Noise-Cancelling-Kopfhörer für Open Plan Arbeitskräfte und Bürokonzepte der Zukunft - ein Gastbeitrag von Viktor Weber, Gründer des Future Real Estate Institute Regensburg.
Die Lese- und Arbeitssäle von (Universitäts-)Bibliotheken könnten rückblickend als die ersten weitverbreiteten Open Plan Raumkonzepte betrachtet werden. Jeder kennt die langen Arbeitstafeln mit Leselampen aus Bibliotheken in München, Oxford oder New York, bei denen sich viele Menschen an ihren eigenen Büroarbeitsplatz erinnert fühlen. Wer als Tourist oder Student in einer dieser Bibliotheken war, kennt die unzähligen „Ruhe bitte!“-Schilder oder wurde bereits von einem präexaminierten Jurastudenten durch ein bestimmtes „Psscht“ auf sein zu lautes Atmen hingewiesen.
Wieso sind also Lesesäle in Bibliotheken Orte der Stille und wieso bieten Universitäten ihren Studenten schallisolierte Gruppenarbeitsräume innerhalb von Bibliotheken? Sie haben es natürlich gewusst. Das Stichwort lautet: Konzentration.
Sinn und Unsinn des Open Plan Raumkonzepts
Dort wo viele Menschen sind, ist der Lärmpegel höher und es lässt es sich nur schwer fokussiert arbeiten. Jeder kennt die Kollegen die ins Telefon schreien, etwas zu laut kauen, ihre Musik mit schlecht isolierten Kopfhörern hören oder in ihre Tastaturen hauen. Aus diesem Grund waren Open Plan Konzepte von je her nicht der Arbeit zuträglich. Das sieht man auch an den Kaufmustern von Open Plan Arbeitskräften: Amazon.de, Suche nach Noise Cancelling Headphones und, zack, Bose in den Einkaufswagen.
Auch wenn fortschrittliche Firmen ihren Mitarbeitern ergonomische Arbeitsplätze, adaptive Lichtkonzepte und vieles mehr bieten, ändert es nichts daran, dass Büroarbeitskräfte immer weniger Privatsphäre, weniger ruhige Rückzugsorte und weniger Quadratmeter pro Kopf haben. Dabei haben bereits Studien im Jahr 2002 gezeigt, dass die Arbeitsnehmerzufriedenheit negativ mit der Mitarbeiterdichte korreliert und dies zu sozialem Stress führt.
Open Plan Konzepte dienen in erster Linie der Reduktion von Arbeitsplatzkosten. Um jedoch das Kosten sparende Arbeitskonzept salonfähig zu machen, wurde der Mythos des kreativitätsschaffenden und kommunikationsförderlichen offenen Arbeitsraumes geschaffen. Pustekuchen. Viele bekannte Innovatorinnen und Innovatoren wie Bill Gates verbringen sogar regelmäßig einige Tage in gänzlicher Isolation, um in der Ruhe kreative und innovative Gedanken fassen zu können.
Diese weit verbreitete Aussage über das interaktionsfördernde Open Plan Büro ist nun empirisch überholt. Eine Studie der Harvard Business School konnte zeigen, dass sich die Anzahl von persönlichen Gesprächen in Open Plan Konzepten um 70 Prozent reduzierte, da der Stress und Lärm zu einem selbstverordneten sozialen Rückzug führt.
Co-Working lässt Corporates innovativer werden, oder nicht?
Co-Working kommt aus der Startup – und Freelancerwelt, in der junge Unternehmen mit ihren kleinen Teams und flachen Strukturen miteinander brainstormen und verzahnt arbeiten wollen, aber oftmals kein Geld für eine andere Flächenstruktur haben. Intelligente Unternehmer/innen kamen dann auf die Idee dieses Konzept auch der Corporatewelt schmackhaft zu machen, die mit Digitalisierung, Kreativität und Innovation oftmals hadert.
