DGNB, Leed, Breeam: Manche Immobilie ist mit Nachhaltigkeitszertifikaten behangen wie Fußballspieler mit Werbelogos. Sinn und Zweck der Plaketten ist eigentlich etwas anderes.
Die Nachhaltigkeitszertifizierung von Gebäuden hat sich in der Immobilienwirtschaft längst etabliert. Die Frage ist oft nicht mehr, ob zertifiziert werden soll, sondern nach welchem System. Das ist einerseits positiv für nachhaltiges Bauen. Schließlich zeigt es, dass viele Investoren verstanden haben, dass in Zeiten globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel und der Ressourcenknappheit nachhaltiges Bauen eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, bei der ihnen eine zentrale Rolle zukommt.
Nachhaltiges Bauen: Wert des Zertifizierungsprozesses gerade in früher Planungsphase
Es birgt aber auch ein Problem in sich, wenn die verschiedenen Labels mit ihren unterschiedlichen Themenschwerpunkten und inhaltlichen Anforderungen nicht mehr differenziert werden. Damit rückt das eigentliche Ziel einer Zertifizierung in den Hintergrund. Denn es sollte nicht darum gehen, dass möglichst viele Plaketten den Eingangsbereich eines „Green Buildings" schmücken. Es geht darum, dass nachweislich bessere, qualitätsgesicherte Gebäude gebaut werden.
Als Planungs- und Optimierungstool soll ein Zertifizierungssystem dazu motivieren, sich intensiv mit der Bauaufgabe zu beschäftigen und das Gebäude mit Blick auf den gesamten Lebenszyklus optimal zu gestalten. Es soll allen am Bau Beteiligten helfen, eine ganzheitliche Qualität in Planung, Bau und Betrieb umzusetzen. Damit verbunden ist eine hohe Zukunftssicherheit durch die präventive Reduktion von vermeidbaren, kostenintensiven Risiken.
Nachhaltiges Bauen nicht nur als Marketing-Effekt
Der Zertifizierungsprozess selbst dient der unabhängigen, transparenten Qualitätskontrolle. In diesem Sinne ist das Zertifikat am Ende der verdiente Lohn einer intensiven Auseinandersetzung mit den vielfältigen Themen des nachhaltigen Bauens. Dass diese Auszeichnung dann auch als Vermarktungsinstrument genutzt werden kann und soll, ist richtig und wichtig. Wer die marketinggetriebenen Aspekte aber allein in den Fokus stellt, übersieht die Mehrwerte, die eine Zertifizierung bringen kann.
DGNB belohnt Innovationen
Mit der neuesten Weiterentwicklung ihres Systems in der Version 2018 stellt die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) diesen Wert von Zertifizierung noch stärker als je zuvor in den Fokus. Zu den wesentlichen Weiterentwicklungen des DGNB Systems zählt die gezielte Förderung neuer, innovativer Lösungen.
So wurden bei rund der Hälfte der Kriterien sogenannte Innovationsräume implementiert, die Architekten und Planern die notwendige planerische Freiheit geben, um innovative Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Neuartige Lösungsansätze können damit im Rahmen der Zertifizierung in gleicher Weise berücksichtigt werden wie bestehende, sofern sie nachweislich zum selben oder besseren Ergebnis führen.
In eine ähnliche Richtung zielen die neu eingeführten Boni, die in einer Vielzahl von Kriterien integriert wurden. Ob mit Bezug zu den Themen der Circular Economy oder den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen: Wer mit Blick auf die Ressourcen und den Klimaschutz sinnvoll mehr macht, für den gibt es 22-mal die Möglichkeit, Pluspunkte beim Zertifizierungsergebnis zu erzielen. Damit setzt die DGNB neue Maßstäbe im Kontext der Gebäudezertifizierung im internationalen Vergleich. So explizit und konsequent wurden neuartige, ganzheitliche Lösungsansätze zu wichtigen Zukunftsthemen wie der Circular Economy bislang noch nicht gefördert.
Anpassungen innerhalb der Zertifizierungskriterien
Auch innerhalb der Kriterien wurde der Mehrwert einer frühzeitigen, integralen Planung über eine höhere Gewichtung hervorgehoben – so etwa bei der Ökobilanzierung und der Lebenszykluskostenrechnung, den Kriterien mit dem größten Anteil an der Gesamtbewertung bei der DGNB. Hier wird belohnt, wer schon zu Beginn der Planung über Variantenrechnungen die für das Projekt geeigneten Entscheidungen trifft.
Ein zentrales Anliegen der DGNB ist es, dass Dinge nicht nur gemacht oder dokumentiert werden, weil es die Zertifizierung so vorschreibt. Es geht darum, über eine gute Planung eine ganzheitlich höhere Qualität für das individuelle Projekt zu erreichen. Dazu gehört auch der Blick über die Grenzen des Gebäudegrundstücks hinaus. Neben der Einbindung von Themen wie Lichtverschmutzung hat die DGNB auch die vier Kriterien der Standortqualität ganz neu in die Gesamtbewertung mit aufgenommen. Positiv bewertet wird zum Beispiel, wenn das Gebäude einen Beitrag für das Quartier leistet, etwa im Bereich der Energieversorgung, aber genauso wenn es die Gegebenheiten im Quartier auf geeignete Weise in der Gebäudeplanung selbst berücksichtigt.
Auch die Anschlussfähigkeit an die Phase des Gebäudebetriebs hat die DGNB im System strukturell verankert. Mit der „FM-gerechten Planung" und der „Nutzerkommunikation" setzen gleich zwei neue Kriterien genau hier an, damit das im Neubau angelegte Nachhaltigkeitspotenzial in der praktischen Nutzung auch tatsächlich ausgeschöpft wird. Überhaupt wurden die Themen der Prozessqualität, die maßgeblich dazu beitragen, die Gebäudequalität über alle Phasen hinweg zu gewährleisten, insgesamt aufgewertet.
Aktive Auseinandersetzung mit Anforderungen und Kritik aus dem Markt
Das neue DGNB System ist das Ergebnis eines umfassenden Partizipationsprozesses. So hatte die DGNB ihr neues Zertifizierungssystem für Experten aus allen Bereichen der Bau- und Immobilienbranche zur Kommentierung bereitgestellt. Über 550 Anmerkungen wurden geprüft und bearbeitet. Zusätzlich gab es eine umfassende Beschäftigung mit kritischen Stimmen aus dem Markt zum bisherigen DGNB System, etwa zu dessen praktischer Anwendbarkeit. Das Ergebnis ist eine Form der Nachhaltigkeitszertifizierung, die gezielt auf die Bedürfnisse der Anwender abgestimmt ist und die Zukunftsfähigkeit von Gebäuden mehr denn je fördert.
Autor: Felix Jansen ist Leiter Kommunikation der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen - DGNB e.V.
