Porträtfoto von Dr. Jochen Keysberg
Dr. Jochen Keysberg (Quelle: Apleona)

Management

21. September 2022 | Teilen auf:

„Bei den meisten Kunden steht eine Rapid-Analyse im Vordergrund“

Über den Klimaschutz im Gebäudebestand, die neue Nachfrage und sinnvolle Maßnahmen sprach immobilienmanager mit Dr. Jochen Keysberg, CEO von Apleona.

So schwierig die aktuelle Situation bei der Energieversorgung und den Kosten dafür ist: Welchen Schub kann sie dem Klimaschutz im Gebäudebestand geben?

Dr. Jochen Keysberg: Neben den hohen Energiekosten setzen die neuen gesetzlichen Anforderungen, etwa die Kurzfristenenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung, die zum 1. September in Kraft getreten ist, vielen Kunden auch unter konkreten Handlungsdruck. Wenn Sie so wollen, ein Doppel-Push. Seit den Sommerferien sehen wir nicht zuletzt deshalb quer über alle Kundenindustrien und Nutzungsarten hinweg eine deutlich gestiegene Nachfrage nach kurz- und mittelfristigen Lösungen für die Energieverbrauchsoptimierung im Bestand.

Nach welchen Maßnahmen und Services hat sich die Nachfrage erhöht – und wie gehen Sie dabei vor?

Dr. Jochen Keysberg: Momentan stehen bei den meisten Kunden eine Rapid-Analyse von Gebäuden und deren Verbräuche sowie der jeweiligen HKL-Anlagen im Vordergrund. Auf deren Basis schlagen wir den Kunden dann ein ganzes Paket von kurzfristig umsetzbaren Maßnahmen vor. Dabei gilt der Dreiklang: Gebäude, Technik und Verbräuche analysieren, Kosten-Nutzen-Transparenz für effektive Sparmaßnahmen schaffen, um auf der Basis dann kurz- und mittelfristige Lösungsansätze umzusetzen. Neben den erheblichen Einsparungen an Energie und CO2 gewinnt der Kunde zudem Planungszeit für langfristige angelegte Strategien, die deutlich komplexer sind und einen hohen Investitionsbedarf haben.

Was schlagen Sie den Kunden konkret als kurzfristig umsetzbare Maßnahmen vor?

Dr. Jochen Keysberg: Das reicht von Kampagnen zu angepasstem Nutzerverhalten in den Gebäuden, der Verbesserung der Grundeinstellung der HKL-Anlagen über die Modernisierung einzelner Komponenten bis hin zum Einsatz unserer intelligenten, digitalen und technisch voll ausgereiften Lösungen für die Energieoptimierung im Bestand, zum Beispiel Recogizer. All diese Maßnahmen haben den Charme, schnell bei vergleichsweise geringen Kosten umsetzbar zu sein und sich aufgrund der zu erzielenden Einsparungen von bis zu 30 Prozent auch schnell zu amortisieren. Einigen Kunden setzen mit unserer Hilfe auch Workplaceoptimierung um, das heißt: Das Schließen von Flächen oder auch ganzer Gebäuden durch die Verdichtung beziehungsweise die Verringerung der Zahl der Arbeitsplätze.

Das eine sind schnelle Reaktionen, das andere langfristige Strategien zur CO2-Einsparung. Welche Langfrist-Maßnahmen sollten noch stärker beachtet werden?

Dr. Jochen Keysberg: Hier gilt noch mehr als bei den kurzfristigeren Maßnahmen eine gründliche Analyse und unternehmerische Bewertung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses, noch dazu, wo es keine Patentlösungen für das ganze Portfolio geben wird, sondern immer eine individuelle Lösung für den jeweiligen Standort gefunden werden muss.

Für den Retrofit eines einzelnen Gebäudes ist vielfach die Kombination aus Wärmepumpe, Flächenheizungen im Boden oder Decke und der Einsatz von Photovoltaik eine Lösung. Das setzt allerdings voraus, dass das Gebäude gut gedämmt und baulich für Flächenheizungen gerüstet ist. Einen Königsweg gibt es hierfür aber nicht. Deswegen ist mein Rat, auch an den Gesetzgeber, sich nicht zu sehr auf nur eine Lösung festzulegen, sondern technologieoffen zu sein.  

Bleifuß statt Bremse: Warum sinkt der CO2-Ausstoß bei Bestandsimmobilien nicht schneller?

Panel-Diskussion: Der Energieverbrauch von Bestandsimmobilien ist der wichtigste Baustein, um die EU-Klimaziele zu erreichen. Doch die Möglichkeiten zu seiner Reduzierung, zum Beispiel durch Energiemanagement-Systeme, werden längst noch nicht ausgeschöpft. Woran liegt das? Wie lassen sich die Hürden überwinden?

Wann? Dienstag, 4.10.2022, 13-14 Uhr

Wo? Halle C2.430 Exhibitor Stage

Wer? Panel-Teilnehmer sind:

Daniela Albrecht, Leiterin Real Estate Management der Leoni AG; Prof. Dr. Kerstin Hennig, Professorin für Real Estate an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht sowie Leiterin des EBS Remi; Dr. Jochen Keysberg, CEO von Apleona; Jochen Schenk, Vorsitzender des Vorstandes der Real IS AG; Moderation: Roswitha Loibl, Senior Management Programm beim Immobilien Manager Verlag

Den Link zur Veranstaltung finden Sie hier.

Gebäude muss man aber auch in größeren Zusammenhängen betrachten. Worauf kommt es dabei an?

Dr. Jochen Keysberg: Bei großen Standorten oder Quartieren muss man in diesem Zusammenhang sicher zusammen mit allen Akteuren auch über eine gemeinsame Lösung zur Energieversorgung nachdenken, etwa indem man vorhandene Abwärme nutzt, selbst grünen Strom produziert oder auf die Kombination mehrerer Lösungen setzt. Darüber steht immer die Frage: Wie erreichen wir gemeinsam am wirtschaftlichsten die CO2-Neutralität für unsere Liegenschaften? Das alles braucht Zeit, insofern plädiere ich immer wieder, sich durch die schon vorhin beschriebenen einfachen, schnell erzielbaren Lösungen die Zeit für die langfristigen, komplexen und kapitalintensiven Maßnahmen zu verschaffen.

Viele Unternehmen müssen sparen in der aktuellen Situation. Bei welchen CO2-Reduktionsmaßnahmen im Gebäudebetrieb sollte man trotzdem keinesfalls den Rotstift ansetzen?

Dr. Jochen Keysberg: Auf jeden Fall nicht bei der sorgfältigen Analyse der Verbräuche und des Zustands der Anlagen, denn Daten dazu und deren Aufbereitung schaffen Transparenz und sind der Schlüssel für jede langfristige Strategie, sie sichern Investitionsentscheidungen ab. Abgesehen davon sind valide Daten ohnehin Pflicht für ein ESG-regelkonformes Reporting und entsprechende Audits.

Das Gespräch führte Roswitha Loibl.

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zuletzt editiert am 21.09.2022