hier kommt es auf jedes Prozent an: Bei mehr als 52 kg CO2-Ausstoß pro Quadratmeter und Jahr liegt der Übernahmeanteil von Vermietern bei 95 Prozent – so steht es im Gesetz zur Aufteilung der Kohlendioxidkosten (Kohlendioxidkostenaufteilungsgesetz (CO2KostAufG)), das seit 1. Januar 2023 in Kraft ist.
Neben einer verbesserten CO2-Bilanz von Liegenschaften können smarte Thermostate der Immobilien- und Wohnungswirtschaft noch auf einem anderen Wege Einsparungen ermöglichen: Die Mieterschaft wird beim Thema Heizen unterstützt und vor zu viel Luftfeuchtigkeit gewarnt, per App oder im Thermostat-Display. Die Mischung aus transparenter Einsicht in den Verbrauch, gradgenauen Heizens und das Feedback der smarten Thermostate können ein besseres Heizverhalten von Mieterinnen und Mietern begünstigen, was wiederum die Gefahr von Schimmel eindämmt, Bausubstanz und Immobilienwert erhält.
Verwalter brauchen überdies den Arbeitsaufwand nicht scheuen. Die Einbettung der smarten Thermostate als Komplettlösung in wohnungswirtschaftliche Prozesse sorgt für eine nahtlose Eingliederung in ohnehin bestehende Aufwände. Installation, Begleitung und Onboarding der Mieter ist Teil der Lösung. Aufgrund der mit smarten Thermostaten einhergehenden digitalen Anbindung der zentralen Heizungsanlage ist eine Fernwartung derselben möglich, was wiederum Aufwand und Kosten reduziert. Von geringeren Kosten profitieren auch die Bewohnerinnen und Bewohner – zusätzlich zum Nebeneffekt, dass die Einsicht und Steuerungsmöglichkeiten ihnen tatsächliche Handhabe gibt, aktiv etwas beim Thema Klimaschutz in den eigenen vier Wänden tun zu können. Dass ihnen das wichtig ist, hat u. a. die Untersuchung „Wohntrends 2040“ des GdW in diesem Jahr gezeigt: Hier gaben 61 Prozent an, dass ihnen klimabewusstes Verhalten sehr wichtig sei. Ebenfalls 61 Prozent legen Wert darauf, dass sich ihr Vermieter der Nachhaltigkeit widmet.
App-Unterstützung oder nicht: Der Mieter entscheidet
In Summe klingen diese Argumente positiv – doch was ist der Grund für die immer noch recht zögerliche Ausstattung von Liegenschaften mit smarten Thermostaten? Der Hauptgrund ist recht banal: Bis jetzt gab es für die Wohnungswirtschaft einfach noch keine umfassende Lösung – das hat sich jüngst mit der neuen speziell für die Branche entwickelten Lösung zur optimierten Steuerung von Zentralheizungssystemen in Mehrparteienhäusern geändert. Erhältlich waren zwar bereits seit Längerem Consumer-Produkte, die mehr oder weniger smart sind. Diese sind aber eben nicht auf die speziellen Bedürfnisse der Branche Wohnungswirtschaft abgestimmt und haben dementsprechend einen völlig anderen technischen Aufbau.
Die Technikskepsis vieler Mieterinnen und Mieter ist die andere Seite der Medaille. Zurecht stellen sich Mieter die Frage, wie viel Informationen die smarten Thermostate über sie haben. Hier darf Entwarnung gegeben werden: Seriöse Anbieter speichern sämtliche Daten ausschließlich anonymisiert oder lokal ohne permanente Cloud-Anbindung in professionellen Funksystemen. Es werden dabei keine privaten Daten erfasst oder verschickt. Zudem funktionieren smarte Thermostate prinzipiell mit minimalen Daten auf wöchentlicher Basis, einzig um einen fehlerfreien Betrieb zu ermöglichen, dazu gehören zum Beispiel Funktionalitäten wie Montage- oder Batteriestatus – Mieter müssen daher auch keinen ständigen Funkverkehr in ihrer Wohnung fürchten. Darüber hinaus können die Mieter selbst festlegen, wie umfänglich bzw. intensiv sie smarte Thermostate und die in der zugehörigen App bereitgestellten Informationen nutzen wollen.
Es geht aber auch ganz ohne App-Anbindung und die Speicherung personenbezogener Daten. Damit stehen zwar nicht alle Funktionen zur Verfügung, von „Effizienzroutinen“ können sie dennoch profitieren, die lokal ohne Cloud- oder App-Unterstützung funktionieren: zum Beispiel durch das automatische Schließen der Ventile während des Lüftens. Erforderliche Raum-Zeit-Pläne werden in diesem Fall von den Monteuren des wohnungswirtschaftlichen Dienstleisters direkt bei der Installation angelegt. Die Mieter können in diesem Fall auch weiterhin manuell am Thermostat regulieren, im Gegensatz zu früher allerdings temperaturgenau.
Der richtige Booster fehlt (noch)
Zu den (derzeitigen) weiteren Hürden, die eine flächendeckendere Verbreitung smarter Thermostate bisher verhinderten, gehören die recht kurzen Batterielaufzeiten, die Nutzer von bisherigen Consumer-Produkten gewöhnt waren, genauso wie deren mangelnde Verfügbarkeit. Probleme, die mit den neuen, auf die Bedürfnisse der Branche zugeschnittenen Produkten passé sind. Was bleibt ist die unklare Kostensituation: Wie hoch sind die Kosten genau? Wer trägt sie? Können (Teil-)Kosten auf die Mieterschaft umgelegt werden und wenn ja, wie viel?

Gerade bei letzteren Punkten wird deutlich: Eine belastbare Willensbekundung in Richtung smarter Thermostate, gegebenenfalls mit klaren Aussagen bezüglich Förderfähigkeit und ausreichender Gesetzesgrundlage von Seiten der Politik fehlt bislang – und wäre gegebenenfalls ein Booster in Sachen smarte Thermostate als ein Baustein der Energiewende. Letztlich lassen sich diese Vorbehalte nur durch Information, Information und nochmal Information abbauen, in Form von Aufklärung und weiteren Studien, Modellversuchen und Leuchtturmprojekten. In der laufenden Heizperiode wurde ein deutschlandweites Pilot-Projekt der noventic group Unternehmen in Liegenschaften von 14 Wohnungsunternehmen in Deutschland durchgeführt. Es hat die positiven Effekte in Mehrparteienhäusern untersucht. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, bestehende Bedenken abzubauen und wichtige Fürsprecher zu gewinnen. Die Ergebnisse des Piloten, begleitet vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), werden in Kürze veröffentlicht.