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Beispiel für die in Mode gekommenen Wohntürme: der Cinnamon Tower in der Hamburger Hafencity (Foto: Cadmen)

Projekte 2016-08-31T00:00:00Z Wohntürme – nachhaltige Stadtplanung oder Irrweg der Architektur?

Für die einen sind Hochhäuser zum Wohnen Symbol für Bausünden und Preisexplosion. Für die anderen sind sie ein Lösungsansatz moderner Stadtplanung. Auch Björn Dahler, Geschäftsführer des Immobilienmaklers Dahler & Company, hat eine klare Meinung.

Die Wohntürme sind zurück. Nach Jahrzehnten, in denen Häuser mit mehr als fünf oder sechs Stockwerken in Deutschland als Ausdruck sozialer Ausgrenzung galten, faszinieren sie uns auf einmal wieder: Hochhäuser von 80, 100 oder gar 150 Metern Höhe, spektakulär gestaltet, herausragende Architektur im Wortsinne – und das nicht in Shanghai oder New York, sondern in Berlin, Frankfurt oder Düsseldorf.

Per se ist das Hochhaus kein Irrweg
Das Wohnen in luftiger Höhe ist auf einmal im Trend. Wie eine Studie des Analysehauses Bulwiengesa zeigt, bröckelt die Front gegen Wolkenkratzer in unseren Städten, können sich immer mehr Menschen vorstellen, selbst darin zu leben. Ich sehe das als eine uneingeschränkt positive Entwicklung.

So sehr ich die Abneigung gegen die Sünden der Stadtplanung teile, die uns in den 60er und 70er Jahren jene Hochhaussiedlungen auf der grünen Wiese beschert haben – so sehr widerspreche ich dem Urteil gegenüber dem Hochhaus als Irrweg der Architektur an sich.

Wir hängen Poster mit der Skyline von New York an die Wand oder jene legendäre Fotografie von der Mittagspause der Bauarbeiter auf dem Stahlträger eines Wolkenkratzers. Wir reisen nach Shanghai oder Chicago, nach London oder Moskau, um uns von den Werken berühmter Architekten beeindrucken zu lassen – und fordern zugleich, die Häuser in unserem Quartier dürften die Traufhöhe der Jugendstil-Bauten nicht überschreiten. Die stammen aber auch noch aus einer Zeit, als die Menschen mit der Pferdekutsche durch die Stadt fuhren.

Kirchturmpolitik im wahrsten Sinne des Wortes
Der Bürgerentscheid in München, dass Häuser in ihrer Stadt nicht höher als die Türme der Frauenkirche mit ihren 99 Metern sein dürfen, stammt noch von 2014. Das Wort Kirchturmpolitik, das wir für engstirnige Entscheidungen kennen, bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Denn diese Politik hat sich überlebt.

Der Wohnturm ist eine zeitgemäße Antwort auf soziale, demographische und ökologische Herausforderungen unserer Epoche. Das betonte Sir Norman Foster schon vor einigen Jahren in der „Zeit“: „Wir müssen verhindern, dass die Zersiedelung weiter fortschreitet, schon wegen des Klimawandels kann es nicht sein, dass unser Lebensmodell mit den vielen kleinen Einfamilienhäusern überall kopiert wird. Deshalb brauchen wir Dichte, wir brauchen Hochhäuser, die ein grünes, menschenfreundliches Leben in der Höhe ermöglichen.“

Denn es ist eng geworden in unseren Metropolen. Immer mehr Menschen streben in die Städte, die Urbanisierung hat ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht. In den Kernbereichen unsere Städte gibt es nur noch wenige freie Grundstücke, zu exorbitant hohen Quadratmeterpreisen. Da ist es ein Gebot der Vernunft, nicht mehr in die Fläche zu bauen, sondern in die Höhe. Allein in Berlin sollen bis 2018 2700 Wohnungen in Hochhäusern entstanden sein, in Frankfurt am Main 2420. Andere Städte, nicht nur München, auch Hamburg hinken hinterher.

Dabei haben Wohntürme auch hinsichtlich ihrer Energieeffizienz deutliche Vorteile, weil sie ein günstiges Verhältnis zwischen Oberfläche und Raumvolumen aufweisen, weil regenerative Energietechnik im großen Maßstab deutlich wirtschaftlicher arbeitet. Und spektakuläre Beispiele wie das Projekt „Bosco Vertikale“ in Mailand zeigen, wie intensiv auch Hochhäuser begrünt werden können.

Es gibt gute und schlechte Beispiele
Reden wir also nicht mehr in Schablonen – Wohntürme versus kleine Einheiten –, sondern reden wir über Qualität. So wie es großartige Beispiele von Wolkenkratzern gibt, gibt es natürlich auch misslungene. Das gilt für jede Form von Architektur.

Wenn wir also lebenswerte Städte, wenn wir unser Bauen und Wohnen nachhaltig planen wollen, sollten wir neue Konzepte nicht anhand der Gebäudehöhe messen. Wir sollten sie stattdessen an der sinnvollen Entwicklung des Standorts überprüfen, an der Fassadengestaltung, dem Nutzungs- und Energiekonzept, dem Grundriss der Wohnungen, dem Komfort. Wie sagte Norman Foster über eines seiner Hochhaus-Projekte: „Eigentlich ist dieser Turm ein kleines Stadtquartier mit allem, was dazugehört, mit Wohnungen, Hotels, Büros, einem Kino und Läden und Gärten. Nur ist es eben ein vertikales Stadtquartier.“

Wir können von anderen Nationen lernen. Es ist ja kein Zufall, dass häufig zuerst internationale Kunden zugreifen, wenn die Vermarktung von Wohntürmen beginnt. Aus den Metropolen ihrer Heimat kennen sie die Lebensqualität, die darin erlebbar ist: wundervolle Ausblicke aus bodentiefen Fenstern oder von großen Balkonen und Dachterrassen, hochwertigste Verarbeitung, Fitness- und Wellnessräume im Haus und ein umfassender Service, der im Haus angeboten wird. Und natürlich ist es auch die Lage im urbanen Kern, der das Wohnen hier so attraktiv macht.

Das ganze Quartier ist wichtig
Deswegen kommt es nicht nur auf die Qualität der Architektur an, sondern auch auf den Masterplan für das Quartier. Hochhäuser müssen im gesamtstädtischen Konstrukt und in Bezug auf die Nutzungsstruktur betrachtet werden. Während in Frankfurt oder New York, vor allem die Bebauungsdichte und damit auch die Bebauungshöhe einen besonderen Reiz ausmacht, sollte in Städten mit historischem Kern, die vorhandene Silhouette in die Planungen integriert werden. Ein Zusammenspiel zwischen Historie und Moderne, das den Besonderheiten der Architekturstile gerecht wird. Damit können aufragende Türme in seiner Vielfalt ergänzendes Element der modernen Architektur werden ohne deplatziert zu wirken.

Björn Dahler ist Geschäftsführer des Hamburger Premium-Immobilienmaklers Dahler & Company.

zuletzt editiert am 31. Mai 2021
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