Die Bau- und Immobilienwirtschaft steht vor einem Wandel. Ein Treiber sind die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, durch die Nachhaltigkeit und Innovation durch neue Vorgaben nicht länger freiwillig verfolgbare Ziele bleiben.
Die UN-Nachhaltigkeitsagenda steht im Fokus der Fachkonferenz zur Zukunft der Bau- und Immobilienwirtschaft " Real PropTech ". Sarah Schlesinger , COO des Veranstalters Blackprint Booster, ordnet ein, welche Anforderungen die Sustainable Development Goals (SDG) an die Bau- und Immobilienbranche stellen.
Die Welt zum Besseren zu verändern – das war der Antrieb der Vereinten Nationen, die Agenda 2030 mit 17 Sustainable Development Goals (SDGs) für eine nachhaltige Entwicklung ins Leben zu rufen. Im September 2015 von der Generalversammlung mit 193 Mitgliedstaaten in New York verabschiedet, sieht der globale Aktionsplan vor, bis zum Jahr 2030 eine bessere Zukunft für alle Menschen zu schaffen – die dazu notwendige Wertschöpfung der Volkswirtschaften soll dabei in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht nachhaltig erfolgen.
Was vor fünf Jahren mit einem ersten, einzigartigen Meilenstein begann, wird in den kommenden Jahren in Industrie- wie auch in Entwicklungsländern alle Branchen und Segmente vor große Herausforderungen stellen. So auch die Bau- und Immobilienwirtschaft. Der Innovationsdruck ist groß. Denn feststeht: Unsere Branche wird sich in vielen Bereichen verändern müssen, um zum Gelingen der Agenda beizutragen. Klar ist auch: Der Wandel wird nur durch den Einsatz neuer Technologien möglich. Was die Agenda 2030 im Einzelnen bedeutet, wird bei der Betrachtung der für die Bau- und Immobilienwirtschaft besonders relevanten Nachhaltigkeitsziele deutlich:
Ziel 3: Gesundheit und Wohlergehen
Die gebaute Umwelt bildet für das menschliche Leben in fast allen Bereichen Rahmen und Grundlage. Denn wir verbringen nahezu unsere gesamte tägliche Zeit in Immobilien. Umso wichtiger ist, dass diejenigen, die die Immobilien planen, bauen, vermieten, betreiben und renovieren, Gesundheit und Wohlergehen eines jeden Einzelnen im Blick haben. Der Umgang mit Trinkwasseranlagen und Technischer Gebäudeplanung sind dabei exemplarische Beispiele mit Potential für mehr Nachhaltigkeit durch Innovation und den klugen Einsatz neuer Technologien. Ob Wohnungsbau oder Immobilien für Gewerbe, Handel, Gesundheit und Bildung: Die Bau- und Immobilienwirtschaft hat die Aufgabe funktionierende, sichere, ressourcenschonende, lebenswerte und komfortable Gebäude zu schaffen, die den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen.
Ziel 7: Bezahlbare und saubere Energie
Die technischen Möglichkeiten sind heute bereits so weit fortgeschritten, um in der Neubau-Projektplanung wie auch in der Bestandsentwicklung moderne Energie-Konzepte zu integrieren. Ob Dachziegel zur Energiegewinnung oder Solarpaneele in den Verschattungslamellen, ob intelligente Materialien, die Wärme speichern und bei Bedarf gezielt wieder abgeben können, Wärmepumpen oder Kleinwindanlagen – für Projektentwickler, Planer oder Bestandshalter gilt es, Mut und Verantwortung zu beweisen und mithilfe von Technologie selbst neue Maßstäbe zu setzen. Durch Best-Practice-Beispiele lassen sich dabei Referenzen schaffen, die Orientierung bieten können. Es ist in unserem Interesse als Immobilienwirtschaft, den zukünftigen Rahmen selbst proaktiv zu gestalten, statt abzuwarten, bis Politik und Behörden dies tun, soweit durch Regulatorik nicht bereits erfolgt.
Ziel 9: Industrie, Innovation und Infrastruktur
Noch viel stärker als bisher werden ökologisch und ökonomisch sinnvolles Handeln in Zukunft in Einklang stehen müssen. Die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen wird mehr denn je von ihrer Innovationsbereitschaft abhängen. Prozesse neu aufzusetzen – und das heißt nicht nur einfach von analog auf digital umzustellen, sondern sie wahrlich zu optimieren – wird zur Kernaufgabe der Unternehmenslenker. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern Mittel, um den Rückstand – den Stillstand – der letzten Jahrzehnte aufzuholen.
Besondere Verantwortung kommt der Bau- und Immobilienwirtschaft im Bereich der Einzelhandels-, Logistik-, Gewerbe- und Industrieimmobilien, aber auch für Infrastruktur-Einrichtungen wie Brücken, Tunnel oder Versorgungsleitungen zu. Unserer intelligent geplanten und sinnvoll umgesetzten Mitwirkung obliegt es, wie zukünftig beispielsweise Waren über weite Strecken und auf der letzten Meile zugestellt werden können. Ob Hyperloops unterirdisch oder Drohnen überirdisch zum Einsatz kommen werden – Planung, Bau und Betrieb der dafür notwendigen Anlagen liegen in unseren Händen. Dies gilt auch für unsere Mobilität. Denn für E-Autos, Fahrräder oder Flugtaxis setzen wir den Rahmen für die Park- und Landeplätze oder die Auflade-Möglichkeiten.