Die Lösung schien nahe: Einfach Startuparbeitskonzepte kopieren und hoffen, dass das auch der Firma hilft. Co-Working ist in vielen Firmen aber einfach nur ein hipper Name für Open Plan. Nun stelle ich die Frage in den Raum: Wird man zwangsweise ein Picasso, wenn man sein Büro gegen eine Museumfläche eintauscht? Nein.
Unternehmenskultur und das Mindset der Mitarbeiter/innen lässt Kreativität zu, nicht zwingend der Ort. Ein entsprechender Raum für Gruppenarbeit kann förderlich sein, ist aber sicherlich nicht der gewichtigste Prädiktor für Kreativität. Ein paar der kreativsten und innovativsten Tech-Firmen der letzten Jahre wie Stripe, GitHub oder Automattic arbeiten sogar gänzlich ohne Büroflächen. Wenn man einen Jahresabschluss macht, braucht es keine Brainstorming Sessions und nach einer kreativen Konzeptionsphase, muss auch ein Entwicklerteam konzentriert programmieren.
Safer Work in Zeiten von Corona
Durch die Coronakrise und die Notwendigkeit von Safer Work Konzepten sind dichte Büroflächen aktuell aus Gründen des Infektionsschutzes sowieso nicht mehr vertretbar. Wer das anders sieht riskiert das Leben seiner Mitarbeiterschaft und deren sozialer Kontakte.
Da nun aber viele Firmen merken wie gut Remote-Working funktioniert und man die zweigrößte Kostenposition, nach dem Personal, nämlich Büroimmobilien, drastisch reduzieren könnte, werden sich auch Büroflächen verändern. Nicht jede Bürofläche wird noch gebraucht werden und auch das Layout wird sich verändern. Unternehmen sollten also ihren eigenen Flächenbedarf überdenken, Arbeitskonzepte flexibilisieren und durch Veränderungen des Flächenkonzeptes sicherer sowie mitarbeiterfreundlicher gestalten.
Bürokonzepte werden sich verändern
Da die Assetklasse Büro in Europa mehr als 45 Prozent des gesamten jährlichen Transaktionsvolumens ausmacht, hat dieser Trend natürlich auch disruptive Auswirkungen entlang der Wertschöpfungskette. Es wird mittel- und langfristig zu einer absoluten Reduktion der Flächennachfrage aufgrund von Remote-Working geben, was bereit eine Umfrage von Gartner bei Finanzvorständen führender Konzerne gezeigt hat . Jedoch ist es auch klar, dass das Büro immer noch ein wichtiger Bestandteil der Arbeitswelt von Morgen sein wird, da es auch viele Menschen gibt, die Arbeit und Privates weiterhin räumlich trennen wollen.
Büros brauchen aufgrund der aktuellen Krisenlage auch "Safer Work" Zonen mit mehr Einzelarbeitsräumen sowie kontaktlose Zugänge inklusive gutem Hygieneplan. Für die Zeit nach Corona sehe ich einen Bedarf für flexible Gruppenarbeitsräume, die auch als Event/-Conference Space genutzt werden können. Je interessanter und mitarbeiterfreundlicher ein Bürokonzept der Zukunft ist, beispielsweise durch ein nachhaltiges und kreatives Community-Cooking oder Kantinenkonzept, desto mehr wird das Büro tatsächlich zu einem sinnstiftenden Ort der Begegnung werden beziehungsweise den kulturellen Wandel unterstützen. Darüber hinaus gehe ich davon aus, dass einige Unternehmen ihre on-premise IT ausbauen werden, um Remote-Working auch lokal, und nicht nur über Dienstleister, absichern zu können, weshalb vermutlich auch ein paar mehr Server in einige Räumlichkeiten einziehen werden. Wer sich verkleinert, spart Kosten. Diese sollte man jedoch in ergonomischere Arbeitsplätze, attraktive Raumkonzepte, mehr Fortbildungsangebote und gesündere Essensangebote reinvestieren.
Die Immobilienbranche sollte diesen Trend akzeptieren und proaktiv damit arbeiten. Noch ist es nicht zu spät.
Autor: Viktor Weber, Gründer des Future Real Estate Institute mit Sitz in Regensburg.
