Der Weiße Hai muss ständig in Bewegung bleiben um zu überleben - Dr. Merkel zeigt in seinem Gastbeitrag auf, dass sich diese Analogie auch auf den gewerblichen Immobilienfinanzierungsmarkt anwenden lässt. (Bild: Sarah Richter/Pixabay)
Der Weiße Hai muss ständig in Bewegung bleiben um zu überleben - Dr. Merkel zeigt in seinem Gastbeitrag auf, dass sich diese Analogie auch auf den gewerblichen Immobilienfinanzierungsmarkt anwenden lässt. (Bild: Sarah Richter/Pixabay)

Finanzierung

03. November 2021 | Teilen auf:

Vom Weißen Hai und deutschen Banken

Der gewerbliche Immobilienfinanzierungsmarkt steht unter Innovationsdruck. Vor allem Bankenbegegnen dabei immer größeren Herausforderungen. Eine Studie der Warsaw School of Economics zeigt: Die Vorstände der Branche sind sich dessen bewusst und machen Raum für Innovationstreiber. Sind Kooperationen mit Proptechs die Lösung?

Der Weiße Hai ist der Herrscher über seinen Lebensraum, leidet jedoch auch an einem bedeutenden Nachteil: er muss ständig in Bewegung bleiben. Sobald er stehen bleibt, erstickt er und stirbt. Diese Analogie ließe sich auch auf den gewerblichen Immobilienfinanzierungsmarkt in Deutschland anwenden.

Dieser stellte insbesondere im letzten Jahrzehnt einen bedeutenden wirtschaftlichen Wachstumstreiber dar. Trotz steigender Geschäftsvolumina verzeichnet der Markt jedoch stetig sinkende Margen und seit einigen Jahren einen verschärften Wettbewerb. Neue Teilnehmer drängenauf den Markt, darunter zahlreiche Fonds und Versicherungen. Neben dem gravierenden Einfluss der Corona-Pandemie stehen die Banken daher umso stärker vor der Herausforderung, erfolgreiche undskalierbare Produkte und Lösungen zu entwickeln, um ihr Geschäft langfristig tragfähig zu machen.

Immobilienfinanzierungsmarkt benötigt Transformation

Eine qualitative Studie der Warsaw School of Economics (2020) beleuchtet anhand einer Befragung von Vorständen führender auf dem gewerblichen Immobilienfinanzierungsmarkt aktiver Banken sowie Gründern von Proptech-Unternehmen die aktuelle Marktsituation und zeigt: Dem Markt ist die nötige Transformation zunehmend bewusst.

Die Branche ist geprägt von veralteten Prozessen und einem geringen Innovationsgrad. Auf einer Skala von null bis zehn bewerten die Vorstände der führenden gewerblichen Immobilienfinanzierer den Innovationsgrad mit lediglich 3,5 Punkten, auch wenn sie ihre eigenen Institute mit 6,8 Punkten weit aus innovativer aufgestellt sehen.

Während dennoch manch ein Banker gar weiterhin glaubt, die gewerbliche Immobilienfinanzierung sei auch in der Zukunft ein reines „People‘s Business“, reift in vielen Köpfen langsam die Erkenntnis, dass frischer Wind vonnöten ist. Die Notwendigkeit für Innovation wird mit 7,8 Punkten deutlich höher bewertet als der gegenwärtige Stand.

Bislang setzen Banken hauptsächlich auf bewährte Technologien. Laut der Studie sehen neun von zehn der befragten Vorstände bereits etablierte CRM-Technologien als die bedeutendstenTechnologien im Markt an. Es ist davon auszugehen, dass mit der Zunahme von internem Know-how und bereits implementierten technologischen Lösungen die Akzeptanz für anspruchsvollere Technologien wie Machine Learning, Big Data und deren Vernetzung, als auch die Akzeptanz und Anwendbarkeit der Blockchain-Technologie weiter auf dem deutschen Markt steigen wird. Spätestens mit einer ersten weitreichenden Implementierung sollte es zu weiteren Öffnungen gegenüber neuen Technologien und somit zu grundlegenden Umwälzungen auf dem Markt kommen.

