Quartiersentwicklung-Thesen-Hennig
Der Trend zur Urbanisierung erfordert durchdachte Lösungen für das knappe Gut Fläche in der Stadt.

Projekte 2019-04-23T00:00:00Z Sechs Thesen zur Quartiersentwicklung

Eine Renaissance der Städte: Sechs Thesen zur Quartiersentwicklung aus Sicht der Wissenschaft.

These 1: Megatrends verändern unsere Städte und erfordern ein Neu-Denken der Stadtentwicklung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die autogerechte Stadt lange Zeit als Leitbild für den Wiederaufbau zerstörter Strukturen. Entsprechend groß war der Anteil der Fläche, den man dem fließenden wie auch dem ruhenden Verkehr zuordnete. Dieser Trend hat sich umgekehrt, das Auto verliert in der Stadt buchstäblich an Boden. Autofreie Quartiere oder gar Innenstädte, den Verkehr beruhigende Maßnahmen, die Verteuerung von Parkraum oder dessen Reservierung für Anwohner machen die Nutzung des privaten Pkw zunehmend unattraktiv. Fahrräder, öffentliche Verkehrsmittel, aber auch neue Formen der „geteilten“ Autonutzung wie das Car-Sharing oder der Berlkönig, ein von den Berliner Verkehrsbetrieben angebotenes Sammeltaxi, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Für die Quartiere bedeutet das weniger Emissionen und mehr anderweitig nutzbare Flächen. Die Verdrängung des großteiligen Einzelhandels eröffnet neue Nutzungsmöglichkeiten für Kaufhäuser und Tiefgaragen – beispielsweise für Logistik oder die Produktion von Gütern mit 3D-Druckern.

These 2: Unsere Städte drohen ihre Hauptfunktionen zu verlieren: Lebensqualität und Austausch.
Ursprünglich dienten Städte dazu, ihren Bürgern einen geschützten Raum für ihre Aktivitäten bereitzustellen. Die Entwicklung des Handwerks, des Handels und der Wissenschaften wären ohne diese Räume nicht möglich gewesen. Menschen unterschiedlichster Profession und sozialer Zugehörigkeit können sich in der Stadt auf hoch verdichtetem Raum und in einem geordneten Rahmen austauschen, miteinander handeln und kommunizieren. Anonyme großstädtische Umfelder erschweren diesen Austausch. Von Kapitalanlegern getriebene Boden- und Immobilienpreise verdrängen einkommensschwächere Bevölkerungsschichten, die im Gefüge der Stadt unverzichtbare Funktionen ausüben – vom Taxifahrer bis zum einfachen Polizeibeamten. Zudem müssen wir über den Tellerrand hinaussehen. Heute leben 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, Tendenz steigend. Die Urbanisierung als Megatrend wirkt sich in alternden Gesellschaften Europas anders aus als in den asiatischen und afrikanischen Megastädten und ihren oft informell entstehenden Strukturen und Erweiterungen. Aber auch in den florierenden Städten Deutschlands und Europas wird es zunehmend enger. Der Trend zum „Co“ – Co-Living, Co-Working, Co-Gardening – lässt sich auch als angemessene Reaktion auf die Verknappung von Flächen deuten, ist aber wohl in erster Linie Ausdruck eines neuen Wertempfindens und neuer Lebensentwürfe. Die Städte begegnen dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum gern mit Modellen, die Bauherren zu einem festgelegten Anteil an Sozialwohnungen und preisgedämpften Wohnangeboten verpflichtet. Typisch ist der sogenannte Drittelmix. Die Folge sind günstige, für einkommensschwache Haushalte reservierte Wohnungen auf der einen und hochpreisige Wohnungen auf der anderen Seite. Die Mittelschicht findet in dieser Konstellation kein bezahlbares und angemessenes Angebot mehr.

These 3: Ohne Raumqualität keine Lebensqualität.
Die Raumqualität gehört zu den wohl am häufigsten vernachlässigten Themen im Neubau. Aber ohne sie entsteht auch keine Lebensqualität, weder in Wohn- noch in Arbeitsräumen. Das Prinzip der „healthy architecture“ lässt sich auf Quartiere ausweiten: Lärm, Emissionen, klimatische Belastungen, zu hohe Nutzungsdichten und ein Mangel an öffentlich zugänglichen Ruhe- und Erholungszonen erhöhen das Stresslevel. Dies erforscht Dr. Mazda Adli, Psychiater an der Berliner Charité in dem Gebiet der Neurourbanistik. Ein negatives Beispiel bietet Hongkong – einschlägigen Rankings zufolge eine der lebenswertesten Städte der Erde, aber auch eine Stadt mit einer der höchsten Suizidraten weltweit. Städte können krank machen – daher braucht es klug konfigurierte Stadträume als Benchmark der gesunden Stadt. Das Urban Land Institute hat mit den „Ten Principles for Building Healthy Places“ einen für alle Beteiligten sehr nützlichen Leitfaden geschaffen, um zu besseren Quartieren und Stadträumen zu kommen.

