Blick in eine Einkaufsstraße
Nach der Neueröffnung soll die Gorkistraße wieder viele Flaneure und Käuferinnen in das Tegel Quartier locken. (Quelle: HGHI)

Standorte & Märkte 2023-01-30T07:58:55.428Z Straßen und Center im neuen Kleid

Berliner Eigentümer investieren, um ihre Einkaufsquartiere zukunftsfähig zu machen. Einige Ideen stoßen allerdings auf wenig Gegenliebe. Von Bianca Diehl

„Immer mehr Ladenschließungen, Umsatzrückgänge, Besuchermangel, Trostlosigkeit und Berlins peinlichste Fahrradrennstrecke.“ Was die Berlinerin Anja Schröder so beschreibt, ist die Einkaufsmeile Friedrichsstraße. Sie ist Sprecherin des Aktionsbündnisses „Rettet-die-Friedrichstraße“. „Seit August 2020 läuft das Modellprojekt „Autofreie Friedrichstraße“ im Herzen von Berlin: Auf einem rund 500 Meter langen Teilstück wurde der gesamte motorisierte Straßenverkehr – inklusive Busse, Taxen, Lieferverkehr und ähnliches verboten“, erklärt Marc Retzlaff, Senior Berater – Investment & Development bei Aengevelt. Ziele der Maßnahme sind, die Attraktivität der Friedrichstraße für Berliner und Touristen zu steigern, Gewerbe und Einzelhandel zu stärken sowie einen Schritt in Richtung autofreie Stadt zu gehen.

Allerdings ist die Sperrung der Friedrichstraße für den Autoverkehr hoch umstritten und wurde vom Berliner Verwaltungsgericht erstinstanzlich für rechtswidrig erklärt. Besonders hart treffe die Veränderung die Einzelhändler, meint Retzlaff: Lieferverkehr und (über-) regionale Kundschaft würden abgeblockt, Leerstände nähmen weiter zu.

Der Berater ist dabei gar nicht so sehr gegen die eigentliche Idee, sondern kritisiert die, seiner Meinung nach, mangelhafte Umsetzung: „Nach dem zweiten Weltkrieg wurden viele deutsche Städte im Zuge des Wiederaufbaus deutlich umstrukturiert und das neue Stadtlayout häufig auf das immer beliebter werdende Auto ausgelegt. Dies erneut umzuplanen, erfordert viel Zeit und ausgefeiltere Lösungsansätze als lediglich den motorisierten Verkehr zu verbannen“, beschreibt er. „Eine asphaltierte Straßen mit einigen Bänken und Beeten auszustatten, schafft noch keine Flaniermeile mit hoher Aufenthaltsqualität und auch nicht die Voraussetzung für einen dynamischen Einzelhandel.“ Wenn Pilotprojekte der Stadtplanung so unzureichend durchdacht seien, werde auch die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Mobilitätswende nicht funktionieren.

Fußgängerzone im alten Glanz

Nach Beobachtungen des Aktionsbündnisses sei aus der einst attraktiven Friedrichstraße statt einer autofreien Flaniermeile ein trostloses Stück Boulevard zwischen der Leipziger Straße und Unter den Linden geworden. Die ansässigen Einzelhändler und Gastronomen verzeichneten seither Umsatzrückgänge durch die Sperrung – schon 19 Geschäfte beziehungsweise Unternehmen hätten seit Beginn des Pilotprojektes die einst belebte Gegend verlassen. Die Bezirksverwaltung sieht das Projekt dagegen weitgehend als Erfolg an.

An anderer Stelle wurde gerade erst eine Flaniermeile revitalisiert: die Fußgängerzone Gorkistraße als Teil des Tegel Quartiers. 2018 hatte die HGHI den Grundstein für die Revitalisierung der seit 1972 bestehenden, 250 Meter langen Fußgängerzone Gorkistraße und der Markthalle gelegt. Auf insgesamt rund 90.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche entstanden etwa 36.000 Quadratmeter Retail- sowie 28.000 Quadratmeter Bürofläche. Harald Gerome Huth, Inhaber und Geschäftsführer HGHI Holding, stellte im Oktober im Rahmen der Einweihungsfeier fest: „Ich freue mich sehr, dass nach so langer Zeit die Fußgängerzone und somit die alte Straße, im neuen Glanz wiederhergestellt werden konnte. Auch wenn die Kosten unglaublich hoch waren, dürfte es sich für die Anwohner in Tegel lohnen, eine extrem qualitativ hochwertige neue Fußgängerzone im alten Glanz wiedererleben zu dürfen.“

Neueröffnung und Schließungspläne

Im Oktober eröffnete an der Gorkistraße auch eine neue Galeria-Filiale auf rund 10.000 Quadratmetern – und das, obwohl zeitgleich Unternehmenschef Miguel Müllenbach verkündete, 40 der deutschlandweit bestehenden 131 Kaufhäuser schließen zu müssen.

Und während im Tegel Quartier eine neue Filiale entstand, fürchten andere Berliner Standorte um ihr Überleben:  In der Stadt gibt es noch zwei Galeria-Kaufhof-Filialen – im Ring-Center und am Alex. Außerdem befinden sich sieben Galeria-Karstadt-Häuser am Hermannplatz, auf dem Tempelhofer Damm, an der Müllerstraße, auf dem Kurfürstendamm, an der Schloßstraße, der Wilmersdorfer Straße und auf der Carl-Schurz-Straße. Das Aus der Filiale an der Wilmersdorfer Straße im Jahr 2023 steht wohl schon fest. Auch der Standort am Leopoldplatz/Müllerstraße könnte Ende 2023 geschlossen werden.

Nicht nur Einkaufsstraßen, sondern auch -center erhalten in Berlin gerade ein neues Kleid. So revitalisiert Brookfield Properties die ehemaligen Potsdamer Platz Arkaden. Zur Neugestaltung gehört auch ein neuer Name: „The Playce“. Die Geschäfte öffnen bis Ende März 2023 wieder ihre Türen. Ergänzend dazu wird der öffentliche Raum umfassend umgestaltet, die – hier ebenfalls zu findende – Fußgängerzone soll bis 2025 fertiggestellt werden.

650 Millionen Euro in den ersten drei Quartalen 2022

Im Süden der Stadt überholte Real I.S. in Kooperation mit Unibail-Rodamco-Westfield das Forum Steglitz von Grund auf. Seit August präsentiert sich das ehemalige Shoppingcenter nun als Mixed-Use-Center mit Nahversorgungscharakter. Neben einem Edeka auf 4.000 und einen Bauhaus City-Konzept auf 2.000 Quadratmetern sowie zahlreichen anderen Händlern gibt es außerdem 10.000 Quadratmeter für Büros und ein Fitnessstudio im Obergeschoss.

Die Eigentümer investieren in diese Revitalisierungen große Geldsummen, um auch in Zukunft attraktiv zu bleiben. Rund 650 Millionen Euro legten Käufer auf den Tisch, die neue Retail-Objekte in Berlin in den ersten drei Quartalen 2022 erworben haben. Die Bruttospitzenrendite liegt bei 3,40 Prozent. Zum Vergleich: In München werden 3,20, in Düsseldorf 3,60 Prozent erreicht.

zuletzt editiert am 27. März 2023
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