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Gerald Darkow (Bild: BPD)

News 2020-11-16T00:00:00Z "Sehr sachlich und weniger emotional"

Wie funktioniert Bürgerbeteiligung in Zeiten einer Pandemie mit Kontaktbeschränkungen? Gerald Darkow von BPD hat es uns verraten und zieht eine positive Bilanz.

Gerade bei größeren Quartiersentwicklungen sind Prozesse der Bürgerbeteiligung nicht mehr weg zu denken. Seit Jahren füllen sich Turnhallen und Aulas der örtlichen Schulen mit interessierten Bürgern aus Nachbarschaft, Stadt oder Kommune, wenn Investoren und Entwickler sich daran machen, neue Quartiere zu schaffen. Aber wie funktioniert Bürgerbeteiligung eigentlich in Zeiten von Corona? Die BPD Immobilienentwicklung hat in Meerbusch bei Düsseldorf Erfahrungen mit einem (überwiegend) digitalen Prozess gemacht. Darüber sprachen wir mit Gerald Darkow, NRW-Gebietsentwickler von BPD.

Herr Darkow, wie haben Sie die Bürgerbeteiligung für ihre städtebauliche Entwicklung „Böhlerleben“ in Meerbusch aufgebaut?

Gerald Darkow : Wer Wohnungen baut, muss im Vorfeld wissen, für wen er diese baut. Unsere Marktforschung arbeitet deshalb seit einem guten Jahr mit der Zielgruppendatenbank MOSAIC. Kern unseres Ansatzes ist die Arbeit mit 17 Milieus. Sie beschreiben die Haushaltsstrukturen in Deutschland zwischen „Digitalen Jungakademikern“, „Baby-Boomern in stabilen Regionen“, „Geringverdienern auf dem Land“ und anderen Gruppen. Durch diese Betrachtungsweise erhalten wir wertvolle Einblicke, wer die zukünftigen Bewohner eines neuen Stadtviertels sind und welche Wohnbedürfnisse sie haben. Darüber hinaus führten wir mit 600 Personen im Großraum Düsseldorf Telefoninterviews zu ihren Wohnwünschen. In Vor-Corona-Zeiten haben wir für das Projekt noch eine dritte Stufe eingebaut, bei der eine kleine Teil-Gruppe direkt vor Ort das Gelände angeschaut und unter anderem mit Lego ihre Ideen modelliert hat. Aus diesem Wissen setzt sich für uns ein Gesamtbild zusammen, wir entwickeln die Vision und entscheiden über den Kauf eines Grundstückes.

Im April 2020 haben Sie den Städtebaulichen Wettbewerb gestartet. Der ebenfalls mehrere Phasen der Öffentlichkeitsbeteiligung vorgesehen hat – dieses Mal rein digital. Wie lief das ab?

Wir haben dazu eine spezielle Online-Plattform genutzt, auf der interessierte Bürger unter Einhaltung der Netikette von Beginn an ihre Ideen für das Projekt einbringen konnten. Das hat großen Anklang gefunden und erst daran anschließend haben die 15 beteiligten Architekturbüros ihre Entwürfe für das Gelände erarbeitet. Diese haben wir der Öffentlichkeit zurückgespielt und weiteres Feedback eingesammelt. Im dritten Schritt wurden die besten vier Entwürfe überarbeitet, bevor Ende Oktober die Wettbewerbsjury den Siegerentwurf gekürt hat.

Was hat die digitale von der herkömmlichen Vor-Ort-Beteiligung unterschieden?

Meinem Empfinden nach haben sich digital nicht ausschließlich extrovertiert veranlagte Bürger eingebracht – wie bei herkömmlichen Verfahren häufig üblich – sondern auch Personen, die sich sonst eher zurückhalten. Die Kommentierungen waren weniger emotional und häufig sehr sachlich und fachlich argumentiert. Die Anzahl der Beiträge war auf der letzten Stufe des Verfahrens sogar am größten.

Sie werden dieses Verfahren jetzt also öfter anwenden?

Für ähnlich große Entwicklungsgebiete machen wir das. Aktuell läuft es beispielsweise bereits für unser Projekt „Buntekuh“ in Lübeck. Diese umfassende und offene Art der Beteiligung hilft nicht nur ein marktfähiges Angebot zu schaffen, sondern schafft auch Akzeptanz direkt am Standort. Das geht weit über früher übliche reine Vermarktungsanalysen zu Konkurrenzprojekten und Preispotenzial hinaus.

Wie gehen Sie mit den Erwartungen der Bürger um? Nur ein Bruchteil der Vorschläge aus Beteiligungsverfahren lässt sich am Ende auch umsetzen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Deshalb muss man sehr viel, sehr früh und umfassend kommunizieren. Wir tun das über eine eigene Website, einen Newsletter und einen festen Ansprechpartner. Das ist sehr aufwendig, aber es lohnt sich. Und die Kommunikation ist mit der Bekanntgabe des Siegerentwurfs keineswegs beendet. Wir werden den Entwurf auf den genannten Kanälen den Bürgern vorstellen und die Entscheidung der Jury begründen.

Wie ist der weitere Zeitplan für das Projekt?

Im Jahr 2022 soll es Baurecht für „Böhlerleben“ geben, so dass abschnittsweise voraussichtlich zwischen 2023 und 2026 der Bau- und Vermarktungsstart erfolgen kann. Die Wohngebäude errichten wir selbst, die vorgesehen gewerblich genutzten Flächen verkaufen wir vorher. Insgesamt sind 400 Wohneinheiten und 50.000 Quadratmeter für Büro und Handel vorgesehen.

Das Gespräch führte Markus Gerharz.

zuletzt editiert am 31. Mai 2021
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