Vom CO2-Fußabdruck zum klimaneutralen Bauen und Leben - es gibt neue Anforderungen an die Stadtplanung. Ein Beitrag von Jörg Müller.
Die ehrgeizigen Klimaziele der EU beeinflussen auch die Immobilienbranche. Rund ein Drittel der CO2-Emissionen in Europa werden durch den Bau und Betrieb von Immobilien verursacht. Ein großer Stellhebel – kein Wunder also, dass die EU hier ansetzt. Schon heute bekommt die Immobilienbranche die regulatorischen Vorgaben zu spüren. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass die Auflagen noch strikter werden. Doch statt nur auf die neuen Verordnungen und Förderrichtlinien zu schauen, sollte die Branche einen Schritt weiter gehen und Immobilien zukunftssicher machen. Dafür ist die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Objekts nötig.
Eine zentrale Rolle für die Zukunftssicherheit von Immobilien spielt der Carbon Due Diligence Ansatz. Wie fällt die Klimabilanz eines Gebäudes aus? Mit der Prüfung der Carbon Due Diligence entsteht Transparenz: Im Rahmen dieses Verfahrens werden die gebäudespezifischen CO2-Emissionen analysiert und in Relation zu den gesetzlichen Vorgaben sowie vergleichbaren Objekten gesetzt. Zudem werden Einsparmöglichkeiten aufgezeigt.
Transparenz in der CO2-Bilanz
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Bestandsgebäude oder Neubauprojekte handelt. In die Bewertung fließen auch neue oder bereits geplante Effizienzmaßnahmen ein, damit zukünftige CO2-Emissionen prognostiziert werden können. Das klare Ziel: Klimaneutralität. Die Carbon Due Diligence macht den CO2-Fußabdruck eines Gebäudes oder Immobilienportfolios sichtbar und kalkulierbar.
Um diesen Fußabdruck möglichst exakt zu vermessen, ist eine hohe Datenqualität nötig. Die korrekte Datengranularität sowie das exakte „Datenpunktmodell“ zu Beginn eines Projektes sind entscheidend. Dazu zählen die Energiedaten, die CO2-Emissionsfaktoren der einzelnen Energieträger sowie alle Arten von Gebäudeinformationen, die zur Evaluierung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen relevant sein können, auch für mögliche Ratings wie der Global Real Estate Sustainability Benchmark (GRESB) oder SCOPE. Aus den im Prozess gleich ohne großen Mehraufwand miterhobenen technischen Assetdaten lassen sich, zusammen mit dem vorliegenden CO2-Footprint, erste Optimierungsmaßnahmen zum energieeffizienteren, nachhaltigeren Betrieb der Immobilie ableiten. Dazu gehören zum Beispiel die Umstellung auf LED-Beleuchtung mit Bewegungsmeldern, eine Vernetzung der Haustechniksysteme (Smart Solution), die Senkung der Heizlast durch höhere Dämmung beziehungsweise Wärmerückgewinnungssysteme, Lüftungsoptimierungen oder schlicht der Bezug von Ökostrom.
Zukunftssicherheit schon in der Konzeptionsphase mitdenken
Die Carbon Due Diligence, als wesentlicher Teil der Status-Quo-Ermittlung, ist ein geeignetes Werkzeug, um Immobilien auf den Weg der Nachhaltigkeit zu bringen. Besonders bei Neubauten sollten die Ergebnisse maßgeblich in die Planungs- und Bauprozesse einfließen. Es gilt, den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie zu antizipieren beziehungsweise simulieren und die CO2-Bilanz auf dem gesamten Weg zu verbessern. Dabei sind folgende Fragen maßgeblich:
- Welche CO2-Emissionen entstehen beim Bau sowie im Betrieb und beim Heizen? Wie fällt die Klimabilanz der Baumaterialien aus?
- Über welche Eigenschaften muss das Gebäude in drei, zehn und 50 Jahren verfügen, um im Wettbewerb erfolgreich zu sein?
- Welche harten und weichen Ziele müssen zwingend in die Lebenszyklusbetrachtung einfließen?
Um Antworten auf diese komplexen Fragen zu finden, sollten alle beteiligten Akteure für sich ein klares Ziel formulieren, was sie mit der Immobilie erreichen wollen. Damit steht und fällt die Zusammenarbeit. Während des Lebenszyklus einer Immobilie verändern sich Bedürfnisse und Präferenzen der einzelnen Stakeholder. Die Carbon Due Diligence sorgt dafür, dass die gebäudespezifischen CO2-Emissionen nicht aus dem Blick geraten.
