Gleichstellung ist kein Trendthema – sie ist Voraussetzung für zukunftsfähige Unternehmen. Von Susanne Tattersall
In kaum einem anderen Wirtschaftszweig klaffen Anspruch und Wirklichkeit beim Thema Gleichstellung so weit auseinander wie in der Immobilienwirtschaft. Die Branche ist groß, kapitalstark, sichtbar – und dennoch tief in alten Denkmustern verhaftet. Über Diversität wird gerne gesprochen, doch gelebt wird sie selten. Der Weg zu echter Chancengleichheit bleibt steinig. Und wird oft bewusst umgangen.
Dabei ist das Thema kein „Nice-to-have“ mehr. Es ist betriebswirtschaftlich geboten, gesellschaftlich relevant und nicht zuletzt ein strategischer Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Branche. Denn die Talente von morgen lassen sich nicht mit den Strukturen von gestern gewinnen oder gar halten.
Die Illusion des Fortschritts
Wer auf Konferenzen oder Branchenevents unterwegs ist, bekommt den Eindruck: Es tut sich was. Panels zur „Women in Real Estate“-Thematik sind gut besucht, Unternehmen bekennen sich öffentlich zu Diversity-Zielen, in ESG-Strategien taucht das Thema regelmäßig auf. Doch der Eindruck täuscht: Hinter den Kulissen sieht es ernüchternd aus. Frauen sind in den obersten Führungsetagen nach wie vor klar unterrepräsentiert. In den großen Entscheidungsgremien der Branche dominieren weiterhin Männer – oft ohne nennenswerte Diversitätsstrategie.
Die Immobilienbranche ist in sich selbst verhaftet. Netzwerke, Mandate, Deals – vieles läuft über persönliche Bekanntschaften. Wer dazugehört, entscheidet mit. Wer außen vor bleibt, kämpft gegen unsichtbare Hürden. Es sind die klassischen Ausschlussmechanismen eines Systems, das sich meistens selbst gut genug ist.
Strukturen schlagen Einzelbeispiele
Immer wieder wird in Gesprächen betont: „Wir haben doch eine Frau im Vorstand“ oder „Unsere HR-Leitung ist weiblich“. Diese Aussagen wirken oft wie ein Freibrief für Selbstzufriedenheit. Doch sie verschleiern das eigentliche Problem: Solange weibliche Karrieren die Ausnahme und nicht die Regel sind, handelt es sich nicht um Gleichstellung, sondern um Symbolpolitik.
Tatsächlich braucht es keine Quotenregelung, um Chancengleichheit herzustellen. Es braucht Struktur, Haltung und ein Bewusstsein dafür, wie sehr bestehende Systeme Frauen ausbremsen. Und es braucht Unternehmen, die genau diese Hürden systematisch abbauen. Tattersall Lorenz hat diesen Weg eingeschlagen. Weil es aus innerer Überzeugung geschieht, und nicht aus reiner Mode. Es gehört zu unserer DNA.
Was anders laufen kann – und muss
Unser Ansatz ist nicht kompliziert, er ist konsequent: Wir fördern systematisch, nicht punktuell. Wir setzen auf Vorbilder, anstelle von Aushängeschildern. Und wir verändern Arbeitsbedingungen, statt Frauen zur Anpassung zu zwingen.
Die Zahlen sprechen für sich: Im Forderungsmanagement liegt der Frauenanteil bei 100 Prozent, im Office Management bei 83 Prozent, in den operativen Führungsebenen bei bis zu 80 Prozent. In Schlüsselbereichen wie Property Management (62 Prozent) oder Accounting (56 Prozent) sind Frauen längst tragende Säulen des Unternehmens. Und das nicht aufgrund von Zufällen, sondern aufgrund gezielter Maßnahmen.
