(Bild: Felix Mittermeier/Pixabay)
(Bild: Felix Mittermeier/Pixabay)

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27. September 2021 | Teilen auf:

Pragmatische Lösungen gefordert

Deutschland hat gewählt. Welche Auswirkungen hat das Ergebnis auf die Immobilienwirtschaft und welche Erwartungen verbinden führende Branchenvertreter mit der nächsten Bundesregierung?

Zur Bundestagswahl äußern sich Jens Nietner, Geschäftsführer der HIH Real Estate, Francesco Fedele, CEO der BF.direkt AG, Jacopo Mingazzini, Vorstand The Grounds Real Estate Development AG, Einar Skjerven, Geschäftsführer Skjerven Group, Rainer Schorr, Geschäftsführer der PRS Family Trust, und Marko Broschinski, Geschäftsführer des Ökosystem-Anbieters Easol.

Klimaschutz, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit von hoher Bedeutung

Jens Nieter (Bild: HIH)

„Das Ergebnis der Bundestagswahl hat gezeigt, dass Klimaschutz, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit eine große Bedeutung für die Menschen in Deutschland haben“, resümiert Jens Nieter, Geschäftsführer der HIH Real Estate. „Wir gehen davon aus, dass in Folge die Maßnahmen für den Klimaschutz verstärkt werden. Das ist auch dringend notwendig, um den Klimaschutzplan der Bundesregierung einzuhalten und die Klimaneutralität des Gebäudebestandes in Deutschland zu erreichen. Vor dem Hintergrund der Debatte um bezahlbare Mieten rechnen wir damit, dass die Regulierung auf dem Mietwohnungsmarkt weiter zunimmt. Als einer der großen Akteure stehen wir jederzeit für einen Dialog mit der Politik bereit, denn die Probleme auf dem Mietwohnungsmarkt können nur im Schulterschluss mit der Bau- und Immobilienbranche gelöst werden.“

Erleichterung: "Rot-Rot-Grün keine Option"

Francesco Fedele (Bild: BF.direkt)

„Aus meiner Sicht ist eine Koalition aus SPD, Bündnis 90 / Die Grünen und FDP als nächste Bundesregierung am wahrscheinlichsten. Es handelt sich dabei zwar nicht um meine Wunschkonstellation, aber ich bin zunächst einmal froh, dass Rot-Rot-Grün keine Option ist“, erklärt Francesco Fedele, CEO der BF.direkt AG. „Meiner Meinung nach können von einer Ampel-Bundesregierung wichtige Impulse ausgehen. Der Blick in das Wahlprogramm von SPD, Grünen und FDP zeigt wenig überraschend, dass die Vorstellungen der FDP auf der einen Seite und der Grünen auf der anderen Seite in Bezug auf die Immobilienwirtschaft, insbesondere die Regulierung des Wohnungsmarktes sehr unterschiedlich ausfallen. Die Rolle der FDP wird dabei sein, zu viel Regulierung zu verhindern und auf pragmatische Kompromisse hinzuarbeiten. Beispielsweise wollen SPD und Grüne die Mietpreisbremse verschärfen und entfristen, die FDP diese hingegen abschaffen. Außerdem wollen SPD und Grüne Mieterhöhungen begrenzen: die SPD auf die Inflationsrate, die Grünen hingegen auch bei energetischer Sanierung auf 1,50 pro Quadratmeter, um warmmietenneutrale Mieterhöhungen zu erreichen. Die FDP will hingegen sozial schwache möglichst mit Wohngeld und erst ersatzweise mit Sozialwohnungen fördern. Es gibt aber nicht nur Gegensätze: Beispielsweise wollen beide den Eigentumserwerb für Selbstnutzer durch niedrigere Grunderwerbsteuer erleichtern. Es bleibt spannend, wie sich die drei Parteien in Bezug auf die Immobilienthemen einigen werden und welche Kompromisse gefunden werden.“

Pragmatismus löst anstehende Probleme

Jacopo Mingazzini (Bild: The Grounds)

„Das wichtigste Ergebnis der Bundestagswahl ist sicherlich, dass die Wählerinnen und Wähler Rot-Grün-Rot auf Bundesebene klar verhindert haben“, meint auch Jacopo Mingazzini, Vorstand der The Grounds Real Estate Development AG. „Bei allen anderen möglichen Koalitionen bin ich optimistisch, dass eine Beteiligung der FDP für den notwendigen Pragmatismus bei der Lösung anstehender Probleme sorgen und zu Ergebnissen führen wird, die für die Wirtschaft auch verträglich sind. Bemerkenswert war gestern neben der Wahl, dass Heimstaden parallel zum Ergebnis des Volksentscheids über die Enteignung großer Wohnungsbestandshalter in Berlin mehr als 17.000 Wohnungen kauft, und dass das von finanzierenden Banken ebenso mitgetragen wird wie vom Aufsichtsrat. Das zeigt, dass die Akteure aus der Immobilienwirtschaft sich davor nicht fürchten. Vielmehr sind sie sich dessen bewusst, dass für das Ziel des Volksentscheides und dessen Umsetzung kein verfassungsmäßiges Szenario denkbar ist. Mit Blick auf die Wahl in Berlin bleibt zu hoffen, dass sich starke pragmatische Kräfte in der SPD durchsetzen und eine Wende hin zu einer konstruktiven Wohnungspolitik ermöglichen, beispielsweise durch die Bildung einer neuen Regierungskoalition.“

Skjerven pro Laschet

Einar Skjerven (Bild: Skjerven Group)

„Die CDU ist die Verliererin der Wahl und könnte doch am Ende den Kanzler stellen, was ich sehr begrüßen würde“, so Einar Skjerven, Geschäftsführer Skjerven Group. „Dass nicht immer die stärkste Partei die Regierung führen muss, ist ein Gedanke, an dem man sich in Deutschland erst gewöhnen muss. Jetzt geht es um die Frage, wer das Bündnis mit der breitesten Mehrheit am besten managen kann.“

FDP muss Chance wahrnehmen

Rainer Schorr (Bild: PRS Family Trust)

„Deutschland, der Hort der Stabilität, ist zu einem Land mit wechselnden politischen Mehrheiten geworden“, sagt Rainer Schorr, Geschäftsführer der PRS Family Trust. „Das bedeutet eine große Verantwortung für die handelnden Personen. Aber eben auch ein höheres Maß an Variabilität. Wenn die FDP die ihr gegebene Chance jetzt wahrnimmt, bleiben der Immobilienwirtschaft viele regulatorische Zumutungen erspart. Im Sinne des für den Wohnungsbau erforderlichen Schubs, wäre dies nur zu begrüßen.“

Digitalisierung endlich auf der Agenda

Marko Broschinski (Bild: Easol)

„Für die digitalen Dienstleister in der Immobilienbranche ist der Wahlkampf bereits ein Erfolg gewesen – unabhängig von der künftigen Regierung“, kommentiert Marko Broschinski, Geschäftsführer des Ökosystem-Anbieters Easol. „Denn Digitalisierung ist nun endlich auf die Agenda aller etablierten Parteien gelangt: flächendeckendes schnelles Internet über Breitbandausbau, weniger bürokratische Hürden für Startups und mehr staatliches Kapital für die Digitalwirtschaft finden sich in allen Programmen. Da die Parteien auch Nachhaltigkeit unisono priorisieren, bin ich zuversichtlich, dass die neue Bundesregierung ihren Einfluss in Europa nutzen wird, rasch verbindliche ESG-Standards auf den Weg zu bringen. Klare Kriterien auf diesem Feld werden einen entscheidenden Beitrag für die zu entwickelnden Datenstandards leisten.“