Zukünftig wird dieser Ansatz noch durch weitere Kriterien ergänzt werden, um den komplexen Folgen des Klimawandels Rechnung zu tragen und ein Gebäude auch in dieser Hinsicht zukunftssicher zu machen. So gibt es zum Beispiel bereits jetzt Empfehlungen, bei Neubauprojekten in Überflutungsregionen die Technikzentrale oberhalb des Erdgeschosses zu platzieren.
Ausblick auf zukünftige Bauvorhaben
Der Klimawandel wird das Leben in den Städten verändern und über kurz oder lang auch das Stadtbild. Wenn höhere Temperaturen Beton und Asphalt aufheizen, werden kühlende Grünflächen benötigt. Forschungsergebnisse zeigen beispielsweise, dass mehrere kleine Grünanlagen eine Stadt effizienter kühlen können als ein großer Park. Entsiegelte und begrünte Plätze sowie Innenhöfe tragen zu einem angenehmeren Stadtklima bei. Neue Gebäude werden begrünte Dachflächen und Außenfassaden haben. Bei der Sanierung spielt Klimaresilienz eine zunehmend größere Rolle. Wassermanagement wird bei Urbanisierungsprojekten wichtig werden, sowohl in Bezug auf die Abwehr als auch auf die Speicherung von Wasser für Dürreperioden.
Nach Einschätzung von Experten beschränken sich die Anpassungen an den Klimawandel im Jahr 2030 noch auf relativ kleine Flächen und einzelne Gebäude. Die Realisierung von Neubauobjekten, die in den 2020er Jahren geplant und bei denen Maßnahmen zur Klimaanpassung berücksichtigt wurden, zieht sich üblicherweise über mehrere Jahre. Groß angelegte Bauprojekte in Städten, bei deren Planung häufig mehrere Investoren, die öffentliche Hand aber auch politische Entscheidungsträger mitwirken, können sogar noch längere Zyklen bis zur Fertigstellung aufweisen.
Klimaresilienz als Teil der Stadtplanung bis 2050
Klimaresiliente Lösungen bei der Bauplanung stellen neue Anforderungen an alle Schichten des Gebäudes: So muss die Gebäudehülle auch Extremwetter aushalten – also sowohl Hitze reflektieren als auch Trockenheit und Starkregen sowie Sturm und Hagel standhalten können.
In den Jahrzehnten nach 2030 werden klimaresiliente Lösungen sich nicht mehr auf einzelne Gebäude oder Projekte beschränken, sondern zunehmend Teil der Stadtplanung werden. Wie werden unsere Städte im Jahr 2050 aussehen? Großflächige Grünanlagen und Wasserreservoirs können helfen, das Mikroklima der Stadt zu verbessern und Niederschlagsschwankungen auszugleichen. Die zusätzlichen Grünflächen reduzieren die Wärmeinseln in der Stadt und bieten den Bewohnern gleichzeitig Gelegenheit zur Freizeitgestaltung. Gebäude werden in diese Naturinseln integriert - mit begrünten Dächern, Dachwäldern und Fassaden. Es wird spezielle Zonen geben, die überschüssiges Wasser nach Unwettern mit starken Regenfällen auffangen und in Dürreperioden speichern können. Die Wasserschutzinfrastruktur wird insgesamt umfangreicher ausgebaut werden.
Die Folgen des Klimawandels werden Städte in Küstennähe oder die ohnehin schon vom Meeresspiegelanstieg betroffene Gebiete besonders zu spüren bekommen. Es wird nicht mehr bewohnbare Flächen geben. Daher werden neue Bauprojekte zukünftig weiter ins Landesinnere verlagert. Dort muss Raum geschaffen werden für Menschen, die die Küstengebiete verlassen. In noch bewohnbaren Küstengebieten werden sowohl neue als auch bestehende Gebäude rekonstruiert oder umgestaltet werden müssen, um vor Hochwasser geschützt zu sein.
In die Carbon Due Diligence Prüfung können Veränderungen durch den Klimawandel und daraus resultierende neue Anforderungen bereits einbezogen werden – und das für die Dauer des gesamten Bestehens des Gebäudes. Durch die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus ist einerseits gewährleistet, dass sich eine Immobilie für Investoren, Betreiber und Bewohner langfristig rentiert. Zugleich besteht die Chance, Objekte von der Bauphase an möglichst klimaneutral zu gestalten. Damit leistet die Immobilienbranche einen wichtigen Beitrag dazu, den Klimawandel zu bremsen.
Autor: Jörg Müller ist Experte für Lifecycle Management bei Arcadis
