In der Corona-Krise zeigen sich Widersprüche bei Stadtentwicklung und Wohnsituation.
Die Deutschen rücken enger zusammen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln hat berechnet, dass der Anteil an Mieterhaushalten, die pro Person weniger als einen Raum zur Verfügung haben, seit rund zehn Jahren stetig steigt. 2008 lag der Wert bei zehn Prozent, 2018 erreichte er 14 Prozent. Dieser Trend schlägt sich auf die Wohnfläche pro Kopf nieder: In den Großstädten ist sie rückläufig.
Die hohen Mieten und Kaufpreise, die in den Big-Seven-Städten aufgerufen werden, haben dazu geführt, dass Projektentwickler dort „kompaktere“ Grundrisse umsetzen: kleinere Wohnflächen, aber mehr Räume.
In der Stadtentwicklung hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass Nachverdichtung ein Mittel der Wahl ist, um die Wohnungspreise nicht weiter explodieren zu lassen. Auch der Begriff der „Stadt der kurzen Wege“ gehört in diesen Zusammenhang. Dazu kommt: Wer den Flächenverbrauch in Deutschland reduzieren will, muss innerhalb der Stadtgrenzen in die Höhe bauen und die Suburbanisierung vermindern.
All dies kann nun, unter dem Eindruck der Krankheitswelle, hinterfragt werden. Abstand zu seinen Mitmenschen erreicht derjenige am besten, der in seinem Einfamilienhaus sitzt. Dort oder auch in einer geräumigen Wohnung lässt sich die Distanz- und Quarantänezeit besser aushalten als in einem kleinem Apartment und einem Wohnblock mit vielen Nachbarn.
In der Blütezeit des Homeoffice kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Der Weg zur Arbeit verliert an Bedeutung, aber ein kleines, zusätzliches Zimmer wird wichtiger. Dies „könnte die Wohnungswahl in Zukunft beeinflussen“, gibt IW-Immobilienexperte Pekka Sagner zu bedenken. Mehr Wohnfläche lässt sich jenseits der Stadtgrenzen eher finanzieren als in den teuren Metropolen, sodass der Trend zum Zuhause-Arbeiten der Suburbanisierung einen weiteren Schub geben könnte.
Autorin: Roswitha Loibl