Person vor grauen Betonwänden, Köpf in einer rosa Wolke
Start-ups sorgen dafür, dass die Prozesse in der Immobilienbranche immer digitaler werden. Madaster speichert etwa alle beim Bau verwendeten Materialien. (Quelle: gremlin/istock)

Management 2022-10-14T11:56:46.585Z Wenn die Cloud auf Beton stößt

Proptech-Start-ups beleben die Immobilienbranche mit innovativen Ideen. Große Player wittern gute Geschäft und investieren in die Newcomer.

„Madaster“ ist ein Kurzwort für „Kataster für Materialien“. Das cloudbasierte Programm weiß, was in einem Gebäude steckt: an Materialien und Produkten, mit welcher Beschaffenheit, Qualität und Herkunft und deren ungefährem Restwert. Das erleichtert die Wiederverwendung und reduziert den Abfall. Davon profitieren Bauunternehmer, Projektentwickler und Entsorgungsfirmen. Das gleichnamige 2017 gegründete Unternehmen wird von der gemeinnützigen niederländischen Stiftung Madaster Foundation beaufsichtigt. Das operative Geschäft liegt in den Händen mehrerer Dienstleistungsgesellschaften. Das Immobilienentwicklungs- und Beratungsunternehmen Drees & Sommer hält jeweils 50 Prozent der Anteile der Madaster Germany und 25,1 Prozent der Madaster Austria GmbH.

„Als Online-Material-Kataster, das nicht nur die Herkunft und Qualität von Gebäuden mitsamt seinen Bauprodukten zur Verfügung stellt, sondern auch eine Grundlage für die Ermittlung von finanziellen Restwerten der eingebauten Materialien bietet, ist die Plattform für uns eine wichtige Ergänzung unseres Geschäftsfeldes“, sagt Dr. Peter Mösle, Partner bei Drees & Sommer und Geschäftsführer der EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer. Er verweist darauf, dass die Etablierung des Cradle-to-Cradle-Design Konzepts schon lange auf den Agenda des Konzerns steht. Madaster gilt als eines der innovativsten Proptech-Start-ups der vergangenen Jahre. Es ist aber beim Weitem nicht das einzige erfolgreiche. Im Vergleich zu anderen Branche ist es in der bekanntermaßen schwergängigen Immobilienbranche etwas leichter, mit neue Ideen zu punkten: für die Art und Weise, Immobilien zu planen, zu bauen und zu erneuern, sie zu betreiben und zu verwalten.

Insgesamt gab es Mitte 2022 in Deutschland 851 Proptechs, Ende vergangenen Jahres waren es noch 654. Zahlreiche dieser Initiativen teilen das Schicksal vieler Start-ups und verschwinden auf kurz oder lang wieder vom Markt. Gut zehn Prozent können Investoren, etwa Fonds- und Private-Equity-Gesellschaften von der Tragfähigkeit ihrer Konzepte überzeugen. 621 Millionen Euro haben Investoren in den ersten sechs Monaten des Jahres in Start-ups aus der deutschen Bau- und Immobilienbranche investiert, im ganzen Vorjahr waren es 502 Millionen Euro. 37 öffentlich bekanntgemachte Investments wurden auf dem deutschen PropTech-Sektor in diesem Zeitraum getätigt, so der „PropTech Start-up und VC Report 2022“ von Blackprintpartners.

Das führt in einzelnen Fällen auch zu neuen Rekord-Investitionen. Das Münchener Start-up Heimkapital sicherte sich ein Investment über 300 Millionen Euro – die höchste Summe für ein deutsches Proptech. Im vergangenen Jahr hatte Schüttflix mit über 42 Millionen Euro die größte Finanzierungsrunde abgeschlossen. Im ersten Halbjahr 2022 übertrafen bereits vier PropTechs diesen Wert, zum Teil auch deutlich.

Aeditive, ein 2019 gegründetes Hochtechnologie-Start-up mit Sitz in Norderstedt entwickelt robotische 3D-Drucklösungen für die Bauindustrie. Rund 5,5 Millionen Euro stemmten Ende 2021 in einer Finanzierungsrunde drei Investoren, darunter die Glatthaar Holding aus dem Schwarzwald, Europas größer Hersteller von Bodenplatten und Fertigteilkellern.

Einen ebenfalls siebenstelligen Eurobetrag, und das nicht zu ersten Mal, generierte Ende 2021 der Smart Building Spezialist Aedifion. Das Spin-Off der RWTH Aachen vernetzt auf einer Cloud-Plattform sämtliche Gewerke im Bestand und im Neubau, um die Gebäude datenbasiert zu optimieren. Immobilien können damit einfacher betrieben und die CO2-Emissionen gesenkt werden. Der bisherige Investorenkreis aus Phoenix Contact (Elektrotechnik) Bitstone Capital, und Business Angels (Investoren) wurde um Drees & Sommer, Beyondbuild (Investor), Bauwens X (Beteiligungsgeaellschaft) sowie Momeni (Investment-Manager) erweitert.