Europahafenkopf-Vorplatz-by-Cobe-Architects
Der Europahafenkopf in Bremen ist ein Beispiel für eine qualitätvolle Quartiersentwicklung, die Wohnen und Arbeiten kombiniert. Der Bau hat Mitte Februar begonnen (Foto: Cobe Architects)

These 4: Das Phänomen der modernen Verslumung steht vor unserer Tür.
Attraktive Städte wachsen, aber ohne qualitativ angemessene Konzepte und ohne die Integration und Interaktion unterschiedlicher sozialer Schichten führt dieses Wachstum schnell auch zur Bildung von segregierten Slums oder slum-ähnlichen Vierteln. Als abschreckende Beispiele sollten uns nicht nur die weder sozial noch ökonomisch oder ökologisch funktionsfähigen Megacities in Afrika und Lateinamerika dienen, sondern auch die Banlieues von Paris. Nach Angaben von UN Habitat wächst die Rate der Verslumung weltweit jährlich um zehn Prozent! An einem Ende dieses Prozesses stehen die Ausbreitung von Kriminalität, Gewalt und sozial motiviertem Protest, am anderen Gentrifizierung und Verdichtung.

These 5: Interdisziplinäre und moderierte Entscheidungsprozesse sind die Grundlage für eine qualitätvolle Quartiersentwicklung.
Auch an dieser Stelle spielt das oben erwähnte „Co“ eine überragende Rolle – als Co-Creation. In die Gestaltung und Konzeption von Quartieren müssen nicht nur die Entscheider und Experten auf Seiten der öffentlichen Hand und auf Seiten der privatwirtschaftlichen Akteure einbezogen werden. Gelungene Stadtentwicklung verlangt ein Höchstmaß an Expertise, aber auch die Einbindung aller Stakeholder. Auch die bestehenden und künftigen Nutzer, Anwohner und die Stadtgesellschaft sollten am Dialog beteiligt werden. Nur so können wir Quartiere entwickeln, die über die architektonischen, nachhaltigen und ökonomischen Qualitäten hinaus einen funktionierenden und akzeptierten Rahmen aufweisen. Beispielgebend können hier die Entwicklung des Europahafenkopfs in Bremen oder die Rekonstruktion des Dresdener Neumarktes stehen. In beiden Fällen spielte die Moderation von Vorhaben der Stadtentwicklung „outside the box“ eine wichtige Rolle.

These 6: Quartiere sind keine „eierlegende Wollmilchsau“ – oder doch?
In einem Gedicht von Kurt Tucholsky von 1927 heißt es: „Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – aber abends zum Kino hast dus nicht weit.“ Ein Quartier kann nicht alles bieten. Aber es sollte auf die verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeiten und Wohnen mit innovativen neuen Konzepten reagieren. Die Planung sollte bereits adaptieren, dass sich Städte und Quartiere notwendigerweise verändern. Eine Best Practice lässt sich entwickeln, wenn wir Worst-Case-Beispiele ebenso ernst nehmen wie Best-Case-Leuchttürme. Der Gesetzgeber hat für die Schaffung von Quartieren mit dem Urbanen Gebiet (BauNVO Paragraf 6a) den Raum für Kreativität geöffnet. „Urbane
Gebiete dienen dem Wohnen sowie der Unterbringung von Gewerbebetrieben und sozialen, kulturellen und anderen Einrichtungen, die die Wohnnutzung nicht wesentlich stören. Die Nutzungsmischung muss nicht gleichgewichtig sein.“ Doch die Frage bleibt, ob ein neuer Gebietstyp das schaffen kann, was ein Quartier ausmacht: Identität.

Am Ende von Tucholskys Ideal steht: Dass einer alles hat: das ist selten. Perspektivwechsel: Versuchen wir, die Stadt und das Quartier durch die Augen von Kindern und Senioren zu sehen. Die Stadt und ihre Quartiere haben für die Menschen da zu sein, die dort leben. Deshalb muss der Mensch mit seinen unterschiedlichen Bedürfnissen und Perspektiven, aus Kindesaugen oder aus dem Blickwinkel der „Silver Society“, immer der Ausgangspunkt für die Planung und für die Architektur sein. In seinem Dokumentarfilm „The Human Scale“ hat Jan Gehl diesen Bottom-Up-Ansatz verinnerlicht – was braucht der Mensch zum Leben?

Autoren: Professor Dr. Kerstin Hennig ist Leiterin des EBS Real Estate Management Institute, Katharina Johanna Oetken ist Doktorandin Real Estate an der EBS und Julia Erdmann ist Architektin und Gründerin des Netzwerks JES (Julia Erdmann Socialtecture).

zuletzt editiert am 31. Mai 2021
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