Colliers International hat Anfang 2018 in Deutschland den Bereich ‚Digital Projects‘ etabliert. Über dessen Ziele und Aufgaben sprachen wir mit COO Julius Bender und dem Leiter der neuen Digitaleinheit Henning Steinbach.
Herr Bender, welche Idee steht hinter ‚Digital Projects‘?
Julius Bender : Zum einen tragen wir damit dem herrschenden Digitalisierungstrend in unserer Branche Rechnung. Zum anderen haben wir die Gelegenheit genutzt, die sich organisatorisch durch die Verschmelzung der einzelnen Colliers-Gesellschaften vor rund einem Jahr geboten hat. Wir standen ohnehin vor der Herausforderung neue Strukturen zu schaffen und unterschiedliche Datenbanken, Systeme und Anwendungen zusammenzuführen. Daher haben wir entschieden, das Thema Digitalisierung für uns komplett neu und breit aufzusetzen.

Henning Steinbach : Für uns als Immobilienberater ist die Frage, welchen Einfluss die Digitalisierung auf unsere Organisation und auf unsere Dienstleistungen hat. Bei Digital Projects geht es also zum einen um unsere Innensicht, darum, unsere eigenen Prozesse zu optimieren und Effizienzgewinne zu erreichen. Zum anderen wollen wir natürlich auch Daten über den Markt und unsere Kunden nutzen um bessere Dienstleistungen anbieten zu können. Es geht darum, technologische Möglichkeiten mit aktuellen Marktthemen zu kombinieren.
Wie ist der Bereich organisatorisch im Unternehmensverbund angesiedelt?
Julius Bender : Henning Steinbach berichtet direkt an mich und an unseren CEO Matthias Leube. Digital Projects ist also sehr hoch unmittelbar unter dem C-Level angesiedelt. Aktuell gibt es insgesamt vier Kollegen, die dort an Themen arbeiten, der Bereich soll aber noch größer werden.
Wen suchen Sie, eher Immobilienprofi oder eher Techi?
Henning Steinbach : Es ist Verständnis und Know-how aus beiden Welten gefragt, wobei die Ausprägungen in die eine wie die andere Richtung sicherlich fließend sein werden.
Ist der digitale Wandel für Immobilienunternehmen in erster Linie gar nicht unbedingt ein technisches, sondern eher ein organisatorisches Thema?

Julius Bender : Es ist vor allen Dingen eine Aufgabe des Change Managements, da Prozesse und Strukturen betroffen sind, die sehr viel tiefer ins Unternehmen eingreifen als mancher im ersten Moment vielleicht ahnt. Bei Big Data geht es zum Beispiel zunächst einmal darum, welche Datenschätze bereits im Verborgenen schlummern, und wie wir diese zugänglich und nutzbar machen. Erst im zweiten Schritt können diese Daten dann mithilfe der Technologie auf die Anwendungsebene gehoben und zu Dienstleistungen gemacht werden. Die Arbeit fängt sozusagen erst einmal unten an.
Henning Steinbach : Es geht darum, Kundendaten und Marktdaten zusammenzubringen und daraus neue oder bessere Dienstleistungen zu machen. Dazu schauen wir uns den kompletten Prozess der Beratung an und müssen entscheiden, an welcher Stelle technologische Tools sinnvoll wären. Den Kunden etwa virtuelle Rundgänge als separate Leistung anzubieten, bloß weil sie jetzt technisch möglich sind, macht keinen Sinn. Im Mittelpunkt muss immer der durchgängige Prozess stehen.
Wie werden sich das Aufgabengebiet und der Beruf der Immobilienberater verändern?
Henning Steinbach : Die technologischen Möglichkeiten führen zu mehr Effizienz und sie schaffen unseren Mitarbeitern damit mehr Zeit für tiefergehende Beratungen der Kunden.
Julius Bender : Meiner Meinung nach wird der menschliche Faktor weiter sehr wichtig sein. Auch wenn zum Beispiel Künstliche Intelligenz den Makler unterstützt, denke ich nicht, dass er überflüssig wird. Es ist ja auch heute schon so, dass Makler mehr sind als bloß menschliche Suchmaschinen, die aus einer Datenbank das passende Angebot für die Kundenanfrage generieren. Der Beratungsanteil ist heute schon sehr hoch, was man auch daran sieht, dass viele Kunden letztlich andere Flächen mieten als sie ursprünglich angefragt hatten.
Sie haben eingangs von der Herausforderung gesprochen unterschiedliche Systeme und Datenbanken zusammenzuführen. Welche Hürden sehen Sie sonst noch im digitalen Wandel?
Julius Bender : Man muss unbedingt die Nutzerakzeptanz im Blick haben. Damit meine ich, dass es für unsere Berater, die Daten sammeln und in unsere Systeme einspeisen eine Balance zwischen Aufwand und Nutzen geben muss. ‚Keep it simple‘ ist da sicher ein guter Leitspruch. Außerdem muss ich als Berater auch selbst sehen, dass die Daten etwas bringen. So entsteht automatisch Akzeptanz.
Noch ein Ausflug zu einem angrenzenden Thema. Anfang des Jahres hat Colliers International in Zusammenarbeit mit Techstars einen eigenen Accelerator gestartet, der in Toronto angesiedelt ist. Haben Sie auf dem Feld der Proptechs schon interessante Ideen ausgemacht?
Julius Bender : Generell bewegt sich der Großteil der Proptechs ja im B2C-Bereich, im Wohnsegment oder im Bereich Property und Asset Management. Es gibt sicherlich interessante Ansätze, aber wenn ich ehrlich bin, hat mich noch keine Idee so vom Hocker gerissen, dass ich sagen würde: Das ist genau das Puzzlestück, das unserem eigenen Geschäftsmodell noch gefehlt hat. Aber wir beobachten den Markt sehr genau und halten Ausschau nach spannenden Konzepten oder auch nach Ideen, die mit unserem eigenen Business konkurrieren.
Das Interview führte Markus Gerharz.