Finanzstarke Partner

Wie bei Aedifion bleibt bei den meisten solcher Deals die Mehrheit in den Händen der Gründer. Andere docken komplett bei etablierten Marktakteuren an. Sie sehen die Chance, sich mit den starken und marktbreiten Partner weiterzuentwickeln und können womöglich auch dem Reiz des Geldes nicht widerstehen. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Übernahme von vermietet.de durch Scout24 für 50 Millionen Euro. Ebenfalls für Aufsehen gesorgt hat die Übernahme von Imogent, einer All-in-One-Plattform für die Vermietung, durch Planethome. Planethome übernahm die Online-Plattform 123 (Oktober 2018), den Transaktionsberater Hammers & Heinz (Dezember 2021) und kürzlich den Energie- und Förderberater Renawa. Der führende Software-Anbieter Aareon schlug beim ERP-Anbieter GAP-Group (Oktober 2021), Twinq (Mai 2021) und bei dem britischen Softwareanbieter Fixflo (Mai 2021) zu. Eine noch frische Akquisition von Aareon ist Wohnungshelden.de. Mit dessen Hilfe wolle man den digitalen Transformationsprozess auf Kundenseite optimal unterstützen und mit dem Tool Smart World das Angebot rund um den digitalen Vermietungsprozess weiter ausbauen „Die Lösung von Wohnungshelden wird unter dem Dach der Aareon Gruppe zukunftsorientiert weiterentwickelt und das Unternehmen wird weitere Wachstumspotenziale realisieren können“, so Harry Thomsen, Vorstandsvorsitzender der Aareon AG. Im Juli 2022 wurde bekannt, dass JLL den Berliner Energie- und Gebäudeeffizienzberater Envio Systems gekauft hat.

„Es gibt zahlreiche Beispiele in der deutschsprachigen Immobilienwirtschaft, in der Zusammenarbeiten oder Übernahmen stattfinden. Proptechs bieten smarte, innovative Lösungen und sind daher oft Ziel von Kooperationen für die etablierte Immobilienwelt“, so Lukas Linn – Scouting & Investment Manager bei Blackprint. Der Experte geht davon aus, dass sich die Konsolidierung in Form von Übernahmen und Zusammenschlüssen auf dem Proptech-Markt wird sich in Zukunft weiter verstärken.

Es gibt aber auch Proptechs, die von Immobilienunternehmen selbst initiiert werden. Zu Ihnen gehört die vor wenigen Monaten gegründete Real I.S Property Management (PM). Mit ihrer Hilfe will die Muttergesellschaft den direkten Mieterkontakt fördern. Eine eigenes PM unterstütze die Identifikation der Manager mit den Objekten, heißt es. Im Gegensatz zu einer externen Lösung profitiere man von der Hoheit über Daten, von Prozessintegration und höherer Qualität. Aber auch von einem erweiterten Geschäftsmodell. „Mit der Bündelung unserer Ressourcen in einem eigenen Unternehmen gehen wir den logischen Schritt, unsere Expertise aus externen Asset-Managern über Drittmandate anbieten zu können“, so Vorstandsvorsitzender Jochen Schenk.

Attraktiver denn je

Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Gründung von Building Minds durch den Aufzugsspezialisten Schindler. Building Minds ermöglicht es Immobilienmanagern, über eine cloudbasierte Plattform Unternehmen aus einer globalen Perspektive zu navigieren und über eine einzige Datenplattform auf einzelne Länder, einzelne Gebäude oder sogar bestimmte Geräte zu zoomen. Als alleinige Gesellschafterin stellte Schindler dem Start-up eine Finanzierung von bis zu 150 Millionen Euro für den Aufwand des ersten Jahres zur Verfügung. Building Minds agiert als eigenständiges Unternehmen innerhalb des Konzerns.

„Der Proptech Sektor ist attraktiver denn je für Wagniskapital. Aufgrund der gesamtgesellschaftlich wie gesamtwirtschaftlich übergeordneten Bedeutung des Bau- und Immobilienbereichs, auch in puncto Nachhaltigkeitszielen, rückt dieser immer stärker in den Fokus. Wagniskapital ist längst Trend-Wegweiser und Trend-Verstärker. Gesetzt wird auf die Startups mit den skalierbarsten und nachhaltigsten Lösungen, um die großen Player von morgen zu schaffen“, so Lukas Linn von Blackprint.

Für Immobilienunternehmen ist die Übernahme eines erfolgreichen Proptechs oftmals attraktiver als ein vergleichbares Produkt in-house zu entwickeln. Dadurch werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Stärkung der eigenen Marktmacht, sowie gleichzeitige Schwächung des Wettbewerbs.

Autor: Manfred Godek

zuletzt editiert am 25. Oktober 2022
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