Infrastrukturell sind wir als Branche verantwortlich für nachhaltige, sinnvolle TGA-Planung und Gebäudesteuerungsmöglichkeiten in den Immobilien, genauso aber auch für die Planung, Installation und den Betrieb von Datenleitungen und Netzanbindung innerhalb von Gebäuden oder die flächendeckende Versorgung mit Glasfaserkabeln in Städten und Gemeinden. Letzteres übrigens ist ein Thema, das spätestens seit Beginn der Corona-Krise und dem damit bedingten Homeoffice und Homeschooling gesamtwirtschaftlich wie auch gesellschaftlich deutlich an Bedeutung hinzugewonnen hat.
Ziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden
Drei Viertel der deutschen Bevölkerung lebt in Städten oder Ballungsgebieten. Bezahlbarer, sicherer Wohnraum stellt dabei ein Grundbedürfnis der Menschen dar. Zu nachhaltiger und integrativer Stadt- oder Quartiersentwicklung gehört das Dach über dem Kopf, das wir als Branche bauen, vermieten und betreiben. Doch dazu gehören ebenso innerstädtische Einzelhandels- und Logistikkonzepte, grundlegende Infrastruktur-Überlegungen und neue Formate für das Arbeiten der Zukunft. Die Projektentwicklung von heute muss daher in ihren Bebauungsplänen die gebaute Welt von Morgen vor- und mitdenken. Die Agenda 2030 gibt uns dafür neue Regularien vor. Welcher Projektentwickler oder sonstige Rahmengeber diese neuen Anforderungen heute nicht berücksichtigt, für den wird die Vermarktung bei wachsenden Ansprüchen schwierig, die Umsetzung angesichts von Nachträgen und erzwungenen Änderungen teuer und eine Refinanzierung mitunter sogar unmöglich.
Ziel 12: Nachhaltiger Konsum und Produktion
Unsere Erde ist nur noch begrenzt belastbar. Um uns und unseren Kindern auch in Zukunft ein gutes Leben zu ermöglichen, müssen wir unseren Konsum und unsere Produktionstechniken verändern. Vor allem für den Umgang mit begrenzten Ressourcen sind neue Regeln notwendig. Der Bau- und Immobilienbranche kommt hier aufgrund ihres hohen Ressourcenverbrauchs eine große Verantwortung zu. Was wir brauchen ist ein Umdenken hin zu einer Kreislaufwirtschaft. Neben einem signifikanten Beitrag zu einer verantwortungsvollen Produktion können wir als Bau- und Immobilienwirtschaft aber auch erheblich dazu beitragen, dass nachhaltiger konsumiert wird. Und das in vielfältiger Form: etwa über die Art und Weise, wie wir Logistikimmobilien oder -Infrastruktur planen und bauen, wie wir Handelsflächen gestalten oder aber wie wir Immobilien betreiben.
Ziel 13: Maßnahmen zum Klimaschutz
Speziell das Betreiben von Immobilien ist ein wichtiger Ansatzpunkt für effizientere, nachhaltigere Gebäude und zugleich die Basis für innovatives und neues Denken in anderen Bereichen. Die Digitalisierung und die Innovation von bereits bestehenden Abläufen und Prozessen in Gebäuden ermöglicht die Entstehung neuer Geschäftsmodelle, etwa im Bereich Smart Building. Durch den Einsatz von Sensoren und die Analyse der gesammelten Gebäudedaten etwa lassen sich Gebäude deutlich nachhaltiger und insbesondere ökologischer bewirtschaften. Durch einen digitalisierten Gebäudebetrieb kann unsere Branche also einen großen Klimaschutzbeitrag leisten.
Die Verantwortung der Bau- und Immobilienwirtschaft
Während die ersten fünf Jahre seit Launch der UN-Nachhaltigkeitsagenda als Vorbereitungsphase angesehen werden können, liegt nun ein Jahrzehnt vor uns, in dem durch bestehende und neue Regulatorik das Erreichen der gesetzten Ziele massiv vorangetrieben werden wird. Die aufgezeigten Beispiele und Verantwortungsbereiche sollten die Brisanz, Notwendigkeit und Sprengkraft verdeutlichen, die die Agenda 2030 für unsere Branche birgt. Gleich, ob wir uns mit Wohnen, Gewerbe, Handel, Logistik, Hotels, Industrieimmobilien oder Mixed Use beschäftigen und ob wir im Bereich Projektentwicklung, Planen, Bauen, Materialproduktion, Betreiben, Finanzieren, Vermarkten, Sanierung oder Abriss tätig sind: Unsere Branche hat die Chance, aber auch die Verantwortung, den Wandel durch den Mut zur Innovation und den klugen Einsatz von Technologie mitzugestalten und Nachhaltigkeit dabei zur obersten Priorität zu machen. Und das nicht für ein gutes Image, sondern auch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Dass der Weg dahin mitunter weh tut, dass altgeliebte Machtstrukturen und Silos aufgebrochen werden müssen und dass herkömmliche Geschäftsmodelle überholt werden, wird unvermeidbar sein. In jeder Transformation liegen vor allem aber jede Menge Chancen.
Ein Beitrag von Sarah Schlesinger In dieser Rolle vernetzt sie gezielt etablierte Immobilienunternehmen, Proptechs und Wagniskapitalgeber miteinander und treibt digitale Geschäftsmodelle voran. Vor ihrer Zeit beim Blackprint Booster gründete und führte sie vier Jahre lang ein eigenes Proptech und arbeitete sechs Jahre für einen internationalen Shoppingcenter-Betreiber. 2019 wurde Schlesinger mit dem Deutschen Exzellenz-Preis in der Kategorie „Manager & Macher“ ausgezeichnet. immobilienmanager wählte sie zudem unter die Top 25 Frauen der Immobilienwirtschaft.