Unsere Redakteurin Roswitha Loibl im Gespräch mit João Pedro Santos, Head of Conceptual Design & Architecture bei Reify, einer Marke von Sonae Sierra. Das Interview finden Sie am Ende seines Gastbeitrags. (Bild: immobilienmanager/Youtube)
Unsere Redakteurin Roswitha Loibl im Gespräch mit João Pedro Santos, Head of Conceptual Design & Architecture bei Reify, einer Marke von Sonae Sierra. Das Interview finden Sie am Ende seines Gastbeitrags. (Bild: immobilienmanager/Youtube)

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06. December 2021 | Teilen auf:

Neue Nachbarschaften: Alles in einem

João Pedro Santos von der Sonae-Sierra-Tochter Reify teilt im Gespräch mit immobilienmanager - und mit einem Meinungsbeitrag - seine Gedanken zum Thema Quartiersentwicklung.

Die Pandemie, die wir alle erleben, hat unser normales Leben unterbrochen. Sie zwingt uns zum Nachdenken, über das, was falsch und was richtig ist und über das, was wir wollen und was wir nicht wollen. Es ist ein Moment des Innehaltens, in dem wir uns fragen: Warum machen wir Dinge so und nicht anders? Es ist wahr, unser Leben verändert sich ständig, aber die zu Grunde liegenden Gewohnheiten sind in den letzten 70 Jahren gleichgeblieben.

So war in den 1950er Jahren das Ideal der modernen Gesellschaft der Familienvater, der morgens mit dem Auto zur Arbeit fährt und am Ende des Tages zu Frau und Kindern nach Hause zurückkehrt. Dieses Ideal fand sich, mit einigen Anpassungen, in der ganzen Welt wieder.

Pendlergesellschaften bestehen aus täglichen chaotischen Pendlerströmen, die unsere Städte und ihr Umland verstopfen. Jeden Tag machen wir uns wieder auf diesen Weg, auch wenn sich unser Leben stark verändert hat. Die Digitalisierung hat uns eine neue Welt eröffnet. Die Globalisierung nimmt an Tempo auf. Und trotzdem haben wir diese neue Welt und ihre großen Möglichkeiten noch nicht vollständig begriffen.

Wir gehen immer noch jeden Tag ins Büro. In Büros, die das Leben von Menschen so effizient im Raum organisieren wie in Lagerhäusern. Es stellt sich die Frage nach dem Warum, denn zwingend notwendig ist all das nicht. Wir haben es in der Hand.

Neue städtische Strukturen schaffen

Mit der Hilfe von Smartphones können wir mit Menschen auf der anderen Seite der Erde virtuell in Verbindung treten, wo wir wollen und wie wir wollen, ob im Beruf, in der Freizeit oder sogar in der Familie.

Aber dies reicht nicht aus. Warum ist das so? Weil die physische Präsenz und der direkte Kontakt zum Gegenüber fehlen. Genau das spüren wir auch während der Pandemie. Es ist möglich, auf Distanz zu arbeiten, mit mehr oder weniger Erfolg. Aber vielen von uns ist das zu einsam. Als menschliches Wesen brauchen wir sozialen Kontakt und Geselligkeit.

Deshalb ist es notwendig, neue städtische Strukturen für die Generationen, die im digitalen Zeitalter geboren wurden, zu schaffen. In vier Jahren, im Jahr 2025, werden 75 Prozent der Berufstätigen im digitalen Zeitalter geboren sein. Sie haben alle Mittel, um ihre Lebenseinstellungen zu ändern. Das geschieht bereits: Das Bedürfnis nach Eigentum wird immer geringer. Das Ziel dieser Generation ist es, Erfahrungen zu machen, lebendige Erfahrungen. Alles ist viel flüchtiger. Im alltäglichen Familienleben, aber auch im Beruf, so wird es etwa nicht mehr den Job fürs Leben geben.

Das Leben zu Hause

Erstrebenswert ist das, was man lebt, und nicht, was man hat. Dies hat Folgen für alle Bereiche der Wirtschaft, auch für den Immobiliensektor. Die junge Generation braucht keinen Führerschein, denn es ist viel effizienter, einen Dienst von Uber zu nutzen, als Autos selbst zu fahren.

Dies führt dazu, dass weniger Autos benötigt werden, was eine wesentliche Veränderung in der Wertschöpfungskette bis hin zu den Rohstoffen bedeutet. Lange Anfahrten zum Arbeitsplatz sind nicht mehr zwingend notwendig, denn dank der neuen Technologien ist alles näher. Dies wird zu einem kleineren ökologischen Fußabdruck führen. Ja, das ist wahr!

Die neue Generation setzt sich, ohne es zu merken, für ein besseres Leben auf unserem Planeten ein. Aber wird dies das Ende aller wirtschaftlichen Tätigkeiten, wie wir sie kennen, sein? Nein, wir werden nur Transformationen und Anpassungen an diese neue Umgebung sehen.

Die vielgepriesene 15-Minuten-Stadt

In dieser neuen Raumordnung sollten wir in viel weniger Zeit alles in unserer Reichweite haben. Dabei ist die neue Mobilität sanfter, denn wir bewegen uns mit Scootern und Fahrrädern fort oder gehen zu Fuß. Es gibt keinen Platz für Umwelt verschmutzende Verkehrsmittel, vor allem nicht für den Individualverkehr, der Platz in Anspruch nimmt und zu Verkehrsbelastungen führt. Dienstleistungen sind in der unmittelbaren Nachbarschaft, Logistik und Digitalisierung sorgen für weitere Distanzverringerung. Dabei herrscht überall das menschliche Maß vor. Die Wahrnehmung und die Aneignung des Raums sind für seinen Erfolg von grundlegender Bedeutung.

Mit der Pandemie hat die Umwelt einen noch größeren Stellenwert in unserem Leben eingenommen. Wir alle brauchen einen Park im Betondschungel, einen Balkon im Grünen, die Natur bei uns.

Die neue Generation schätzt das Teilen, und das zeigt sich in der neuen Nachbarschaftsphilosophie, sei es im Raum oder in der Verbindung zu allem, was ihn umgibt. Diese Synergieeffekte tragen dazu bei, das Ökosystem dieser Räume noch mehr aufzuwerten.

Nachhaltigkeit, ein seit langem verwendetes Schlagwort, ist da und wird bleiben. Aber wir schaffen Räume für Menschen. Für Menschen, die lebendige Wesen sind, mit Bedürfnissen, die sich ständig ändern. Diese Räume müssen sich also auch an diese Bedürfnisse anpassen. Die Gebäude müssen vielseitig sein. Anpassungsfähig an neue Verwendungszwecke. Dasselbe gilt für den öffentlichen Raum. Flexibilität ist die Devise. Diese neuen Stadtteile müssen wie lebendige Wesen behandelt werden. Ständig im Wandel. Sie passen sich den Wünschen ihrer Nutzer an. Und das alles, ohne ihre eigene Kultur zu vergessen. Die Kultur, die sich aus dem Ort ergibt, aus der Individualität der diesem Raum innewohnenden Werte.

Aber sind wir in unserem Dorf? Nein! Wir gehören auch zu dem virtuellen globalen Dorf, das es uns erlaubt weiterzugehen. Die Zukunft ist hell.

Ein Beitrag von João Pedro Santos, Head of Conceptual Design & Architecture bei Reify, einer Marke von Sonae Sierra.

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zuletzt editiert am 07.12.2021