Die aktuelle Expertenumfrage der Berlin Hyp "Trendbarometer" stand diesmal unter dem Fokusthema Nachhaltigkeit, das zunehmend essenziell für die Branche ist.
Die Immobilienbranche ist sich einig: Ohne Berücksichtigung des Nachhaltigkeitsaspekts geht es nicht mehr, so jedenfalls die überwiegende Mehrheit der Umfrageteilnehmer - mehr als 230 Immobilienexperten aus dem In- und Ausland: Für 92 Prozent der Befragten ist Nachhaltigkeit wichtig bis sehr wichtig. Lediglich für acht Prozent ist dies ein eher untergeordnetes Thema, nämlich eher unwichtig bis unwichtig. Die Nachhaltigkeit ist also in der Immobilienbranche endlich angekommen. Allerdings muss der Nachhaltigkeitsgedanke nun auch mit Leben gefüllt werden, sind doch schätzungsweise ein Drittel der globalen CO2-Emissonen unmittelbar oder mittelbar Gebäuden und deren Betrieb zuzurechnen.
Zertifizierung wird immer wichtiger
Die Zahl der als nachhaltig zertifizierten Gebäude ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen und wird nach Einschätzung nahezu aller Marktteilnehmer weiter zunehmen. Zertifikate werden in der Immobilienbranche grundsätzlich als sinnvoll angesehen und häufig auch von Mietern verlangt. Für Ratingagenturen und andere Stakeholder sind sie mitunter die erste und manchmal auch einzige Möglichkeit, etwas über den Nachhaltigkeitsstandard eines Gebäudes zu erfahren. Dies spiegelt auch unser Umfrageergebnis wider: Für 71 Prozent der Befragten ist eine nachhaltige Zertifizierung von Immobilien wichtig bis sehr wichtig. Dem gegenüber stehen 28 Prozent, die eine nachhaltige Zertifizierung für eher unwichtig bis unwichtig erachten. Lediglich ein Prozent kann keine Angaben machen.
Taxonomiekonformität als wichtiges Vermarktungsargument
Die Anwendung der Taxonomie ist freiwillig, sofern Investments nicht ausdrücklich als nachhaltig ausgewiesen werden. Allerdings dürfte durchaus ein Wettbewerbsnachteil entstehen und die Investorennachfrage sinken, wenn man sich als einer der wenigen Marktteilnehmer nicht an die neuen Standards anpasst und den Nachhaltigkeitsgrad eines Objektes oder eines Portfolios angibt. Insofern überrascht das Umfrageergebnis nicht. 55 Prozent der Umfrageteilnehmer haben großes bis sehr großes Interesse an einer Transformation ihrer Gebäude bis hin zur Taxonomiekonformität, wohingegen für 27 Prozent das Interesse eher klein bis klein ist. Interessant ist, dass Taxonomiekonformität für 18 Prozent kein Begriff ist. Hier ist also weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten.
CO₂-Steuer polarisiert
Was die Wirksamkeit der CO₂-Steuer auf Immobilien angeht, ist das Meinungsbild gespalten. 49 Prozent der Umfrageteilnehmer halten die CO₂-Steuer auf Immobilien für etwas wirksam bis sehr wirksam. 34 Prozent halten sie für weniger wirksam bis unwirksam. Acht Prozent sind unentschieden und neun Prozent haben sich damit noch nicht auseinandergesetzt. Ganz anders das Meinungsbild der über das Umfragetool Civey befragten 2.500 Personen. 62,5 Prozent der Civey-Umfrageteilnehmer halten die CO₂- Steuer für eher unwirksam und 17,3 Prozent sind unentschieden. Die entscheidende Frage hierbei ist, ob man über eine Bepreisung den Ausstoß von CO₂ verringern kann oder ob sich das Nutzerverhalten auch bei einer Preiserhöhung nicht verändert. In der Vergangenheit haben Preiserhöhungen auf Kraftstoff und Heizmittel wenig Auswirkung auf den Verbrauch gehabt. Auch die Quote der energetischen Sanierung im Bestand ist nach wie vor niedrig.
Auch die Bereitschaft für den CO₂-Ausstoß zu zahlen ist gering. Von den über das Umfragetool Civey befragten 2.500 Personen, die zur Miete wohnen, sind 72,1 Prozent grundsätzlich nicht bereit, CO₂-Steuer zu zahlen. 9,7 Prozent würden lediglich ein bis zwei Prozent ihrer Nettokaltmiete für den Verbrauch von CO₂ aufbringen wollen. Wie sich die CO₂-Steuer tatsächlich - auch für jeden einzelnen - auswirken wird, wird sich zeigen. Die Verpflichtung, CO₂ zu einzusparen, trifft aber alle, egal ob Immobilienbranche oder Einzelperson.
Nachhaltige Finanzierung- und Refinanzierungsprodukte auf dem Vormarsch
Ein nachhaltiges Finanzwesen sorgt dafür, dass bei Finanzentscheidungen Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt werden. Auf diese Weise werden mehr klimaneutrale, energie- und ressourceneffiziente sowie kreislauforientierte Projekte auf den Weg gebracht. Diese Wichtigkeit unterstreicht unser Umfrageergebnis nachdrücklich: 79 Prozent der Umfrageteilnehmer gehen davon aus, dass nachhaltige Re-Finanzierungsprodukte für ihr Unternehmen immer wichtiger (etwas wichtiger und viel wichtiger) werden. 15 Prozent sehen eine gleichbleibende Wichtigkeit und zwei Prozent glauben, dass dies etwas oder viel unwichtiger wird. Vier Prozent können dies nicht beurteilen.
Deutscher Immobilienmarkt bleibt attraktiv
Für 78 Prozent der Umfrageteilnehmer ist der deutsche Markt für gewerbliche Immobilien viel attraktiver beziehungsweise etwas attraktiver im Vergleich zu den europäischen Märkten. Für 19 Prozent der Befragten ist er gleichbleibend attraktiv und für drei Prozent weniger attraktiv. Der deutsche Immobilienmarkt scheint nicht nur resilient gegen alle äußeren Einflüsse, insbesondere die Corona-Pandemie, sondern erweist sich in der Krise auch als besonders attraktiv. Dies ist sicherlich ein Ergebnis der bislang konsequent verfolgten Krisenpolitik der Bundesregierung, des nach wie vor bestehenden Anlagedrucks aufgrund des niedrigen Zinsniveaus und der vorhandenen Liquidität am Immobilienmarkt.