Ein zentrales Element dabei: Mentoring. Drei von vier geförderten Mitarbeitenden in unserem Mentoringprogramm sind Frauen. Hinzu kommen interne Entwicklungspfade, die bewusst auf Durchlässigkeit setzen. Ein konkretes Beispiel anhand unserer Niederlassungsleitung Stuttgart: Eine Bewerberin aus Münster startete bei uns als Property Managerin in Berlin und wurde nach rund vier Jahren zur Niederlassungsleiterin in Stuttgart. Solche Karrieren sind kein Glücksfall: Sie sind das Ergebnis eines Systems, das Frauen nicht nur mitdenkt, sondern aktiv fördert und zu Führungspositionen ermutigt.
Flexibilität statt Kompromiss
Viele Frauen stehen in ihrer Karriere vor der bekannten Zwickmühle: Familie oder Führung. Entweder Verantwortung oder Vereinbarkeit. Wir haben dieses Entweder-Oder bewusst aufgelöst. Mit flexiblen Arbeitszeiten, Mobile-Work-Modellen im 60/40-Split, Sabbatical-Möglichkeiten und einer Arbeitskultur, die auf Vertrauen statt Kontrolle setzt. Männer profitieren davon genauso wie Frauen.
Dass solche Modelle eben nicht zur Produktivitätsbremse werden, zeigt den Erfolg unseres Unternehmens. Die Mischung aus Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung und Flexibilität schafft eine Unternehmenskultur, die motiviert – und hält. Denn Chancengleichheit hat nicht nur eine moralische Dimension. Sie ist ein klarer Wettbewerbsvorteil im Kampf um Talente.
Auch ESG ist mehr als eine Berichtspflicht in der Immobilienbranche, es ist eine fundamentale Veränderung unserer Denkweise. Und dabei wird oft vergessen: Das „S“ in ESG steht nicht für Symbolik, sondern für soziale Verantwortung. Wer heute Projekte plant, muss auch erklären können, für wen sie gedacht sind und von wem sie gemacht werden.
Ich habe einmal gesagt: „Social ist das neue Core“. Und ich meine das ernst. Die sozialen Komponenten eines Unternehmens – Diversität, Gleichstellung, faire Arbeitsbedingungen – werden zunehmend zum Maßstab für Erfolg. Investoren, Kunden und Mitarbeitende achten genau darauf, wie ernst es ein Unternehmen mit diesen Themen meint. Und sie schauen zunehmend hinter die Fassade.
Die Branche als Mikrokosmos und Hebel
Die Immobilienbranche ist nicht nur als Spiegel unserer Gesellschaft zu verstehen, sondern auch als Gestaltungsspielraum. Hier wird entschieden, wie Städte aussehen, wie Menschen wohnen, wie Arbeit funktioniert. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen, die diese Entscheidungen treffen, die Vielfalt der Gesellschaft auch widerspiegeln.
Solange Frauen nicht gleichberechtigt am Tisch sitzen, bleibt auch die Perspektive einseitig. Es ist naiv zu glauben, dass sich Gleichstellung „von allein“ einstellt. Sie muss gestaltet werden – aktiv, bewusst und mit Ausdauer. Nicht durch Kampagnen, sondern durch Kultur.
Die Frage ist nicht mehr, ob die Immobilienbranche Chancengleichheit braucht. Die Frage ist, ob sie den Willen hat, sie umzusetzen. Die Instrumente sind vorhanden. Es braucht nur den Mut, sie konsequent und ohne Ausflüchte anzuwenden. Und es braucht mutige Frauen, die sich bietenden Chancen zu ergreifen.
Auch wir bei Tattersall Lorenz haben diesen Weg eingeschlagen. Nicht, weil wir müssen. Sondern weil wir glauben, dass Unternehmen, die die besten Menschen gewinnen und halten wollen, sich keine Ungleichheit leisten können. Gleichstellung ist keine Zugabe. Sie ist Geschäftsgrundlage.
Ein Beitrag von Susanne Tattersall, Geschäftsführerin der Tattersall Lorenz Immobilienmanagement GmbH.