Innovationstreiber für die Immobilienbranche

Proptech-Unternehmen treten vermehrt als möglicher Lösungsansatz im Markt auf, um den Herausforderungen der notwendigen Digitalisierung entgegenzutreten. Die Wortneuschöpfung, zusammengesetzt aus den Worten „Property Services“ und „Technology“, bezeichnet Unternehmen, die technologiebasierte Lösungen für den Immobilienmarkt anbieten. Mittlerweile sind laut dem Zentralen Immobilien Ausschuss bis zu 700 Proptech-Unternehmen auf dem deutschen Immobilienmarkt aktiv. Die Proptech-Szene ist bunt – während manche Unternehmen Wohnungsbesichtigungen per Virtual-Reality-Brille anbieten, haben sich andere auf die automatisierte Vermietung von Wohnungen oder die Vereinfachung und Digitalisierung der Kreditfinanzierung spezialisiert.

Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Proptech-Unternehmen als Haupttreiber von Innovationen im gewerblichen Immobilienmarkt agieren. So gaben 70 Prozent der befragten Banken an, sich in Kooperationsgesprächen mit Proptech-Unternehmen zu befinden. 40 Prozent befinden sich gar bereits in aktiven Kooperationen.

Dies liegt nicht ausschließlich an ihren Produkten; vielmehr beschleunigen Proptech-Unternehmen direkt und indirekt die notwendige Innovationsdynamik im Markt, indem sie Banken dabei helfen, ihren Digitalisierungsgrad zu erhöhen, Know-how aufzubauen, Prozesse zu optimieren und insbesondere langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Hierbei spielen jegliche, auch nicht erfolgreiche, Maßnahmen eine Rolle. Entscheidend ist, dass Proptechs Banken motivieren, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und somit letztendlich nachhaltige strukturelle Änderungen anstoßen.

Digitalisierung als komplexer Lernprozess

Es lässt sich festhalten: Der gewerbliche Immobilienfinanzierungsmarkt wird sich in Deutschland nur dann zu Innovation und Digitalisierung aufraffen können, wenn die Vorstände und Gesellschafter der Banken erkennen, dass ansonsten die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Instituts gefährdet ist. In diesem Fall ist bereits jede Prüfung von existierenden Proptech-Lösungen und jede neue angestrebte Kooperation ein Schritt in die richtige Richtung. Die Digitalisierung ist ein kontinuierlicher und komplexer Lernprozess, und je früher er eingeleitet wird, desto besser für die Wettbewerbsfähigkeit jeder Organisation.

Natürlich kann niemand mit Sicherheit vorhersagen, wann die propagierte digitale Revolution stattfinden wird. Die oft schillernden Selbstzuschreibungen der Start-ups und Proptechs enthalten schließlich auch den branchenüblichen Anteil heißer Luft. Die Zutaten für einen weitreichenden Umbruch der gewerblichen Immobilienfinanzierung sind jedoch da: Vielversprechende Technologien und hungrige neue Akteure treffen auf eine Branche, die durch den eigenen Erfolg der letzten Jahre satt und träge erscheint, sich aber überwiegend bewusst ist, dass auch sie, ähnlich dem Weißen Hai, in Bewegung bleiben muss, um zu überleben.

Dr. Maciej Jakub Merkel (Bild: provat)

Dr. Maciej Merkel ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und Dozent aus Berlin. Als Mitgründer und Manager verschiedener Start-ups und Berater für gewerbliche Immobilientransaktionen sammelte er Erfahrungen und Branchenkenntnisse. Seine Forschung konzentriert sich vor allem auf technologische Innovationen im gewerblichen Immobilienmarkt.

zuletzt editiert am 03.11.2021